Die Beliebtheit des Werkes lässt sich auch an dem beträchtlichen Umfang seiner Überlieferung ablesen. Alle drei Fassungen wurden nämlich lang, breit und – signifikanterweise – parallel tradiert: Die A-Fassung mit 19 hochdt. Textzeugen vom 12. bis zum späten 15. Jahrhundert, die B-Fassung mit 15 Textzeugen vom 13. bis zum 15. Jahrhundert, und die C-Fassung mit 11 Zeugen vom 13. bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert; eine weitere Handschrift überliefert eine Mischfassung von A und C.3 Von diesen insgesamt 46 Überlieferungsträgern enthalten drei noch den vollständigen Text von A, zwei den von B in vollem Umfang (ein dritter Zeuge ist defekt), vier den kompletten Text von C (ebenfalls auch mit einem bedeutenden aber defekten Zeugen); der Text der AC-Mischfassung bricht in der Karlsepisode ab. Am Ende des 16. Jahrhunderts kam noch eine frühneuzeitliche Umarbeitung der C-Fassung hinzu. Die nicht-fragmentarischen Überlieferungszeugen deuten auf die Anschlussfähigkeit des Werkes hin: Während C (mit Ausnahme der Mischfassung) nur alleine vorkommt, treten A und B auch in Sammelhandschriften auf, etwa in Verbund mit anderen Texten frühmhd. Literatur oder mit dem höfischen Roman und der Heldenepik. Zum Kontext dieser gewaltigen Tradierung gehören außerdem die lateinische Übersetzung eines kurzen Abschnittes sowie zwei Prosabearbeitungen des 13. Jahrhunderts, die sich in Kombination mit der Sächsischen Weltchronik und dem Schwabenspiegel einer umfangreichen Verbreitung erfreuten, und eine dreimal in Verbindung mit ersterer erhalten gebliebene niederdeutsche Fassung.4 Alles im allem lässt sich nachdrücklich bestätigen, was Eberhard Nellmann vor mehr als dreißig Jahren behauptete: „[K]ein anderer Text des 12. Jahrhunderts war derart erfolgreich.“5
Die Erforschung dieses literarhistorisch sowie überlieferungsgeschichtlich bedeutenden Werkes ist allerdings erschwert durch die 1892 von Edward Schröder vorgelegte kritische Ausgabe, die die Rekonstruktion der A-Fassung in ihrer ursprünglichen Gestalt auf der Grundlage der Vorauer Hs. anstrebte, die spätere Bearbeitungen jedoch stiefmütterlich behandelte und bis auf vereinzelte Angaben im Apparat gänzlich aussparte.6 Schröders Ausgabe und die damit verbundene Verfestigung der A-Fassung in der Literaturgeschichte haben die Entwicklung der Forschung maßgeblich geprägt und eindeutig beschränkt. Denn wie Kurt Gärtner vor geraumer Zeit feststellte: „Die Bearbeitungen B und C sind […] neue Werke. Auch wenn die Veränderungen des alten Textes nicht immer so weit gehen wie in der Strickerschen Bearbeitung des Rolandsliedes , eines von Form und Stil her der Kaiserchronik verwandten Werkes, so verdienen die Fassungen B und C ebenso wie Strickers Karl eigene Ausgaben, allerdings am besten in einer Synopse zusammen mit der ursprünglichen Fassung A. […] Die Fassungen B und C der Kaiserchronik gehören zu den Editionsdesideraten der Versepik des 13. Jahrhunderts.“7
Mit der Vorbereitung einer synoptischen Ausgabe aller drei Fassungen als Teil eines durch den britischen Arts and Humanities Research Council geförderten und in Cambridge, Marburg und Heidelberg durchgeführten Großprojektes soll dieser Wunsch jetzt endlich in Erfüllung gehen.8 Vorausgesehen ist eine Edition der drei mhd. Versfassungen der Chronik mit Einleitung, Stellenkommentar und kritischem Apparat. Als Leithandschriften sollen jeweils die Vorauer Handschrift (A), die Wiener Handschrift ÖNB Cod. 2779 (B), und eine zweite Wiener Handschrift ÖNB Cod. 2685 (C) dienen. Ein zweites, eng damit verbundenes Ziel des Projekts – Kaiserchronik digital – ist bereits abgeschlossen9 und öffnet der Forschungscommunity die gesamte Kaiserchronik -Überlieferung in digitalisierter Form im Rahmen einer Online-Präsentation. Jede Handschrift und jedes Fragment wird von einer recherchierbaren Transkription begleitet in einer Konstellation, die es den Nutzern erlaubt, entweder die Handschriften oder die Transkriptionen aufzurufen und in verschiedenen Kombinationen parallel zu lesen.10
