Die Eindrücke, die ich beim ersten Fest in der Alten Mühle gesammelt hatte, hatten mich lange beschäftigt. Ich wollte herausfinden, was Menschen aus verschiedenen Städten und Ländern dazu bewegen konnte, in das Dorf zu kommen, und machte mich in den Tagen nach dem Eröffnungsfest auf den Weg zur Alten Mühle. Über den Kirchplatz ging ich, die Straße hinter zum Fluss, über die Brücke und dann die zwei Kilometer durch das Flusstal in den Auenwald hinein. Am ersten Tag kam ich bis zur letzten Biegung vor dem alten Steinhaus, dann verließ mich der Mut und ich machte kehrt. Am zweiten Tag pirschte ich mich näher heran. Hinter einem Holzstoß hockte ich und beobachtete den Platz vor dem Haus. Immer wieder gingen Menschen ein und aus, viele trugen Holzbretter und Eimer. Alles wirkte sehr friedlich und entspannt, den letzten Schritt hin zum Haus aber wagte ich auch dieses Mal nicht. Am dritten Tag saß ich wieder hinter den Holzscheiten und behielt das Kommen und Gehen im Auge. Nach einer Weile kam die Frau mit den kurzen, grauen Haaren, setzte sich in einen Schaukelstuhl vor dem Haustor und spielte auf ihrer tränenförmigen Gitarre. Zu weit entfernt war ich, um den wundervollen Klang des Instrumentes hören zu können, also schlich ich mich näher heran. Auf allen Vieren kroch ich zwischen den Sträuchern hindurch und versteckte mich hinter einer niedrigen Buche wenige Schritte vom Haus entfernt. Von dort aus lauschte ich dem Saitenspiel. Ich war so tief darin versunken, dass ich nicht bemerkte, wie sich jemand von hinten näherte. Als sich eine Hand auf meine Schulter legte, kippte ich vor Schreck nach hinten. Ein tiefes, volles Lachen schwappte über mich: »Was machst du hier? Warum versteckst du dich?«
»Ich … ich, äh, ich … habe Musik gehört.«
»Warum kommst du nicht zum Haus und setzt dich zu uns?« Das Gesicht des Mannes, der sich über mich beugte, war viel schmaler, als es sein Lachen und seine Stimme vermuten ließen. Seine Augen waren klar und himmelblau, auf seiner linken Augenbraue hing einer kleiner Goldring, seine dünnen blonden Haare waren zu einem struppigen Kamm hochfrisiert. Langsam richtete ich mich auf und klopfte mir das Moos von den Hosen. »Ich … ich will euch nicht stören«, murmelte ich, da aber hatte mich der Mann schon am Arm genommen und ging mit mir Richtung Steinhaus.
»Ich bin übrigens Pete«, meinte er und lächelte mich an.
»Mira«, sagte ich, und mein Name erschien mir so fremd und eigenartig wie noch nie zuvor.
»Freut mich, Mira, und jetzt komm, ich stell dir Agnès vor, die mit der Oud.«
Die Frau mit den kurzen, grauen Haaren erhob sich aus dem Schaukelstuhl, als wir auf den Platz vor dem Eingang zur Alten Mühle traten. Sie streckte mir die Hand entgegen und sah mich an. Grün leuchteten ihre Augen, nicht grasgrün wie meine, sondern dunkel-, beinahe smaragdgrün.
»Agnès, das ist Mira. Mira, das ist Agnès.« Pete verbeugte sich mit einer ausholenden Geste vor uns. »Mira hat dir dort hinten im Gebüsch zugehört. Ich glaube, ihr gefällt, wie du die Oud spielst.«
Von diesem Tag an bin ich beinahe täglich zur Alten Mühle gegangen. Alle, die dort gelebt und gearbeitet haben, lernte ich kennen. Da waren Ali und Samira mit ihren kehligen H, Katja mit ihren harten Auslauten, Simón mit dem rollenden R, Jana mit dem singenden M und natürlich Agnès mit ihrem näselnden N und Pete mit dem kecken L. Sie waren aus allen möglichen Ländern zunächst in die Hauptstadt und schließlich hierhergekommen. Sie hatten auf Baustellen und Schiffen, in großen Fabriken und Läden gearbeitet und sich eines Tages auf den Weg gemacht, um ein besseres Leben zu finden. Warum sie gerade hierhergekommen seien, fragte ich Pete eines Tages, schließlich arbeite niemand von ihnen im Schlachthof oder in der Papierfabrik. Er legte den Arm um meine Schulter und lachte: Hier gebe es doch die hübschesten Frauen, das sei schließlich … Ich musste ihn sehr erschrocken angesehen haben, denn sofort wurde er ernst: »Hier können wir unser Gemüse, unser Obst selbst anbauen. Hier gibt es genügend Platz für unsere Werkstätten, und außerdem …«, die Grübchen in seinen Wangen vertieften sich und seine Augen funkelten wie Regentropfen im Sonnenlicht, »wollen wir die Welt verändern, ein bisschen zumindest.«
Ich fragte ihn, was sie denn hier im Dorf verändern wollten. Das müsse er mir ins Ohr flüstern, meinte er und zog mich an sich heran. Mir wurde schwindelig, ich fühlte, wie mein ganzer Körper steif wurde, ein morscher Ast war ich, der jederzeit zu zersplittern drohte.
