Die Soldaten standen innen davor mit Gewehren, Bärenfellmützen und glänzenden, schwarzen Stiefeln. Sie präsentierten die Gewehre als er vorbeiritt, aber sie lächelten nicht oder riefen: "Tag, Jesper Aksel Bergmann, willkommen in Abenteuerland..." oder so etwas ähnliches - vielleicht phantasievolleres. Sie standen - steif wie Säulen - und folgten ihm mit den Augen.
Er nickte, wie ein heimkommender Feldherr es getan hätte, und spornte sein weißes Roß an.
Das setzte sich sofort in Galopp und er hatte genug damit zu tun, sich festzuhalten. Der Wind blies ihm seinen Hut mit der Feder in den Nacken, aber das bedeutete nicht so viel.
Er sah sich neugierig um, während er ritt.
Es kam ihm vor, als würde er alles schon kennen, obwohl er erst das zweite Mal hier war.
Die Neugierde trieb ihn dazu, am Zügel zu ziehen. Das Pferd wandte sich nach rechts, hinein in den Wald.
Die Bäume glichen nicht denen zu Hause. Nicht sehr viel. Denn die Stämme waren sehr viel dicker und hatten schwere, verkrüppelte Äste.
Das Pferd verlangsamte die Bewegungen und sah sich um. Seine Ohren drehten sich auf seinem Kopf und lauschten nach dem einen oder anderen. Es war sich hier nicht sicher, vielleicht hätte es gar nicht in den Wald laufen sollen.
"Na, Mist," dachte Jesper. "Ich habe den Säbel mit, und außerdem ist es hier so still..."
Das Licht verschwand, die Bäume standen dicht und der Waldboden lag im Halbdunkel. Als er horchte, konnten beide, er und das Pferd, hören, daß sie nicht allein im Wald waren.
Da war ein anderer Ritter. Einer, der durch die Schatten auf sie zukam.
"Prrrr.." flüsterte Jesper. Das weiße Pferd blieb stehen, noch bevor er an den Zügeln gezogen hatte. Und dann warteten sie. Jesper fror. Er hatte eine Gänsehaut auf den Armen und den Beinen in der eleganten Hose. Er setzte den Hut auf seinen Platz und hielt den Atem an.
"Es ist nur ein Abenteuer..." dachte er. "Keine Spur gefährlich."
Die Geräusche nahmen langsam zu. Es war ein Pferd, da war er sich ganz sicher. Es trabte auf sie zu und es rasselte und klirrte bei jedem Schritt, den es machte.
Dann tauchte es zwischen den Stämmen auf, ein Stückchen weiter weg.
Ein schwarzes Pferd mit einem weißen Fleck auf dem einen Vorderbein, gerade über dem Huf. Es hatte eine dicke, wattierte Decke mit großen Schnallen übergeworfen. Auf dem Kopf hatte es ebenfalls eine Kappe aus demselben Stoff, aber es waren Löcher für die Augen herausgeschnitten, damit es sehen konnte, wohin es seine Hufe setzte.
Auf seinem Rücken saß ein Ritter in glänzender Rüstung. Das Visier war hochgeklappt und er sah Jesper und das weiße Pferd mit allen Zeichen der Verwunderung an.
Ein Schild war an seinem Sattelknauf festgemacht und an der Seite des Pferdes hing sein langes Schwert in einer Scheide. Er hielt die Zügel nur mit der linken Hand, denn in der rechten hielt er eine Lanze mit kleinen Wimpeln an der Spitze.
"Danke, Schiefbein..." dachte Jesper und rieb sich die Augen. Er dachte flüchtig daran, den Säbel zu ziehen, aber wurde sich mit sich selbst schnell einig, daß es nicht so schneidig wäre.
Der Ritter hielt vor ihm an und sah erst ihn und dann das weiße Pferd und dann wieder ihn an. In seinen ernsten, blauen Augen erkannte Jesper die Entschlossenheit und Stärke, die einen Ritter zu einem Ritter machten. "Du versperrst den Weg..." polterte er.
Seine rauhe Stimme klang wie eine Säge mit der ein knorriger Baumstamm gerade gesägt wird.
"Das mußt du vielmals entschuldigen," sagte Jesper. In Wirklichkeit war er fast wie erstarrt vor Schreck.
Er versuchte, das weiße Pferd zwischen die Bäume zu treiben, sodaß der Ritter passieren konnte, aber es war weder hin noch her zu bewegen. Es blieb einfach stehen, ohne daran zu denken, an was es schuld sein könnte.
Der Ritter sagte nichts, aber wartete, während Jesper sich mit seinem Pferd abrackerte.
