Da drehte sich Vater entsetzt um:
„Und was ist mit dem Piloten, ist er nicht dabei?“
Ulli und ich lächelten ihn beschützend an.
(Der Typ mit den braunen Augen saß vorne rechts.)
Ich hatte einen Fensterplatz, Ulli den in der Mitte. Neben ihr saß eine vornehm gekleidete Dame, die gelangweilt ihre Fingernägel begutachtete. Gerade so eine Dame wollten wir nicht werden.
Vater saß ganz vorne im Flugzeug, dort wo eigentlich Eltern mit kleinen schreienden Kindern sitzen sollen. Er hielt krampfhaft ein Taschentuch in seinen verschwitzten Händen. Eine Stewardess gab ihm ein kleines rosa Kaugummi. Natürlich! Sonst hat niemand im Flugzeug Kaugummis bekommen.
Ulli und ich hatten kaum Platz für unsere Beine, so eng war es. Als ich das letzte Mal geflogen bin, war ich in der Fünften und da ging es noch. Wir legten unsere Füße auf die Rucksäcke und alles war schrecklich unbequem, aber lustig. Wir machten aus, daß Ulli die Armlehne zwischen uns auf der Heimfahrt haben sollte, und ich jetzt.
Zwar hatten ihre Eltern ihre Reise bezahlt, aber ohne mich wäre sie ja überhaupt nicht nach Afrika gekommen.
Als der Flieger startete, und wir den Plan über Notausgänge und Schwimmwesten studiert hatten, gähnte Ulli.
„Bin ich vielleicht müde“, stöhnte sie.
„Wie bitte?“ sagte ich. „Ich muß mich wohl verhört haben.“
Müde um neun Uhr früh, obwohl sie noch nie geflogen ist! Und das auf dem Weg nach Tunesien!
Als das Flugzeug abhob, gähnte Ulli wieder und verdrehte ihre Augen, so daß sie wie Spiegeleier aussahen.
„Es liegt bestimmt an der Tablette gegen Übelkeit, die mir meine Mutter gegeben hat“, murmelte sie.
„Du spinnst wohl! Wem wird schon beim Fliegen übel? Nimmst du vielleicht auch Tabletten gegen Übelkeit, wenn du Achterbahn fährst?“
Das war wohl das Verrückteste, was ich je gehört hatte!
Ich holte mein Notizbuch aus dem Rucksack, um alles festzuhalten. Als ich fertig war, schlief Ulli wie ein Stein.
Ich hätte genauso gut meine Urgroßmutter mitnehmen können. Während Ulli schlief dachte ich über unseren Denkerclub nach. Eigentlich ist es verboten, an den Club zu denken, wenn es nicht beide gleichzeitig tun, aber ich konnte ja nicht wissen, wovon Ulli träumte, als sie jetzt dasaß und mit offenem Mund schnarchte. Ich überlegte kurz, ob ich sie fotografieren sollte. Sie sah nicht gerade vorteilhaft aus. So ein Bild konnte ja später einmal von Nutzen sein.
War aber doch keine gute Idee. In unserem Denkerclub setzen wir uns nur für schöne Ideen und Gedanken ein. „Schöne Ideen, edlen Herzens entsprungen“ ist einer unserer Wahlsprüche, der übrigens von mir stammt, aber den sich Ulli nie merken kann, ohne ins Buch zu schauen. Die meisten Regeln, Wahlsprüche oder Slogans stammen von mir, aber Ulli ist mit allem einverstanden, nicht nur weil sie nett ist, sondern weil sie es mühsam findet, zu entscheiden. Das wiederum fällt mir nicht schwer.
Es wirkt vielleicht merkwürdig, daß zwei Freundinnen, die in die gleiche Klasse gehen und auch noch Nachbarn sind, einen besonderen Club haben, aber es ist gar nicht so merkwürdig. Die meiste Zeit verbringen Ulli und ich sowieso zusammen, aber wenn wir etwas mit dem Denkerclub tun, nennen wir es Sitzungen.
Mein Vater, der ja nie ein Mädchen war, versteht überhaupt nicht, was abläuft, wenn zwei Mädchen befreundet sind. Wenn ich aus der Schule kommen, rufe ich Ulli an, und dann quatschen wir vielleicht eine Stunde oder so und lachen uns halb tot. Dann kommt mein Vater in mein Zimmer gedüst und ruft:
„Ach so, Ulli war heute nicht in der Schule. Ist sie krank?“
„Warum krank?“ antworte ich. „Wir sind doch gerade zusammen aus der Schule gekommen.“
Dann schüttelt er den Kopf Ullis Mutter versteht solche Sachen viel besser. Außerdem haben sie zwei Telefone.
