Olivier war es nun, den ich in Marseille erobern wollte. Die Zeit bei den Treffen der sans-papier- Gruppe verbrachte ich damit, mit allen Mitteln seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Ich meldete mich zu Wort und zu Telefondiensten, ich zitierte Sätze aus La Peste und trug die schönsten Stücke aus meiner gerissenen Garderobe.
An einem Abend, bei einem Fest, war es schließlich so weit. Mit Hilfe von Bier und Marihuana habe ich mir selbst so viel Mut zugesprochen, dass ich Olivier einfach küsste. Es war der erste Kuss meines Lebens und ich wusste nur ungefähr, aus Filmen und von Beobachtungen, wie es funktionierte. Ich presste meine Lippen auf seine und streckte meine Zunge schnell in den vor Staunen aufgerissenen Mund. In der Mundhöhle angekommen verlor meine Zunge allerdings die Orientierung und glitt hilflos über Zahnreihen und Gaumen. Da aber kam mir seine Zunge zu Hilfe und nahm sich meiner an. Sie verwickelte sie in ein Spiel, das mir gleichzeitig sehr angenehm und sehr peinlich war wegen der Speichelfäden und des warmen Zungenfleisches, das sich ineinanderschob. Wir ließen unsere Zungen an diesem Abend noch oft zusammen tanzen, und zu einer fortgeschrittenen Stunde fuhr Olivier mit seiner Hand unter die Fransen meines froschgrünen Häcksel-T-Shirts. Über meine Taille, meinen Bauch hinauf zu meinen Brüsten wanderte seine Hand, mit kreisenden Bewegungen umspielte sie meine Brustwarzen, und eine warme Gischt brandete über meinen Körper. Mein Verlangen war so groß, dass ich ihn fragte, ob wir auf mein Zimmer gehen wollten. Dort lagen wir auf meinem Bett, zwei Körper, die sich aneinanderpressten, die wogten, zuckten und stöhnten bis in die frühen Morgenstunden hinein, die einen grauen, milchigen Lichtschleier über uns breiteten.
Olivier und ich haben uns seitdem regelmäßig gesehen, er hat in meiner Kammer und ich in seiner Garçonnière übernachtet. Die Leute aus dem Haus haben mich geneckt und gemeint, ich hätte jetzt einen petit ami , mit dem ich ausgehen würde. Tatsächlich sind wir aber kaum ausgegangen, ab und zu in ein kleines Lokal, um zu essen, aber meistens sind wir in La Reine gewesen. Ganze Nächte haben wir damit verbracht, Betrachtungen über die Welt anzustellen, über die Absurdität unseres Daseins, über die Sinnlosigkeit menschlichen Strebens und die Kraft, die in der Verneinung liegt.
»Worum es geht, ist die Klarsicht, dass alles, was wir unternehmen, umsonst ist. Wenn wir das begreifen, sind wir frei.«
Zunächst dachte ich, dass er sich mit Sätzen dieser Art darüber hinwegtrösten wollte, dass Menschen, die er beraten hatte, immer wieder abgeschoben wurden. Ich versuchte, ihn aufzumuntern, indem ich ihm von Rieux, dem sagenhaften Arzt aus La Peste erzählte, der sich mit großer Beharrlichkeit und Ausdauer gegen die furchtbare Seuche stemmte. Olivier lachte und meinte, dass auch dieser Kampf vergeblich sei, worüber sich Rieux, d’ailleurs , durchaus im Klaren sei, ich müsse nur an den Schluss des Buches denken. »Und doch wusste er, dass dies nicht die Chronik des endgültigen Sieges sein konnte«, das stünde doch dort, »n’est-ce pas?«
»Oui, mais …« Dort stand auch, dass sein Bericht über die Pest in Oran ein Zeugnis davon war, was all die Menschen vollbringen mussten, die trotz ihrer inneren Zerrissenheit gegen die Herrschaft des Schreckens ankämpften und die die Heimsuchung nicht anerkennen wollten. Olivier küsste mich, »T’es mignonne«, sagte er und klärte mich darüber auf, dass es im Grunde egal sei, was wir taten, es ohnehin sinnlos sei. Wie in einem Spiel taumelten wir von Entscheidung zu Entscheidung, die wir, je nach der Rolle, die wir gerade einnahmen, treffen würden. Das Wichtigste, la chose la plus importante , sei, sich dafür zu entscheiden, frei zu sein und ohne Illusionen zu leben, tu comprends ? Ich habe damals nicht verstanden, was Olivier meinte, schließlich ging er regelmäßig zu den Organisationstreffen und versuchte auf seine Art, den Menschen zu helfen. Während der langen Abende, die ich bei meinem Verkaufsstand im Haus verbrachte, dachte ich darüber nach, suchte nach Fragen und Argumenten, mit denen ich Olivier beim nächsten Mal konfrontierten wollte.
