Nach Erhards Vorschlag sollte der Staat bei Kriegsende die von ihm – ziemlich präzise – auf 400 Milliarden Reichsmark geschätzten Verbindlichkeiten als nominelle Schuldtitel übernehmen, vorübergehend still- oder auf Eis legen und erst später durch Ausgabe neuer langfristiger staatlicher Schuldtitel tilgen. Zum anderen sollte so rasch wie möglich eine Verbrauchsgüterproduktion in Gang gesetzt werden, um schnell ein konsumfähiges Sozialprodukt zu gewährleisten. Dabei lässt Erhard zugleich auf den letzten vierzig Seiten anklingen, dass er als eigentliches zentrales Fundament des Neuanfangs eine grundsätzliche und nachhaltige Liberalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft ansah. Staatliche Gängelung und Bevormundung mussten ebenso enden wie die umfassende Bewirtschaftung, die staatliche Lenkung und Verteilung der Güter, die staatliche Festsetzung der Löhne und Preise. Der Staat als ordnende Kraft solle sich zwar nicht vollständig aus dem Wirtschaftsleben zurückziehen und vor allem in der zweifelsohne krisenhaften Übergangszeit lenkend in das Geschehen eingreifen, aber seiner »wirtschaftlichen Potenz und Initiative« seien zum Wohle aller »doch sehr enge Grenzen« zu ziehen. 8
Ein wichtiger Adressat außerhalb des RI-Kreises, dem Ludwig Erhard seine Denkschrift schon bald nach ihrer Fertigstellung im März 1944 mit der Reichspost geschickt hatte, war Carl Friedrich Goerdeler, der frühere Preiskommissar für Preisüberwachung und von den Nationalsozialisten abgesetzte Leipziger Oberbürgermeister. Wie bereits erwähnt, hatten sich die beiden 1934/35 kennengelernt und seitdem in lockerer Folge über ökonomische Themen und Fragestellungen ausgetauscht. Goerdeler, der nach eigener Aussage »in den ersten Jahren nach 1933 mit der NSDAP vollkommen vertrauensvoll zusammengearbeitet« hatte 9, ging ab 1937 nach der Zerstörung des Leipziger Mendelssohn-Denkmals durch Nationalsozialisten in immer entschiedenere Opposition zum Regime. In zurückgezogener, wenig exponierter Stellung als Berater der Robert Bosch GmbH organisierte Goerdeler mit wachsender Akribie den Widerstand gegen das NS-Regime und wurde zum Kopf der zivilen Gegner, der nach einem erfolgreichen Attentat als möglicher neuer Reichskanzler gelten konnte.
Der Kontakt zwischen ihm und Erhard muss in den Kriegsjahren an Intensität gewonnen haben, obwohl in der Vershofen-Korrespondenz lediglich ein einziger Besuch Goerdelers im Institut in Nürnberg für den 21. Februar 1941 belegt ist und es dabei formal um einen neuen Auftrag, diesmal von Bosch, gehen sollte. Erhard berichtete jedenfalls im hohen Alter, Goerdeler habe ihn während des Krieges einmal zu seiner großen Überraschung in Berlin im Hospiz am Askanischen Platz mit Generaloberst Ludwig Beck zusammengebracht, der nach seiner eigenen erfolglosen Konspiration gegen Hitler 1938 aus dem Dienst ausgeschieden war, aber im Krieg zu einem weiteren zentralen Kopf des Widerstands wurde und vor allem das Netzwerk zwischen militärischer und ziviler Opposition wie dem Kreisauer Kreis und Teilen der Mittwochsgesellschaft enger knüpfte. Beck war nach einem erfolgreichen Staatsstreich als mögliches Staatsoberhaupt vorgesehen. Das Treffen konnte nicht in seiner Wohnung stattfinden, denn diese wurde von der Gestapo überwacht. »In unserem Gespräch wurden Fragen der deutschen Zukunft sachlich erörtert«, erinnerte sich Erhard lakonisch. 10
Auch Goerdeler beschäftigten intensiv jene Fragen, die Erhard in seiner Denkschrift anschnitt, wie man seinen Redemanuskripten aus der Kriegszeit entnehmen kann, die im Bundesarchiv in Koblenz aufbewahrt werden. In einer Rede vom 15. Juni 1940 zeigte Goerdeler sich beispielsweise schon stark besorgt über den rapiden Preisanstieg und Währungsverfall, der nach einer Aufhebung der NS-Kommandowirtschaft und des staatlich verordneten Preisstopps zwangsläufig eintreten würde, und sprach sich für wirtschaftliche Freiheit, Wettbewerb und freien Außenhandel in einem großen europäischen Wirtschaftsraum aus. 11Beide sendeten, was ökonomische Fragen anging, tatsächlich auf einer Wellenlänge.