Es war am siebzehnten Mai, als wir auf einer Bank auf dem Rummelplatz den Denkerclub gründeten. Wir waren die neue Achterbahn, Looping und Lange Schlange vier Mal gefahren, und jede hatte eine halbe Waffel gegessen und zweimal Schokolade gewonnen. Das Geld war mit anderen Worten zu Ende. Dabei war es noch nicht mal halb vier, die Sonne schien, und Ullis Mutter sollte uns erst um fünf vor den Toren abholen. Man ist ja kein Kleinkind mehr, das Erwachsene mit auf den Rummelplatz zerrt.
Da mein Vater behauptet, daß nur dämliche Leute sich langweilen, setzten wir uns, pleite wie wir waren, auf eine Bank und amüsierten uns.
Wir schauten Leute an. Hier sind ein paar Beispiele:
Zwei alte ängstliche Tanten, mit je einem Regenschirm unter dem Arm in der Sonne. Sie trugen weiße Netzschuhe und aßen Eis, die Soße lief ihnen das Kinn hinunter.
Eine andere, dickliche Tante haute ihr kleines Mädchen kräftig auf die Backe, weil es nicht nach Hause wollte.
Zwei bemalte Schreckschrauben, mit fettigem Haar, die vielleicht in die Neunte gingen, lungerten herum.
Ein Mann und eine Frau in genau den gleichen Micky-Maus-T-Shirts schlenderten vorbei.
Ein lächerlicher alter Herr mit Hut, den wir auf mindestens fünfundzwanzig schätzten, lief im Rhytmus der Musik, die aus den Lautsprechern in den Kirschbäumen dröhnte.
Kurz gesagt: Ein trister Anblick.
Ulli und ich starrten einander an. Sofort begriffen wir, daß uns der gleiche Gedanke gekommen war: Und wenn wir auch so werden?
So weit darf es einfach nicht kommen.
Wir schrieben eine Menge Dinge auf, die wir nicht tun oder sagen dürfen, wenn wir erwachsen sind. Und wie wir nicht herumlaufen sollen. Wir müssen uns selbst retten. Es ist sehr wichtig. Die Gefahren lauern überall.
Für Jasmine Svensson und Natalie Myrgren in unserer Klasse ist alles schon zu spät. Sie tragen hohe Absätze und Lipgloss aus Gold, nicht um sich selbst zu gefallen, sondern Peter Dalskog. Dann geht es wohl deutlich bergab.
Viele kleine Macken können sich einnisten, ohne daß man es merkt, aber Ulli und ich haben einander versprochen, daß wir aufeinander aufpassen werden.
Wenn sie zum Beispiel in ein Geschäft geht und eine leere Papiertüte von zu Hause dabei hat und sagt: „Kann ich ganz sicher sein, daß Sie die Birne gewaschen haben, und ist sie auch wirklich saftig?“ Dann werde ich Alarm schlagen, denn so darf man einfach nicht werden.
Wir haben viele Beispiele in unseren Büchern gesammelt. Wie die Sache mit der Straßenbahn neulich, als wir vom Rummelplatz heimfuhren und hinter zwei älteren Damen saßen, so um die zweiunddreißig. Sie redeten über Bügeleisen. Die eine hatte ein Dampfbügeleisen, die andere ein normales.
„Wenn du ein Dampfbügeleisen kaufst, wirst du es nie bereuen“, sagte die eine. „Ich sag dir, damit geht es wie von selbst.“
„Kommt für mich nie in Frage, Babsie“, sagte die andere. „Sie sind zu schwer und sperrig. Und wie soll ich damit um die Knöpfe auf Arnes Hemden kommen, mit so einem Eisenklumpen ...“
So ging es ungefähr drei Haltestellen lang, dann mußten wir aussteigen. Wahrscheinlich reden sie immer noch darüber.
Wenn Ulli und ich eines Tages Bügeleisen anschaffen, kaufen wir entweder Dampfbügeleisen oder nicht. Basta. Wir werden kein Wort darüber verlieren.
Diejenigen, die ihre Energie damit vergeuden, über Bügeleisen zu quasseln, wissen doch gar nicht, wie man richtig lebt. Das haben wir schriftlich festgehalten.
Nun holte die Dame, die neben Ulli saß, eine glitzernde Karnevalsmaske heraus und setzte sie auf Ich lehnte mich zu Ulli.
„Ist jetzt in Tunesien Karneval?“ fragte ich freundlich.
Die Dame schaute mich überheblich an.
„Es handelt sich um eine Schlafmaske“, belehrte sie mich. „Damit man keine Säcke unter den Augen bekommt.“
Säcke unter den Augen! Hat man denn so was schon gehört? Das mußte ich in mein Notizbuch schreiben. „Achtung! Pfeif auf Säcken unter den Augen“, würde ich schreiben.
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