An einem dieser Abende kamen Leute, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, zu mir und wollten Stücke aus meiner gerissenen Garderobe kaufen. Sie seien nur wegen mir hier, erklärte mir einer, an einem Bekannten hätten sie die außergewöhnlichen Kleidungsstücke gesehen und wollten nun auch welche erwerben. Ich verkaufte ihnen drei T-Shirts mit sternen- und faustförmigen Löchern, zwei Röcke mit zerfransten Seitenschlitzen und vier Hosen mit unterschiedlichen Beinlängen und Kniemäulern. Für alles zusammen gaben sie mir zehn Euro, was ich für ausgesprochen knausrig hielt. In den darauffolgenden Wochen kamen immer mehr Leute wegen meines Verkaufsstandes zu den Festen, und obwohl sie besser gekleidet und genährt waren als die meisten, die in La Reine wohnten und verkehrten, bezahlten sie deutlich weniger für die Kleidungsstücke aus meiner Kollektion. Das ging so weit, dass ich eines Tages beschloss, die Verkaufspreise festzulegen, schließlich musste ich auch von etwas leben. Als ich aber die Preisschilder anbrachte an den Stühlen und Tischen, auf denen ich meine Kollektion ausgebreitet hatte, tauchte Marie auf und stellte mich aufgebracht zur Rede. Was ich hier mache, fragte sie, und warum ich ohne Absprache mit ihr und André Preisschilder anbringe, was, wie ich wohl wisse, in La Reine nicht gern gesehen sei. Mein Versuch zu erklären, dass die Leute zu knausrig seien, um auch ohne Schilder angemessene Preise zu bezahlen, versandete in Maries Redefluss, der nach und nach alle umstehenden Menschen mitriss. An jenem Abend gab ich meinen Verkaufsstand im Haus auf und beschloss, einen eigenen kleinen Laden zu eröffnen, in dem ich die Verkaufspreise bestimmen konnte.
Die für die Eröffnung eines kleinen Ladens nötige finanzielle Unterstützung kam von Olivier, oder vielmehr von seinen Eltern. Mit ihrer Hilfe eröffnete ich ein Bankkonto, auf das ich mit einer Kreditkarte jederzeit von jedem Ort aus zugreifen konnte, und mietete ein kleines Gassenlokal in der Nähe von La Reine , das ich mit den Fundstücken, die die Marseiller Straßen und Gassen bereitstellten, einrichtete. Ich malte La Trouturière über die Eingangstür, im selben feuerroten Farbton wie das Haarsegel, das sich über der Fassade unseres Hauses ausbreitete und mir beim Betreten stets das Gefühl vermittelte, ein Schiff zu besteigen, ein Schiff mit geblähtem Segel, das nach egal-wohin fuhr, Hauptsache hinaus, hinaus aufs Meer, auf dem das dämmrige Blau einer vagen Sehnsucht bald einer klaren, sonnentrunkenen Sicht auf unbegrenzte Weiten weichen würde. Mein kleines Gassenlokal wurde mein Flagship-Store, in dem ich meine Tage damit zubrachte, die aus den Mülltonnen der Stadt herausgefischten alten Kleidungsstücke zu zerschneiden, zu zerreißen, auszufransen und zu verkaufen. Die Leute aus dem Haus kamen ab und zu vorbei, auf der Suche nach einem neuen alten Kleidungsstück oder um zu plaudern. Langsam aber veränderte sich meine Klientel und erweiterte sich, vor allem, nachdem ein kleiner Bericht in der Stadtzeitung erschienen war, über den alternativen Kleiderladen, in dem kreative Einzelstücke zu guten Preisen feilgeboten wurden.
Ich verbrachte immer weniger Zeit in La Reine und immer mehr in Oliviers Garçonnière. Dort sprachen wir nicht mehr über die Absurdität unseres Daseins, über die Sinnlosigkeit menschlichen Strebens und die Kraft, die in der Verneinung liegt. Wir schauten Filme, spielten Schach und kochten für befreundete Paare. Olivier erwies sich als gewandter Gastgeber, dem es gelang, aus seiner kleinen Wohnung einen richtigen Salon zu zaubern. Es durfte nur indirektes Licht in den Raum fallen, die Lampen wurden so montiert, dass sie die hohe Decke und die weißen Wände anstrahlten. Auf dem Sofa waren Tücher mit orientalischen Mustern ausgebreitet, auf dem Tisch standen filigrane Weingläser mit zarten Gravuren, die von verschiedenen Flohmärkten stammten. Überall lagen Bücher von zeitgenössischen französischen Denkern herum, aufgeschlagen, als wäre eine konzentrierte Lektüre eben erst unterbrochen worden. Vor jedem geselligen Abend drapierte er diese Bücher sorgfältig auf den Stühlen, auf dem Boden und auf dem Sofa. Sie dienten als unaufdringlicher Leitfaden durch die Gespräche, die er mit Umsicht führte und die sich zumeist um aktuelle Kinofilme und Theatervorstellungen drehten, bevor sie sich zu fortgeschrittener Stunde, bei der dritten oder vierten Flasche Wein, in die Höhe allgemeinerer Betrachtungen schraubten, flankiert von halbwegs zitierten Sätzen aus den verstreuten Schriften.
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