Hinter ihr hatte eine hochschwangere Frau mit glänzendem runden Gesicht, das sich unter dem eng geknoteten Tiechel ruckartig bewegte, eine Warnung für die erschreckte Braut: »Du armes Ding, sie lügen dich an, wenn sie singen ›Alle Tage Sonnenschein‹«. Es war Bara Baer, die Frau von Sylvester Baer, dem Mann, den Ronald gebeten hatte, während seiner Hulba für ihn zu sprechen.
Einige Besucher blieben noch zum Abendessen, und junge Leute, die verpflichtet wurden, die Woche über zu bleiben, um beim jährlichen Schlachten der Truthähne zu helfen, gingen mit Mary und Ronald in Sana Basels Haus und feierten bis in den späten Abend weiter.
Die Kolonie war in Dunkel gehüllt, als das Paar Hand in Hand zu Ronalds Haus hinüberging. Marys kleine Aussteuertruhe aus Holz, ein Geschenk der Kolonie zu ihrem fünfzehnten Geburtstag, war bereits geliefert worden. Sie enthielt all ihren Besitz: sechs Kleider, ihre Unterwäsche, Taschentücher und ein kleines Stickmustertuch, das in Kreuzstichen mit dem deutschen Alphabet und dem Namen Katrina Maendel bestickt war. Es war das einzige Erbstück von ihrer Mutter.
Ronalds Haus war von der Gemeinschaft mit den herkömmlichen Geschenken ausgestattet worden: einem Doppelbett, einem Tisch und sechs Stühlen. Ein großer Schronk aus Holz (Schrank für die Aufbewahrung von Textilien) und eine Singer-Nähmaschine sollten in ein paar Wochen geliefert werden.
Den ganzen Tag über hatte Mary gemischte Gefühle gehabt und sie war erleichtert, dass alles so gut gelaufen ist. Sie freute sich, dass Elie Wipf mit Emma, der Tochter von Andreas Hofer, dem Hauptpastor, geflirtet hatte, indem er ihr die Tüte mit Süßigkeiten mauste und dann wettete, dass er die Tüte für sie wiederfinden würde. Mary erinnerte sich an den Brief mit der ablehnenden Antwort, den sie Elie geschickt hatte, nachdem sie gemeinsam die Trauben gegessen hatten, und in dem sie schrieb: »Du bist ein sehr netter Mann, aber Gott muss eine andere für dich bestimmt haben.« Sie hoffte, dass diese andere Emma war.
Mit einer kräftigen Bewegung drehte Ronald den Türknauf und reichte nach der Schnur, die von der Deckenleuchte hing. Die Jungvermählten schauten sich erstaunt an. Jemand hatte all ihre Geschenke ausgepackt und auf den Küchentisch gestellt. Neben einem Besen, einem Eimer, Handtüchern, einigen Tassen und Tellern und ein bisschen Besteck lag eine offene Karte, auf der stand: »Mögen eure Freuden unzählbar und eure Schwierigkeiten stets klein sein.« Als Belohnung für ihre Woche harter Arbeit hatte es sich die neugierige Sorah Kleinsasser erlaubt, die Geschenke auszupacken.
Auf seinem Sterbebett hatte Joseph Maendel beklemmend genaue Vorhersagen über jedes seiner Kinder gemacht. Von Mary sagte er: »Du wirst viel Disziplin, aber wenig Liebe erhalten.« Mary war froh, dass dieser Teil ihres Lebens vorüber war: Jeden Abend, wenn sie nach einem langen und ermüdenden Tag voller Arbeit für die Gemeinschaft in das kleine Zweizimmerhaus zurückkehrte, fand sie, wonach sie sich so lange gesehnt hatte – die Liebe eines Mannes und ein eigenes Heim.
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