Cajkovski hatte auf dieser Position einige Kandidaten ausprobiert, so richtig überzeugen konnte ihn keiner. Beim Inter-Toto-Runden Spiel gegen den Schweizer Verein AC Bellinzona bekam der Neuling aus Uelzen seine Chance. Vielleicht nicht seine Lieblingsposition, aber das war nur zweitrangig, passte sie doch wunderbar zu Zobels oberstem Prinzip: Wo auch immer der Trainer dich aufstellt, sei so gut, dass die Mannschaft dich braucht, dass du unverzichtbar bist. Seine Vielseitigkeit zahlte sich aus. 96 gewann das Spiel locker mit 4:0, die Frage nach dem dritten Mann im Sturm war geklärt und die Fachpresse beeindruckt: „Rainer Zobel, der Amateur-Nationalspieler, ist der kommende Rechtsaußen bei Hannover 96. Von allen Möglichkeiten, die Tschik Cajkovski auf dieser Position ausprobierte, spielte er am wirkungsvollsten.“ Seinem Bundesligadebüt in ein paar Tagen stand nichts mehr im Wege.
Rechtzeitig vor Saisonbeginn hatte sich der Deutsche Fußball-Bund mit ARD und ZDF auf einen neuen Vertrag geeinigt. Der alte war ausgelaufen und es gab Vereine, denen die Fernsehbilder überhaupt nicht passten, Bayern München gehörte dazu. Deren Präsident Wilhelm Neudecker war davon überzeugt, dass die „Sportschau“ um 17:45 Uhr die Leute aus den Stadien treibe und die Einnahmeverluste weit höher seien als die gerade einmal 2.300 Mark Entschädigung pro Verein und Heimspiel. Tatsächlich strömten die Fans nicht mehr so zahlreich zu den Bundesligaspielen wie noch in den ersten Jahren. Ob es an den Fernsehbildern bereits eine halbe Stunde nach dem Abpfiff lag, darüber wurde gestritten. Am Ende entschied wie so oft das Geld, man einigte sich kurz vor Anstoß der Saison 68/69. Die ARD durfte samstags ab 18 Uhr eine halbe Stunde berichten, dem ZDF wurden ab 21 Uhr drei bis vier Bundesligaspiele zugestanden, ebenfalls in einer Gesamtlänge von maximal 30 Minuten. Die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten zahlten dafür 1,68 Millionen Mark pro Saison, fast doppelt so viel wie bisher.
„Der Fernsehkrieg ist aus“, freute sich der „kicker“, dessen Kommentator Richard Becker seine Vorbehalte gegenüber diesem Medium aber nicht verbergen konnte: „Der Bildschirm ist ein Kind unserer Zeit. Aber ich habe etwas gegen die Mini-Ausschnitte, die dem unbedarften Betrachter das Gefühl suggerieren wollen, er könne nun mitreden und wisse alles. Diese drei oder vier Minuten pro Spiel, gespickt mit Toren und den sogenannten Höhepunkten, verfälschen den Fußball. Mit diesen Ausschnitten läßt sich alles beweisen, aber sie interpretieren den Fußball keineswegs so, wie er wirklich ist. Darin sehe ich die große Gefahr.“
Zobel sah es weniger verbissen und freute sich auf seinen ersten Auftritt in der Bundesliga, seine Mannschaft musste bei Werder Bremen antreten. Dass er im Weserstadion zur Startelf zählen würde, hatte ihm sein Trainer schon ein paar Tage vorher gesteckt. Obwohl er nicht die geringste Spur von Nervosität zeigte, forderte ihn sein Trainer am Spieltag auf, gleich nach dem Frühstück eine Art Zaubertrank zu sich zu nehmen. „Um die Nerven zu beruhigen“, so Cajkovskis fürsorgliche Begründung. Ansonsten war Flüssigkeitsaufnahme verpönt, bei Hannover 96 genauso wie bei jedem anderen Verein in der Bundesliga. Die Spieler sollten mit so wenig Wasser wie möglich auskommen, empfahl die Ernährungswissenschaft. Später bei Bayern München gab es beim Abendessen für jeden eine kleine Flasche Mineralwasser. Wer mehr wollte, ließ sich besser nicht erwischen. Beim Bier waren die Vorschriften weniger streng. „Fritz Walter ist auch ohne Wasser ausgekommen“, war so ein Spruch, den Zobel immer wieder hörte und dann entgegnete: „Der sah ja auch aus wie eine ausgetrocknete Zitrone.“
