»Et est-ce que tu penses que ça va arriver aussi au Panier?«, fragte ich. Renée ließ ihren Blick über den kleinen Platz schweifen und schüttelte dann sachte den Kopf. Nein, sie glaube, dass den Panier mit seinen schmalen Gassen ein anderes Schicksal ereilen werde, schmucke Boutiquen, Cafés und Restaurants würden sich ansiedeln, die die Touristen aus dem Alten Hafen anlockten und den längerfristig Ankommenden immer weniger Raum ließen. Ich malte mir aus, wie sich statt des Duftgewebes aus Tierfett, Kohle und Holz Tourismuskitsch breitmachte, Stadtaccessoires an allen Ecken und Enden, die einen Flair verbreiteten, der die Ausdünstungen dieser Hafenstadt am Rande Europas übertünchen sollte.
Auf meinem Weg zurück durch das Gassengewirr des Panier, die Rue de la République hinunter in den Alten Hafen, fielen mir an manchen Stellen jene Bautätigkeiten auf, von denen Renée gesprochen hatte. In das Stadtbild frästen sich die ersten Schneisen, durch die Geld ein- und menschliches Strandgut ausfließen sollte. Der einsetzende Verfall dieser Stadtteile, in denen die Ankommenden lebten und aus denen sie nach und nach vertrieben wurden, hat auf seltsame Art und umgekehrte Weise mit meinem Ankommen korrespondiert. Während die einen von äußeren Kräften aus ihren Bahnen hinauskatapultiert wurden und ihre gewohnte Stadtumgebung verloren, konnte ich immer besser Fuß fassen. Es gelang mir, immer weitere Kreise zu ziehen und dabei etwas Neues in Umlauf zu bringen, so als hätte sich das Unglück der anderen derart verdichtet, dass es sich, solcherart zur Potenz genommen, in mein Glück verwandelte.
Begonnen hat alles freilich wiederum mit einer ausgesprochen unglücklichen Situation, in der ich mich befunden habe. Im Laufe der Zeit sind sowohl meine ohnehin geringen Geldreserven knapp und meine Kleidung immer abgetragener geworden. An den Kauf neuer Kleidung war nicht zu denken, also habe ich mich, dem Vorbild von Berthe und Louise folgend, die mit ihren Fahrrädern durch die Stadt gefahren sind, um weggeworfene Lebensmittel für die Hausgemeinschaft einzusammeln, auf den Weg gemacht, um in den Mülltonnen nach noch brauchbaren Kleidungsstücken zu suchen. Und wie erfolgreich ich dabei gewesen bin! Als ich zum ersten Mal den Deckel eines Müllcontainers hochklappte und mich hineinbeugte, pochte die Scham noch in meinen Schläfen, kribbelte das Gefühl, nun am untersten Ende der Verbraucherkette angekommen zu sein, in meinen Armen und Beinen. Als ich jedoch zwischen den stinkenden Plastiksäcken einen marineblauen Pullover hervorzog, verflogen die schamvollen Bedenken und ich wühlte mich durch die Mülltonnen verschiedener Straßen und Gassen. Die erste Ausbeute war beachtlich, neben dem marineblauen Pullover fischte ich an diesem Tag zwei bunte T-Shirts und zwei Paar Hosen aus den Abfällen. Zwar hatten die Kleidungsstücke an manchen Stellen Löcher, waren da und dort ausgefranst und lädiert, aber in meiner Kammer im Haus erweiterte ich die Löcher kreativ, schnitt Muster hinein und verflocht die Fransen zu Quasten, die an den Ärmeln und Hosenbeinen baumelten.
Mein neues Outfit hat im Haus Aufmerksamkeit erregt, und angestachelt durch das eine oder andere Kompliment habe ich meine gerissene Garderobe sukzessive erweitert, habe immer neue alte Kleidungsstücke aus den Müllcontainern gefischt und auf meine Art und Weise präpariert. Dabei ist es durchaus ausschlaggebend gewesen, aus welchem Teil der Stadt die Kleidungsstücke stammten: In der Gegend rund um unser Haus, um unsere La Reine , sind es zunächst Second-, manchmal auch Thirdhand-Stücke gewesen, die ich aus dem Müll gezogen habe. An ihnen habe ich mich austoben können, ihre brüchigen und löchrigen Gewebe habe ich mit allerhand Schnittmustern und Fransen versehen. Ein paar Straßen weiter sind die Hemden, T-Shirts und Röcke, die in den Containern gelandet sind, in einem viel besseren Zustand gewesen. Ein paar wenige aufgeriebene und ausgebleichte Stellen haben ihre früheren Trägerinnen dazu bewogen, die Teile, die vorwiegend von kleinen, lokalen Mode-Labels entworfen worden waren, wegzuwerfen. Bei ihnen ist mir oft nichts anderes übrig geblieben, als ein paar Quasten anzubringen. In den wirklich reichen Vierteln, dort, wo mit ungetrübtem Blick aufs Meer die Stadtvillen stehen, habe ich vor allem Kleidung mit gediegenen Schnitten und Mustern gefunden. Mit großer Hingabe habe ich sie entstellt, ich habe sie zerschnitten, ausgebeult, mit den farbenprächtigen Stoffresten aus den ärmsten Gegenden versehen und sie so in flatternde Monumente der Vielfältigkeit dieser Stadt verwandelt.