Die Empfehlung Goerdelers an seine Mitverschwörer, Erhard werde sie »gut beraten« (s. Hervorhebung), war nach dem 20. Juli 1944 lebensgefährlich .
Allein dieser Umgang hätte ausgereicht, um Ludwig Erhard nach dem 20. Juli 1944 in Lebensgefahr zu bringen. Noch brisanter war die Tatsache, dass Goerdeler kurz vor seiner Verhaftung in einem seiner zahlreichen handschriftlichen Memoranden seine Mitverschwörer explizit auf Erhards Denkschrift hingewiesen und dabei ihren Verfasser überhaupt als einzigen lebenden Deutschen namentlich erwähnt hatte, mit einem kleinen Fehler bei der Namensangabe, der auch Konrad Adenauer später bisweilen unterlaufen sollte: »Dr. Erhardt(!) vom Forschungsinstitut der deutschen Industrie in Nürnberg hat über die Behandlung dieser Schulden eine sehr gute Arbeit geschrieben, der ich im wesentlichen beistimme. Er wird Euch gut beraten.« 12
Wäre diese Aufzeichnung während der »Aktion Gewitter« bei der Jagd auf die Verschwörer vom 20. Juli in die Hände der Gestapo gefallen, hätte Ludwig Erhard sicherlich zu den rund 4000 Verhafteten gehört und mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Doch anders als Goerdeler, der, auf seiner Flucht verraten, am 12. August verhaftet, anschließend vom Volksgerichtshof Freislers verurteilt und am 2. Februar 1945 in Plötzensee gehenkt wurde, entging Erhard jeglicher Verfolgung. Und das, obwohl er auch noch nach dem 20. Juli Kurzfassungen seiner Denkschrift mit sich in seiner Aktentasche herumtrug, sie etwa dem darüber völlig verschreckten Theodor Eschenburg im Oktober 1944 zu lesen gab – zum Dank, dass dieser, damals Syndikus der deutschen Knopfindustrie, ihm mit Perlmuttknöpfen ausgeholfen hatte! 13
War das nicht bodenloser Leichtsinn? Er musste ja wissen, dass er dadurch nicht nur sich selbst und seine Familie, sondern seine ganze Umgebung in Gefahr brachte, also etwa auch seine Sekretärin Ella Muhr, der er die rund 270 Seiten starke Denkschrift, vermutlich auch die Kurzfassung, diktiert hatte. Verhinderte sein optimistisches Naturell, seine bisweilen markante politische Naivität, dass er sich die möglichen negativen Folgen allzu deutlich ausmalte? Oder wusste oder wähnte er sich durch die Reichsgruppe Industrie, durch deren vielfältige Verbindungen oder sogar durch das Reichswirtschaftsministerium abgesichert? Dass die durch irgendwelche jederzeit möglichen Zufallsfunde belegte Verbindung zu Goerdeler nicht ungefährlich war, dessen war sich Ludwig Erhard durchaus bewusst – und ganz besonders seine Frau Luise, die vorsorglich nach der Verhaftung schon nach einem »Ausweichquartier«, einem Unterschlupf bei Bauern in der Umgebung Fürths zu suchen begonnen hatte, das sie dann aber doch nicht bezogen. 14
Eine Rolle bei alledem könnte auch gespielt haben, dass er schon vor dem 20. Juli offenbar erfolgreich Kontakte ins Reichswirtschaftsministerium geknüpft hatte, vermutlich vor allem aus Sorge, er könne tatsächlich noch einmal zum Heeresdienst eingezogen werden. Seiner Tochter hatte er schon am 12. Juli 1944 geschrieben, er glaube, eine Einberufung nicht mehr befürchten zu müssen, »denn meine Arbeit wird immer wichtiger und unentbehrlicher, so daß ich mich sogar mit dem Gedanken trage, mich durch das Wirtschaftsministerium sicherstellen zu lassen.« 15
Insgesamt hatte das Attentat und der nach dem 20. Juli einsetzende Verfolgungsdruck interne Gesprächsrunden über wirtschaftliche Zukunftsplanungen nicht wirklich erschwert bzw. unterbrochen, denn seit Herbst 1943 standen Rudolf Stahl und Karl Albrecht von der Reichsgruppe Industrie in engem Austausch mit dem Reichswirtschaftsministerium, insbesondere mit der Grundsatzabteilung unter Otto Ohlendorf und Franz Hayler sowie der Außenwirtschaftsabteilung unter Franz Kirchfeld und dem dort angesiedelten Arbeitskreis für Außenwirtschaftsfragen, für den als Sachverständige unter anderem der spätere Bundesbankpräsident Karl Blessing und Erhards späterer Staatssekretär Ludger Westrick von den Vereinigten Aluminiumwerken, einer besonders kriegswichtigen Branche, arbeiteten.
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