Beeindrucken konnte er seine Trainer damit nicht. Das Gebräu, das er vor seinem ersten Bundesligaspiel zu sich nehmen sollte, hieß in der Mannschaft Ochsenblut. Es sollte vor allem jüngeren Spielern Beine machen und der Name deutete mehr als nur an, dass es um die Mobilisierung der allerletzten Reserven ging. „Tschiks“ Zaubertrank bestand aus rohem Eigelb, Traubenzucker und einem ordentlichen Quantum Rotwein. Alles in einen Mixer, ordentlich schütteln – und dann runter damit. Das erste Glas hätte ihm schon fast die Schuhe ausgezogen, aber „Tschik“ wollte auf Nummer sicher gehen, schenkte nach und befahl, auch das zweite Glas Ochsenblut zu leeren. Gegen Mittag war Zobel wieder soweit in Schuss, dass er den Ausführungen seines Trainers bei der Mannschaftsbesprechung halbwegs folgen konnte: „Zobel“, hatte Cajkovski auf ihn eingeredet, ohne sich um Nebensächlichkeiten wie Satzbau oder Grammatik zu kümmern, „Sie müssen so laufen, dass diese laufen hinter Sie. Und nicht Sie hinter diese.“
Er hielt sich daran, trotzdem verlor Hannover 96 die Auftaktpartie mit 2:3. Cajkovski ärgerte sich über das Ergebnis, seinem Neuling aber zollte er großes Lob: „Bester Mann war für mich Zobel!“, teilte er den ebenfalls beeindruckten Reportern mit. Die „Hannoversche Allgemeine“ schrieb: „Von den drei Amateuren, denen Cajkovski eine Chance gab, schnitt der schmächtige Zobel am besten ab. Er hatte Witz und bewies auch mit dem Ball umzugehen.“ Zobel gehörte zu den wenigen Spielern, die die 30.000 Zuschauer daran erinnerten, warum sie ins Weserstadion gekommen waren: „Werder hat teilweise Rugby gespielt“, schimpfte Cajkovski, aber auch seiner Mannschaft wurde „Fußball nach Catchermanier“ attestiert: „Sie stürzten wie die Habichte auf den Gegner. Blinder Eifer schadet nur.“
Nach sechs Spielen wartete Hannover 96 immer noch auf den ersten Sieg und stand auf dem vorletzten Tabellenplatz. Dann schien mit Alemannia Aachen genau der richtige Gegner zu kommen, um den eigenen Anhang zu versöhnen. Die Niedersachsen spielten in der ersten Halbzeit einen berauschenden Fußball und hätten locker 8:0 führen können, begnügten sich aber mit einem 4:0. Im zweiten Durchgang bauten sie dann stark ab, sodass trotz eines 5:2-Siegs kaum einer zufrieden nach Hause ging. Irgendwie steckte der Wurm drin, die Saison kam nicht so richtig ins Rollen. Nach einer 1:2-Heimniederlage gegen Eintracht Frankfurt schwoll der Volkszorn so richtig an. Einige hundert der nur noch 18.000 Zuschauer hatten sich vor dem Stadion versammelt, weil sie mit dem Trainer ein paar ernste Worte wechseln wollten. Cajkovski hatte keinen Gesprächsbedarf und wurde auf Umwegen aus dem Stadion gebracht.
Das 1:0 gegen den späteren Meister Bayern München brachte immerhin einen versöhnlichen Abschluss der Vorrunde, aber die 96er schafften es auch in der Rückrunde nicht, sich von den Abstiegsrängen abzusetzen. Drei Spieltage vor Schluss standen sie auf Platz 11, nur zwei Punkte vor dem Tabellenletzten, dem Titelverteidiger und späteren Absteiger 1. FC Nürnberg. Ansehnlicher Fußball war unter diesen Bedingungen längst nicht mehr gefragt, nach einem 1:1 bei Schalke 04 bemerkte deren Trainer Rudi Gutendorf: „Eine solche Catchertruppe wie Hannover 96 habe ich noch nie gesehen.“ Und sein begnadeter Rechtsaußen Reinhard „Stan“ Libuda stöhnte: „Junge, Junge, was für Treter. Das hatte mit Fußball nun wirklich nichts mehr zu tun.“
Einen Spitzenplatz hatte „Tschik“ mit seiner Mannschaft angestrebt, am Ende einer enttäuschenden Saison waren alle froh, den Klassenerhalt gesichert zu haben. Zu den wenigen erfreulichen Erscheinungen zählte Rainer Zobel. Wie von seinem DFB-Trainer Udo Lattek vorhergesagt, eroberte er sich einen Stammplatz, stand in 33 von 34 Spielen in der Startelf und schoss auch vier Tore. Sein Trainer hielt ihn jetzt für so stabil, dass er Zobel künftig ohne seine Ration Ochsenblut aufs Feld schickte.
Von einem rundum gelungenen ersten Jahr konnte trotzdem nicht die Rede sein. Seine Schulkarriere lag auf Eis, der Verein fühlte sich an die mündlich gegebene Zusage nicht mehr gebunden, ein regelmäßiger Unterrichtsbesuch ließ sich angeblich nicht mit den Anforderungen an einen Bundesligaspieler verbinden. Seinem Vater machte das mehr zu schaffen als ihm selbst. Otto Zobel ärgerte sich über seine Gutgläubigkeit, er hätte sich die Zusage schriftlich geben lassen sollen und alles hätte seine Ordnung gehabt. So dachte ein Staatsdiener. Es war schon ein dubioses Milieu, in das sein Sohn da hineingeraten war.
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