»Pete, what the fuck?!« Agnès war aus dem Haus getreten. Pete ließ mich los und machte eine vage Bewegung mit den Schultern. Agnès schüttelte den Kopf. »Mira, komm, setz dich zu mir.« Sie zog zwei Stühle zu dem Tisch vor dem Eingang. »Was wollte Pete von dir? Hat er dir wehgetan?« Ich schüttelte den Kopf und erzählte ihr von unserem Gespräch, davon, das ich wissen wollte, was sie hier im Dorf verändern wollten. »Schließlich kommt doch niemand außer mir zur euch. Abgesehen vom Fest.«
Agnès’ Augen lagen ruhig auf mir. »Warum kommst du zu uns?« Ich versuchte, ihr von der fremden Saite in mir zu erzählen, von den Klängen der singenden Säge und der tränenförmigen Gitarre, wie sie mich berührt hatten und warum die anderen nichts davon wissen durften. Die Worte aber blieben mir im Hals stecken, einzelne nur brachte ich hervor, sie kullerten über den Tisch, zusammenhanglos wie die Perlen einer gerissenen Halskette. Agnès stand auf und ging ins Haus. Ich dachte schon, dass ich sie gelangweilt hätte, da stand sie wieder in der Tür mit zwei Gläsern, in denen eine bernsteinfarbene Flüssigkeit schaukelte. »Lass uns einen Schluck trinken, da erzählt es sich besser«, sagte sie und stellte eines der Gläser vor mich hin. Ich steckte die Nase ins Glas, wie feuchtes Holz roch die schimmernde Flüssigkeit. Mit geschlossenen Augen nahm ich vorsichtig einen kleinen Schluck. Die Schärfe, die sich auf meine Zunge gelegt und mich zunächst erschreckt hatte, verwandelte sich in Wärme, in eine angenehme Wärme, die von meinem Hals in meine Brust und meinen Bauch wanderte. Ich nahm noch einen Schluck und spürte, wie sich meine Zunge löste, wie meine Worte wieder ihren Zusammenhang fanden. »Weißt du, Agnès«, sagte ich, »ich habe eine Saite in mir, die ich nicht verstehe. Die niemand versteht. Dabei versuche ich doch, alles richtig zu machen.« Und dann erzählte ich ihr, wie mir plötzlich alles im Dorf eng und öd, klein und schäbig erschienen war. »Ich will, dass diese fremde Saite in mir reißt, dass sie verschwindet, dass sie mich nicht mehr stört, dass ich …« Meine Knie wurden weich und meine Augen feucht.
»Wie wäre es, wenn du lernst, die Saite zu spielen, anstatt sie zerreißen zu wollen?« Ernst und streng klang Agnès’ Stimme. Sie ging ins Haus und kam mit der tränenförmigen Gitarre in der Hand zurück. »Da, spiel!« Sie legte mir das Instrument auf die Oberschenkel.
»Aber ich kann doch gar nicht …«
»Dann wirst du es lernen. Spiel!« Jede Widerrede wäre zwecklos gewesen, also nahm ich die Gitarre in die Hand, strich mit den Fingern über die glatte Oberfläche und tastete mich den Saiten entlang. Als ich eine anschlug, grub sie sich tief in meine Fingerkuppe, so fest und straff war sie. Ich ließ sie los, sie federte zurück und gab einen kurzen, metallenen Klang von sich. Der erste Ton, den ich mit meinen Händen produziert hatte, war das gewesen. Ich zupfte jede Saite einzeln an, strich dann mit der ganzen Hand über die Saiten, spürte, wie sie vibrierten, wie ihre Klänge durch meine Finger gingen. Agnès ließ mich nicht aus den Augen.
»Wenn du möchtest, zeige ich dir ein paar Griffe.«
Ich nickte und sie setzte sich neben mich, ordnete meine Finger auf dem Hals der Oud an und bedeutete mir, dass ich nun über alle elf Saiten streichen solle. Ein ganz anderer Ton flog auf, unbeholfen flatterte er zwischen Agnès und mir herum und zog sich erleichtert wieder in den tränenförmigen Gitarrenkörper zurück. So hatte ich begonnen, die Oud zu spielen. Mit jedem Tag waren die Klänge, die mir durch die Finger gingen, weiter geflogen. Ich hatte Gefallen daran gefunden, neue Griffe und Akkorde für mich zu erobern.
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