Vielleicht wollte ich auch nicht mehr zu den Torfstichen, weil auf dem Weg dorthin ein scharfer Hund mit wütendem Gebell den Gartenzaun entlang hetzt. Es ist ein schöner Weg, bequemer als der über den Feldrand, den wir damals gegangen waren. Gleich hinter dem Grundstück mit dem Hund geht es auf einem mit alten Feldsteinen gepflasterten Weg über eine Brücke, unter der die Eisenbahn zwischen Frankfurt und Beeskow und weiter nach Königs Wusterhausen verkehrt. Auch das alte Bahnhaus, in dem wir wohnen, kann man von der Brücke aus sehen. Im Abendrot leuchten die Ziegel, und hinter dem Fachwerkgiebel beginnt eine Weite, die ich seitdem nicht mehr missen mag. Hinter den Wäldern, die ich von der Bahnbrücke besser überblicken kann als von unserem Garten, liegen Mixdorf und Siehdichum, dahinter Müllrose, wo die Schlaube einst scharf nach rechts bog und schließlich vor Frankfurt in die Oder mündete.
Von der Bahnbrücke war es noch eine Viertelstunde bis zur Oelse, daran erinnerte ich mich, als ich vor kurzem den Weg wieder ging, trotz des scharfen Hundes mit seinem Drohgebaren. Zuvor war ich Johannes Brisch und seiner Frau Brigitte begegnet, die mir erzählten, was es mit meiner Tarkowski-Landschaft auf sich hat. Johannes Brisch, Jahrgang 1936, arbeitete wie sein Vater Max in der LPG Pflanzenproduktion Schlaubetal, die ihren Sitz in Grunow hatte. Von seinem Vater hatte er erfahren, wie vor dem Krieg Torf abgebaut wurde, allerdings auf der westlich gelegenen »Schneeberger Seite« der Oelse, nicht auf der östlichen, unserer »Grunower Seite«. »Der Torf wurde noch mit dem Spaten gestochen und dann mit Loren zu Sammelstellen gefahren«, sagt Johannes Brisch. Damals war mit dem Torf, diesem über Hunderte von Jahren entstandenen pflanzlichen Substrat, noch geheizt worden.
In den sechziger Jahren kamen dann nicht mehr die Schneeberger oder die Beeskower mit dem Spaten, sondern die Grunower mit dem Bagger. »Vor allem im Winter, wenn es auf den Feldern nichts zu tun gab, sind wir runter an die Oelse«, erinnert sich Johannes Brisch. »Weil es da etwas sumpfig war, haben wir Betonplatten ausgelegt, damit die Bagger nicht absaufen. Den Torf haben wir auf die Felder gefahren und den Stallmist dazu gemischt.«
Erst in dieser Zeit ist der See entstanden, den ich bei meiner ersten Begegnung mit den Torfstichen entdeckt hatte. Die geheimnisvolle, schweigsame und fast gespenstisch unberührte Landschaft ist von Menschenhand gemacht. Mein Auge hatte mir eine Falle gestellt. Es sollte nicht die letzte sein bei meinen Streifzügen durch die Region um Siehdichum.
Mit der Wende endete dann die Geschichte des Torfabbaus in Grunow. Auf der Schneeberger Seite aber ging die Geschichte weiter, weiß Brigitte Brisch. »Wo heute das Munitionsdepot der Bundeswehr ist, war zu DDR-Zeiten das Depot der Nationalen Volksarmee. 1969/70 wurde es gebaut, ein Jahr später habe ich angefangen dort zu arbeiten, da stand schon ein Teil von den Baracken. Und die Bunker standen auch alle schon.« Unterirdische Bunker, betont sie.
