Bereits im August war eine Zusammenfassung von Erhards Untersuchung auf Anregung von Rudolf Stahl unter anderem an Friedrich Flick, Fritz Jessen (Siemens & Halske), Carl Goetz (Dresdner Bank), Oswald Rosier (Deutsche Bank), Alfred Olscher (Reichs-Kredit-Gesellschaft) sowie an Hermann Schmitz (I.G. Farbenindustrie) und Philipp F. Reemtsma gesandt worden, an jenen Kreis hoher Wirtschaftsführer und -funktionäre also, der mit ziemlicher Sicherheit Erhard bereits mit seinen Spenden die Gründung seines eigenen kleinen Instituts ermöglicht hatte. 16
Im Herbst 1944 muss dann auch Otto Ohlendorf von der Denkschrift erfahren haben, er wurde jedenfalls auf Erhard aufmerksam und wünschte ihn kennenzulernen. Dieser Mann war ein überzeugter Nationalsozialist, der – ein typischer Vertreter der »Generation des Unbedingten« – schon 1925 mit achtzehn Jahren in Partei und SS (mit der Nummer 880) eingetreten und zugleich an ökonomischen Fragen sehr interessiert war. 17Nach seiner fundierten wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung am renommierten Kieler Institut für Weltwirtschaft hatte ihm eine akademische Karriere offengestanden. Er entschied sich jedoch 1936 für die Stelle eines Wirtschaftsreferenten beim Sicherheitsdienst (SD) des Reichsführers SS. Im engen Kontakt mit Himmler und Heydrich machte er rasch Karriere. Ohlendorf war der maßgebliche Erfinder der »Meldungen aus dem Reich«, die nur dem engsten Führungszirkel des Regimes zur Verfügung gestellt wurden. Gestützt auf unverfälschte Meinungsbilder sollten die SD-Berichte über die aktuelle Stimmung in Hitlers Herrschaftsbereich Aufschluss geben. Nach Gründung des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) im September 1939 war er außerdem dort bis 1945 Leiter des Amtes III (Deutsche Lebensgebiete) und Chef des Sicherheitsdienstes. Weil ihn Himmler für zu weich hielt, übertrug er ihm nach dem Überfall auf die Sowjetunion für ein knappes Jahr die Leitung der Einsatzgruppe D, die im Südkaukasus und der Ukraine – unter anderem in Babi Jar – in Massakern mehr als 90 000 Menschen erschossen und damit weite Teile der jüdischen Bevölkerung ausrotteten. In den Nürnberger Prozessen nach dem Krieg bestritt er als Zeuge wie auch als Angeklagter im Einsatzgruppenprozess diese Taten nicht und erklärte kühl und sachlich die Tötungen für rassenpolitisch geboten und notwendig. Dafür wurde er zum Tode verurteilt und – obwohl das Grundgesetz die Todesstrafe abgeschafft hatte – am 7. Juni 1951 auf besatzungsrechtlicher Grundlage in Landsberg am Lech hingerichtet.
Ohlendorf tritt hier jedoch nicht in der Rolle des SS-Gruppenführers in Erscheinung, sondern als Stellvertreter des Staatssekretärs im Reichswirtschaftsministerium, eine Position, die er ab 1943 parallel zu seinen SS-Positionen innehatte. Aus den SD-Berichten, in denen vielfach auch Wirtschaftsthemen angeschnitten wurden, wusste Ohlendorf, dass 1943/44 die Zukunftssorgen, nicht zuletzt durch die militärischen Misserfolge befördert, deutlich angestiegen waren und dabei speziell die Sorge um die Zukunft des Geldes und der eigenen Ersparnisse zugenommen hatten. Im Kern zutreffende Gerüchte über eine beschleunigte Vermehrung des umlaufenden Geldes und eine rapide Vergrößerung des staatlichen Schuldenbergs kamen hinzu. Durch ungeschickte Presseveröffentlichungen, wonach der Kaufkraftüberhang durch Steuererhöhungen und Vermögensabgaben abgeschöpft werden sollte und Spargeldern die baldige staatliche Beschlagnahme drohe, waren die unbestimmten Inflationsängste zusätzlich angeheizt worden. 18Ohlendorf als hochintelligenter Jurist und Nationalökonom wusste also, wie aktuell und wichtig zugleich die Untersuchungen waren, die im Umfeld der Reichsgruppe Industrie durchgeführt wurden, und hielt dementsprechend die Hand über sie.