Diese komplementär konfigurierten Ausgaben haben eigene Stärken und Schwerpunkte. Jene stellt die synoptische Vielfalt des Werkes zum ersten Mal in gut lesbarer Form dar, während diese multiple Vergleiche ermöglicht und feinste Unterschiede der Textvarianz dokumentiert, die in einem traditionellen Apparat sonst verlorengingen. Zusammen dienen beide Editionen dazu, neue Fragestellungen sowie innovative Zugänge zu einem der bedeutendsten Werke des deutschen Mittelalters zu eröffnen. Einige dieser Fragen werden im Folgenden am Beispiel der Tarquinius-Episode erläutert. Der Aufsatz soll konkret und exemplarisch zeigen, wie im deutschen Mittelalter eine Geschichte erzählt, umerzählt und weiter tradiert wurde. In einem ersten Schritt fokussiert er die Varianz der A-Fassung und in einem zweiten den Text der drei Fassungen. Aus Platzgründen kann die Analyse nur diese einzelne Episode behandeln und muss die Frage nach einer möglichen globalen Kohärenzstiftung des Werkes ausklammern, die die Forschung in letzter Zeit beschäftigt hat.11
Ausführliche Studien zur Varianz der drei Fassungen sind in Vorbereitung und folgen in nächster Zeit, so dass wir uns hier auf die bedeutendsten Aspekte der bekannten A-Fassung beschränken.1 Bei der Arbeit an beiden Ausgaben hat sich die A-Fassung immer wieder als ein dynamischer, von Beginn an für Retextualisierungsversuche offener Text gezeigt.2 Text- und überlieferungsgeschichtlich wesentlich ist, dass man an der Überlieferung von A genau dieselben formalen Tendenzen zur Besserung von Reim und Metrum beobachten kann, die für die Fassungen B und C so prägend sind. Wie eingangs erwähnt, wird von der Forschung immer wieder zu Recht behauptet, dass die Redaktionen B und C den alten Text von A modernisieren, und zwar auf eine Weise, die dem durch die höfische Epik bedingten Formwandel Rechnung trägt: Unreine Reime und Assonanzen werden beseitigt; die Toleranz der frühmhd. Dichtkunst gegenüber metrisch langen Versen mit bis zu sieben Hebungen und einer in rhythmischer Hinsicht sehr freien Taktfüllung (Takte – und auch Auftakte – mit drei und sogar mehr Silben sind in der Fassung A keine Seltenheit) wird eingeschränkt: In den Fassungen B und C wird der Vierheber mit geregeltem Wechsel von Hebung und Senkung zur angestrebten – wenn auch nicht immer vollkommen verwirklichten – metrischen Norm. Aus der Überlieferung der A-Fassung geht aber sehr deutlich hervor, dass es offensichtlich möglich war, den in formaler Hinsicht altertümlich wirkenden frühmhd. Text zu aktualisieren, ohne am Versbestand drastische Änderungen vorzunehmen. Dies war Schröder wohl bekannt, wie in folgendem Satz deutlich zum Ausdruck kommt: „Die hss. 2 und 4 [nach unseren Siglen: M und H] haben die gleiche tendenz, den vers von überflüssigem zu entlasten und mit bequemen mitteln einen reinen reim zu schaffen (2 freilich weit mehr als 4); sie treffen daher massenhaft in auslassungen und gelegentlich auch einmal in einer naheliegenden reimbesserung zusammen“.3 Dem Editor des neunzehnten Jahrhunderts, der sich zum Ziel gesetzt hatte, den Archetypus der A-Fassung möglichst getreu zu rekonstruieren, war diese Tatsache allerdings uninteressant.4 Seine Gleichgültigkeit hat sie der Forschung auch dauerhaft verschleiert.
Als Beispiel für die metrische Modernisierung des A-Textes nehmen wir folgende Zeilen aus der Tarquinius-Episode.5 Der Kontext ist folgender: Die Römer, die vor Viterbo lagern, um sich für die heimtückische Behandlung ihres Freundes Conlatinus zu rächen, unterhalten sich in einer Kampfpause. Bevor Conlatinus voller Selbstbewusstsein behauptet, die beste Frau in Rom zu haben, und mit verhängnisvollen Konsequenzen mit Tarquinius darüber eine Wette schließt, geht es allgemein um verschiedene höfische Themen:
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