Sie warf Jesper ein kleines Lächeln zu und ging auf den Balkon hinaus. Er schlich ihr nach, kauerte sich bei einer Reihe Säulen zusammen und schaute hinunter.
In der Dunkelheit, unten im Blumenbeet im Park, stand ein junger Mann - mit dem Blick auf den Balkon gewandt - und spielte auf einer Laute. Seine Finger spielten leicht über die Saiten, und Töne, so fein, wie klares Kristall, erfüllten die Luft. Hinter ihm stand ein stattliches Pferd und starrte leer in die Dunkelheit.
Er sang so schön für sie, daß Jesper wußte, daß er sie liebte, obwohl die Worte nicht zu verstehen waren.
Prinzessin Isabel schaute mit einem glühenden Blick zu ihm hinunter. Sie liebte ihn auch, das war für jeden deutlich. Sie pflückte eine Rose, die aus dem Balkonkasten am Geländer hing, und warf sie zu ihm hinunter.
Einen Augenblick verstummte die Melodie, während er sie aufsammelte. Dann steckte er sie in ein Knopfloch auf seiner Brust und spielte weiter.
Er spielte noch schöner als vorher. Er lächelte und starrte ihr von da unten tief in die Augen.
Jesper fühlte sich vollkommen überflüßig.
Das Pferd mußte dasselbe fühlen wie er, denn es drehte den Kopf weg und wieherte ganz leise. Dann passierte es.
Das Tor zum Park wurde brutal aufgestoßen und Soldaten in farbenprächtigen Uniformen stürmten in schnurgeraden Reihen herein.
Als erstes ein Leutnant mit goldenen Bändern und Orden -und gezogenem Säbel. Es war die Abenteuergarde, ein Heer, das auf Abenteuerland, den König und die Königin und Prinzessin Isabel aufpasste.
"Nehmt ihn fest..." ertönte das Kommando.
Die Soldaten liefen im Takt voran, mit Bajonetten auf den Gewehren.
Der junge Mann, der für die Prinzessin spielte, lachte und gab ihr einen Handkuß, bevor er die Laute über die Schulter schwang und auf das Pferd sprang. Das wieherte und bäumte sich auf. Jesper hielt den Atem an.
Die Soldaten kamen näher.
Er griff die Laute, schlug die Saiten an, spornte das Pferd und galoppierte direkt auf die hohe Mauer zu, die den Park umgab.
Das Pferd trippelte, setzte ab und sprang.
Prinzessin Isabel sah zu und unterdrückte einen kleinen, erschreckten Seufzer.
Er segelte über die Mauer, getragen von dem Pferd und der lieblichen, kleinen Melodie zusammen. Aber sobald er darüber hinweg und nicht länger zu sehen war, strömte die kleine Melodie über das Abenteuerland und erfüllte die, die dort lebten mit der Hoffnung, daß sie einander eines Tages bekommen würden. Denn Verlobte, das waren sie. Und sie liebten einander so innig, Prinzessin Isabel von Abenteuerland und Prinz Dur von Symphonien.
Die Soldaten blieben stehen und entspannten sich.
Der Leutnant marschierte herüber und stellte sich unter den Balkon. Er wandte den Blick nach oben und sah Prinzessin Isabel ehrerbietig an.
"Mit Eurer Majestät Erlaubnis, werde ich mich zurückziehen?"
Sie nickte.
"Erlaubt mir, vorzubringen, daß ich gezwungen bin, dem König zu melden, daß wir einen Fremden vertrieben haben, der nach dem Gesetz nicht die Erlaubnis hatte im Schloßgarten zu..."
"Wen wollen sie melden, den sie gesehen haben...?" fragte sie nervös.
Er stand etwas und dachte nach. Von weit weg drang die Musik der Laute über die Mauer.
"Gestattet mir," sagte der Leutnant feierlich. "Ich kann niemanden bestimmtes melden, denn ich sah das Gesicht des Betreffenden nicht in der Dunkelheit..."
Prinzessin Isabel lächelte erleichtert und bedankte sich.
Der Leutnant verbeugte sich und schob den Säbel in die Scheide.
Aber gerade als er sich umdrehte und den Soldaten das Kommando gab durch das Tor zu gehen, warf er ihr denselben Blick zu wie der Musikant. Auch er liebte die Prinzessin, aber er respektierte, daß sie gewählt hatte, ihr Herz einem anderen zu schenken, denn er war ein echter Leutnant.