Marie und André sind es schließlich gewesen, die mich auf die Idee gebracht haben, dass ich Teile meiner Kollektion bei einem der Hausfeste ausstellen und verkaufen könne. An jenem Abend, an dem ich zum ersten Mal meinen Verkaufsstand öffnete, war ich sehr aufgeregt. Zur Feier des Tages trug ich meine ersten Stücke, den marineblauen Pullover, dessen linker Schulterteil zerrissen gewesen war und den ich weiter aufgeschnitten hatte, sodass die Schulter keck hervorragen, sich kalt oder anschmiegsam, ganz nach Lust und Laune, zeigen konnte, sowie die gelbe Hose, die am rechten Knie aufgerissen war und die ich so bearbeitet hatte, dass das Loch wie ein vor Staunen aufgerissener Mund mit gelben Fransenzähnen aussah. Die zum Kauf angebotenen Kleidungstücke breitete ich auf Stühlen und Tischen aus, gleich neben der Bar, sodass die auf ihre Getränke Wartenden einen Blick darauf werfen konnten. Mit Marie und André hatte ich vereinbart, dass ich die Stücke aus meiner Kollektion zu freien Preisen anbieten würde. Der Abend war ein voller Erfolg, die Partymenschen kauften begeistert die mit sternenförmigen Löchern gespickten T-Shirts und die Hosen mit unterschiedlich langen Beinen. Auch die Jacken mit den luftigen Ellbogenherzen fanden reißenden Absatz.
Von nun an habe ich bei jedem Fest, bei jedem Konzert im Haus ausgewählte Stücke aus meiner gerissenen Garderobe zum Kauf angeboten. Auf diese Art und Weise habe ich meinen Lebensunterhalt verdient und mir bei den Menschen, die in La Reine gewohnt und verkehrt haben, einen Namen gemacht. La Trouturière haben mich alle genannt, und bei jedem Streifzug durch die Stadt habe ich meine Kollektion erweitert. Im Laufe der Monate ist mir aufgefallen, dass sich die Inhalte der Müllcontainer veränderten. Immer mehr der kaum abgetragenen, aus eigenwilligen Stoffkombinationen gefertigten Stücke der kleinen Mode-Labels sind in der Gegend um unser Haus aufgetaucht. Dafür habe ich aus den Containern in Noailles, im Marktgebiet im Zentrum der Stadt, nun jene abgewetzten und verschlissenen Second- und Thirdhand-Teile gezogen, die mich am meisten inspiriert haben. Konstant gediegen sind nur meine Fundstücke aus den reichsten Gegenden geblieben. Es ist aber zusehends schwieriger geworden, sie mit den rauen und farbenprächtigen Stofffetzen aus den ärmeren Vierteln zu versehen, immer höher habe ich die Rue de la République hinaufsteigen, immer tiefer ins Gassengewirr des Panier hineingehen müssen, um aus den Containern letzte Gewebereste herauszufischen.
In dieser Zeit bin ich auch öfter zu den Treffen gegangen, die Renée, Pascale, Georges und Martine veranstaltet haben, um die Aktionen für die sans papiers zu koordinieren, für jene Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung, deren Ankommen von den Behörden, aber auch schlicht von Mittellosigkeit blockiert und boykottiert worden ist. Ehrlich gesagt ist es mir dabei weniger um die allgemeinen Infoveranstaltungen oder die Demonstrationen bei Polizeirazzien und Abschiebungen gegangen, die besprochen und organisiert worden sind, als um die Rechtshilfe, die für mich nur ein Gesicht und einen Namen getragen hat – Olivier. Olivier war ein Student der Rechtswissenschaften, mit strahlend blauen Augen und einem verschmitzten Lächeln, mit dem er die Welt um sich herum bedachte und, wie ich es sah, beglückte. Er wohnte nicht bei uns im Haus, sondern in einer Garçonnière, die seine Eltern für ihn gekauft hatten. Seinen Eltern verdankte ich auch, dass ich ihn bei den Treffen kennenlernte. Sie hätten ihn lieber in einer anständigen Anwaltskanzlei gesehen, doch er hatte sich, um ihnen eins auszuwischen, für das ehrenamtliche Engagement in der sans-papiers -Gruppe entschieden. Obwohl er, pour ainsi dire , von Haus aus privilegiert sei, läge ihm viel daran, ein besseres Leben für alle zu ermöglichen, pflegte er zu sagen, und ich dachte an Pete von der Alten Mühle, der auch immer davon gesprochen hatte, die Welt verändern zu wollen, zumindest ein bisschen:
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