Die damals 27-Jährige arbeitete in der Küche des Munitionsdepots. »Die Soldaten mussten ja was essen, und manchmal hatte ich auch Sonnabend und Sonntag Schicht. Da ist der Bus nicht gefahren, der uns sonst immer nach Beeskow oder Grunow brachte. Da sind wir mit dem Fahrrad immer einen Schleichweg gefahren. Wo man heute nach Beeskow fährt, ging auf der linken Seite ein Weg rein. Dann sind wir am Bahndamm lang gefahren. Da hat der Otto ein Stück Wiese gehabt, auch ein paar Karnickel. Heu hat er da auch gemacht. Immer, wenn wir bei ihm lang gefahren sind, haben wir wahrscheinlich sein Gras plattgedrückt. Deshalb hat er uns Reißzwecken hingepackt. Wir mussten unser Fahrrad dann übern Bahndamm rübermachen, und da sind wir denn rausgekommen an dem Tor, wo der Zug immer reingefahren ist. Am Eisenbahntor.«
Das Munitionsdepot der Nationalen Volksarmee hatte einen Anschluss an die Bahnstrecke Grunow-Beeskow. Und alles war streng geheim. »Früher wusste keiner, was da war, da haben wir immer gesagt, das ist eine Schokoladenfabrik.« Einmal, erinnert sich Brigitte Brisch, wurde sie nachts geweckt und zum Depot geholt. »Ein Jagdflugzeug war abgestürzt. Der Lehrausbilder und der Stift kamen ums Leben. Das können Sie noch heute sehen, wenn Sie nach Beeskow fahren, links von der Straße aus gesehen sieht man das, da ist ein kleines Wäldchen, da ist das Flugzeug abgestürzt. Ein kleines bisschen weiter wäre es, auf Deutsch gesagt, auf der Munition gelandet.«
Die Nacht damals wird Brigitte Brisch nicht vergessen. »Wir mussten den Soldaten Tee und Bockwurst bringen, auch von Marxwalde waren sie gekommen. Die haben mit einer kleinen Harke den Wald geharkt. Bis sie vom Flugzeugführer und Stift alles gefunden haben. Der Kopf mit dem Helm hing in den Bäumen. Ich sag dann, neugierig war ich ja schon immer gewesen, Jungs, schmeckt euch die Bockwurst, könnt ihr das hier essen? Da sagt einer: Das sehen wir alle Tage.«
Ein paar Tage, nachdem mir die Brischs ihre Geschichten erzählt haben, bin ich also vorbei am scharfen Hund, über die gepflasterte Bahnbrücke, von der ich unser Haus sehen kann und die Wälder, die bis Müllrose reichen, weiter auf dem Forstweg, an dem mich, als sei ich nie fort gewesen, links die Robinien und rechts die Kiefern grüßten, kam dann endlich hinunter zur Niederung und kämpfte mich durch das dichte Brombeergestrüpp zur kleinen Sandbucht.
Es war alles noch da. Auf der Landzunge und dahinter hielten die kahlen, astlosen Erlen noch immer ihr Totengebet, auch ein Schwan zog über mich hinweg. Das Wasser der Oelse war noch immer trüb, ich wusste nun auch, dass sich das nicht mehr ändern würde und warum. Eine geschundene Landschaft, dachte ich, und ich war auf sie hereingefallen. An Tarkowski dachte ich nun nicht mehr. Dennoch werde ich wiederkommen.
Grunow
Wo ist das eigentlich, das Ankommen? Und wie ist es zu beschreiben? Ist es ein Ort, vom dem man ausschwärmt in die Umgebung, um dann wieder zurückzukehren und am Abend beim Glas Wein im Garten oder an der Feuerschale von der wilden Landschaft an den Torfstichen, der Wasserscheide zwischen Nord- und Ostsee oder dem Jagdhaus in Siehdichum zu berichten? Von der Landschaft, die ich mir langsam zusammenpuzzeln muss, vom Neuzelle der Mönche, den Heidereitern in Dammendorf und den Ordensrittern in Friedland, den sorbischen Predigern in Lieberose, den Schmugglern an der ehemaligen märkisch-sächsischen Grenze. Aber wie groß ist der Radius, den man ziehen darf, um das Ankommen nicht zu strapazieren? Wird es, wenn die Streifzüge zu weit in entlegenes Gelände führen, seine Anziehungskraft verlieren, schwebt über allem auch die Drohung des Fortgehens?
Oder ist es genau andersherum? So wie bei einer Liebe, deren Geheimnis nicht auf einem Versprechen beruht, sondern auf dem innigen Gefühl der Verbundenheit und Vertrautheit, das ein Wiedersehen hervorruft? Ich komme wieder, weil ich es will und nicht, weil es von mir erwartet wird?
Oft stellen sich solche Fragen in ihrer sanften Hartnäckigkeit an Bahnhöfen. Bahnhöfe, und seien es nur die Haltepunkte einer Regionalbahn, sind, so würden es Geografen sagen, die Schnittstellen zwischen den Spaces of place und den Spaces of flow . Das Bahnhofsgebäude und der Bahnsteig sind als Orte unverrückbar und im Liegenschaftskataster eingezeichnet. Der Zug hingegen, in den man einsteigt, lässt diese Orte binnen kurzer Zeit verschwinden – oder aber er steigert, wenn man nicht abfährt, sondern zurückkehrt, die Vorfreude auf das Ankommen.
So habe ich es immer wieder erlebt. Wenn ich in die Regionalbahn der Linie 36 steige, ein kleiner, wenn auch moderner Dieseltriebwagen in gewöhnungsbedürftigem Blauweißgold, der von der Niederbarnimer Eisenbahn betrieben wird, dauert es zwar ein wenig, bis mich die vertraute Umgebung des Bahnhofs ins Unbestimmte des Raums entlässt. Spätestens in Frankfurt (Oder) aber, nach 25 Minuten Fahrt durch ausgedehnte Robinien- und Kiefernwälder, habe ich Anschluss an die Welt, kann umsteigen auf den RE1 nach Berlin oder den Eurocity nach Warschau.
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