"Es ist ein bißchen dumm..." sagte Jesper und nickte zum Nacken seines Pferdes hinunter. Dann kam ihm ein Gedanke. Er mußte Zeit gewinnen, bevor es allzu peinlich wurde.
"Hast du keinen Knappen?"
Das Visier fiel mit einem lauten Klacken hinunter und der Ritter schob es irritiert wieder hoch mit einer Hand, die in einem stählernen Handschuh steckte.
"Nicht mehr..." antwortete er mit tiefer Stimme. "Ich hatte bis gestern..."
"Was...?" fragte Jesper und trat die Hacken in die Seiten des Pferdes. Es bewegte sich immer noch nicht.
"Grunga nahm ihn..." antwortete der Ritter. "Grunga - der Drache..."
"So ein Mist," entfuhr es Jespers Mund.
"Hmm..." murmelte der Ritter. "Ist das ein Pferd vom Schloß?"
Jesper nickte. "Das glaub ich. Es ist wohl Prinzessin Isabels. Ich bin nicht ganz sicher. Es stand da und wartete auf mich, als ich kam."
"Ich werde Gnade vor Recht ergehen lassen, dieses Mal," brummte der eiserne Mann. "Ich bin auf dem Weg, Grunga zu töten, ich habe keine Zeit, mich mit Bagatellen aufzuhalten. Im Übrigen läßt ein wahrer Ritter seinen Zorn nicht an Kindern aus."
"Das ist bestens.." sagte Jesper. Und das stimmte nur zu gut. Der Ritter zog an den Zügeln und ritt außenherum, vorbei, zwischen den Bäumen.
Dann blieb er stehen und schaute zurück.
"Du solltest hier nicht alleine reiten," brummte er. "Nur, weil ich es, ohne mich zu fürchten, tun kann, bedeutet das nicht, daß du es auch kannst. Es sind Orks im Wald..."
"Ich habe das hier..." sagte Jesper und hob seinen Säbel in die Äste.
Der Ritter nickte barsch. "Wir werden alle eines Tages von unserem Schicksal eingeholt." Dann drehte er sich um, spornte sein gepolstertes Pferd und ritt polternd zwischen den Bäumen davon.
"Wie heißt du, Herr Ritter?" rief Jesper.
"Sir Gawain..." antwortete er dann und donnerte durch den Wald.
Als er weg war, hing nur das Donnern des Pferdes noch lange in der Luft.
Nun, endlich, setzte sein eigenes Pferd sich in Bewegung.
Idiot, dachte Jesper.
Er kam auf eine Lichtung, wo die Sonne ihre klaren Strahlen durch die dichten Kronen der Bäume warf. Breite Bündel aus Licht standen wie schräge Säulen gegen die schwarzen Baumwipfel.
Es war still und friedlich. Er hielt das Pferd an und genoß den Frieden und das sachte Gluckern eines Baches, der sich auf dem Waldboden dahinwand.
Hier konnte doch nichts Schlimmes passieren...
Ein großer blauschwarzer Rabe beobachtete ihn aus einiger Entfernung.
Er saß versteckt zwischen Blättern, ganz mäuschenstill. Als er sich sicher fühlte, daß er kein Jäger war, flatterte er zu ihm hinunter und setzte sich auf einen Baumstumpf.
Von da aus schaute er ihn wieder mit leicht schrägem Kopf an. "Was bist du denn für eine schlimme, kleine Rübe...?" krächzte er.
Jesper stutzte.
Einen Vogel seinesgleichen hatte er noch nie vorher gesehen.
"Ich heiße Jesper. Wer bist du?"
"Der Schwarze Sigurd," krächzte er und schob die Brust vor. "Hast du etwas Feines in den Taschen?"
Jesper wühlte nach, aber die Taschen waren leer. Nicht mal so viel wie eine Brotkrume war darin.
"Nee," er schüttelte bedauernd den Kopf. "Bist du hungrig?"
"Ach, kleine Leckereien kann man doch immer noch schaffen," antwortete der Schwarze Sigurd. "Aber du hast etwas anderes, was mich mindestens ebenso froh machen würde." Er starrte mit festen Augen auf Jespers Brust.
"Wenn du mich beißt, dann benutze ich den Säbel," warnte Jesper.
"Nein, nein, nein," krächzte der Rabe ungeduldig. Dann breitete er die Flügel aus, flog hoch und setzte sich auf den Sattelknauf.
Er war groß, als er so dicht vor ihm saß. Er verschlang ihn mit seinen schwarzen Augen.
"WUNderschön..." murmelte er hingerissen und klapperte mit dem Schnabel.
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