Im November 1944 wünschte er Erhard persönlich zu treffen, der nicht nur mit der fabulösen Denkschrift, sondern offenbar noch mit weiteren Arbeiten von sich reden machte, wie aus einem Schreiben von Rudolf Stahl an den »Ministerialdirektor und SS-Gruppenführer« Ohlendorf vom 14. November hervorgeht:
»Da am Freitag die von Ihnen angeregte Aussprache mit Herrn Dr. Erhard stattfinden soll, gestatte ich mir, Ihnen eine mir heute zugegangene weitere Ausarbeitung des Herrn Dr. Erhard zu übersenden. Hierin ist auf meine Anregung hin der Versuch gemacht worden, die Problemstellung für den späteren Friedenswiederaufbau sowohl nach der Geld- wie nach der Güterseite zu umreißen. Ich glaube, daß sich dieses Exposé als Unterlage für Ihre Unterhaltung mit Herrn Dr. Erhard gut eignet … Den Auszug aus der Erhard’schen Denkschrift über die Schuldenkonsolidierung nebst Korreferat von Herrn Dr. Keiser überreichte ich Ihnen bereits am Freitagabend. Ich habe Herrn Dr. Erhard gebeten, Ihnen seine ausführliche Denkschrift persönlich zu übergeben … Wenn erst das Programm feststeht und von Ihnen gebilligt ist, wird es darauf ankommen, die einzelnen noch offen stehenden Probleme … systematisch weiter durchzupflügen und auf diese Weise die unbedingt erforderliche Vorarbeit zu leisten, auf die die späteren Entschlüsse der staatlichen Wirtschaftsführung aufbauen können.« 19
Das von Stahl angesprochene Treffen fand am Donnerstag, dem 16. November – nicht am Freitag, wie Stahl angenommen hatte –, im Ministerium in Berlin statt, wo Erhard ihm dann wie von Stahl bereits avisiert die Langfassung seiner Denkschrift überreichte. Ohlendorf stellte eine engere Zusammenarbeit zwischen dem Wirtschaftsressort und dem Institut für Industrieforschung in Bayreuth in Aussicht. Ein weiteres Treffen wurde für den 12. Januar verabredet. An diesem Termin war Ohlendorf jedoch verhindert und ließ sich von Karl Günter Weiss, dem unter anderem für Erhards Institut zuständigen Ministerialreferenten, vertreten. Erhard kannte dessen Vater, den Repräsentanten von Woolworth-Deutschland, und sprach deshalb ihm gegenüber offen von der erkennbaren Absicht Ohlendorfs, seiner Arbeit »weltanschauliche Vorstellungen zu unterstellen«, sie also für sich zu instrumentalisieren. Weiss hat in seinen 1996 publizierten Erinnerungen unter dem Titel Wahrheit und Wirklichkeit über dieses Gespräch berichtet. Er will Erhard damals gesagt haben, dass alle Wissenschaftler behaupten würden, ihre Arbeiten seien »wertfrei« angelegt und dürften keiner politischen Intention unterworfen werden. Angemessener sei es aber, wenn jeder die Zielrichtung seines Denkens klar zu erkennen geben würde. Er habe die Denkschrift selbst auch gelesen. Nach seiner Auffassung solle Erhard seine Analysen unter dem Titel »Soziale Marktwirtschaft« herausbringen: »Was Sie wollen und was ich daraus verstehe, ist eine großräumige Wirtschaftsordnung mit freien Märkten und einer umfassenden privaten Eigentumsgarantie. Ob Sie das nun eine demokratische Marktwirtschaft nennen oder als eine soziale Marktwirtschaft bezeichnen, kann doch so wesentlich nicht sein.«
Horst Friedrich Wünsche hat 2015 diese Version vom frühesten Auftauchen des berühmten Begriffs, als dessen Erfinder ja eigentlich Alfred Müller-Armack im Jahr 1946 gilt, für glaubhaft erklärt. Erhard jedenfalls soll er schon damals sofort gefallen haben, und er soll erklärt haben, ihn zukünftig zu benutzen. 20Tatsächlich war Erhard vermutlich die heute zur inhaltsleeren Politikerfloskel herabgesunkene Etikettierung weitgehend egal, wie er sich auch später nicht sonderlich für sie interessierte. Wichtiger war, dass der unmittelbare Kontakt zu Ohlendorf Episode blieb und dementsprechend zutraf, was Ludwig Erhard 1964 im vertraulichen Gespräch mit Hermann Höcherl eingestand, dass es zwar stimme, dass er im Dritten Reich auch für das Regime tätig gewesen sei, »jedoch nur im wirtschaftlichen Bereich und letztlich in einer Weise, dass nichts vorliegt, was ich zu befürchten habe …« 21
Dabei war der Hinweis von Weiss gar nicht einmal ganz falsch gewesen, denn in vagen Umrissen und sicherlich noch fragmentarisch zeichnete sich in der Denkschrift tatsächlich etwas von dem ab, was auch Jahre später, nachdem das Etikett »Soziale Marktwirtschaft« gängiges Label geworden war, noch für seine Wirtschaftskonzeption kennzeichnend und bestimmend bleiben sollte. Schon 1943/44 ging es Ludwig Erhard darum, die Wirtschaft »nach einer möglichst kurzen Übergangszeit aus den Fesseln der staatlichen Bevormundung zu lösen«, sprach er von der Notwendigkeit eines Lastenausgleichs, einer möglichst gerechten Verteilung der unvermeidlichen Opfer, vom Zwang des Staates zu einer Wirtschaftspolitik, die wieder das Vertrauen der Bürger verdiene. 22
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