"Die Nacht bei dir zu Hause ist bald vorbei," sagte Prinzessin Isabel.
Sie ging vor ihm durch den Saal mit dem glänzenden, wie ein Schachbrett gemusterten Boden.
Jesper folgte ihr halb rennend, weil sie so große Schritte machte, daß er ihr kaum nach kam.
Die Spiegel an den Wänden tratschten. Jedes Mal, wenn er sich selbst sah, dachte er daran, wie hübsch er war. Ein richtiger Kavalier in einem Hemd mit Rüschen am Hals und einem richtigen Kavaliersfrack mit Schößen und Spangen.
Die braunen Hosen steckten in langschäftigen Stiefeln und einen Säbel hatte er, obwohl er kleiner war, als die der Soldaten. Draußen auf der Marmortreppe blieb sie stehen und schaute sich im Schloßgarten um.
"Du mußt dich beeilen, von hier wegzukommen," sagte sie. Ihr Blick streifte die Turmuhr.
"Beim zwölften Schlag MUSST du im Niemandsland sein. Versprich mir, das nie zu vergessen."
Er starrte auf die Uhr. "Warum...?"
Sie schaute zu ihm herunter. "Weil du sonst nie wieder in deine eigene Welt zurück kannst. So ist es eben..."
Sie seufzte. "Es nützt nichts, daß du mich fragst warum, denn ich weiß es nicht."
Jesper streifte den Hut mit der Feder vom Kopf und drückte ihn an seine Brust, wie er gesehen hatte, daß man das hier machte. Dann verbeugte er sich und hielt die linke Hand am Säbelschaft.
"Wie Ihre Majestät befehlen." sagte er wichtig.
"Du bist gelehrig," lachte sie. "Du kleiner Lümmel."
Sie drehte sich zum Schloßplatz, pfiff in die Dunkelheit und stellte sich hin, um zu warten.
Drüben im fernsten Winkel polterte ein Tor auf. Das Licht aus einem Stall überflutete die Pflastersteine und die Kutsche mit den acht weißen Pferden brauste auf die Treppe zu. Sie hielt am Fuß der Stufen und eine Tür sprang auf.
"Kommst du eines Tages wieder?" fragte sie.
Jesper sah sie an. "Sobald ich kann..." versprach er.
"Das habe ich gehofft," lächelte Prinzessin Isabel und schob ihn die Treppe hinunter auf die offene Wagentür zu.
Gerade als er einstieg und die Tür zufiel, schlug die Turmuhr das erste Mal. Die Pferde wieherten und die Räder begannen zu rollen.
"Warum ist hier kein Kutscher...?"
"Das ist nicht notwendig," rief sie zurück. Mehr konnte er nicht hören, weil die Räder auf den Pflastersteinen donnerten und der Lärm ihre Worte verschluckte.
Die Pferde steigerten das Tempo, schneller und schneller. Hinaus durch die Tore vorm Schloß und über die Zuckerbrücke. Hinter ihnen dröhnte die Turmuhr ihre Schläge über das Land. Zwei.... Drei.... Vier....
Er fühlte, wie sie voranjagten. Sie wollten, daß er es schaffte.
Das Pfefferkuchenhaus sauste in der Dunkelheit vorbei. Die Hexe stand am Fenster und betrachtete ein kleines Mädchen, das Brennholz für den Ofen sammelte. Er sah sie wie in einem Blitz, dann waren sie vorbei und donnerten weiter.
Ein Drache spie Feuer auf der Ebene, während die Uhr das fünftemal schlug.
Als die Turmuhr das achtemal läutete, verlangsamten die Pferde ihre Geschwindigkeit und blieben stehen.
Die Kutsche hielt bei den zwei offenen Torflügeln, die aus Abenteuerland hinausführten.
Die Diener und die Soldaten in den roten Uniformen waren nicht mehr da. Das Tor war gerade noch so weit offen, daß die Pferde hindurchpassten. Aber auf dem Weg vor der Kutsche stand eine große Männergestalt und versperrte ihnen den Weg.
Er war in einen schwarzen Mantel mit einer Kapuze über dem Kopf gehüllt. Das Gesicht war im Schatten der Kapuze versteckt, nur die Nase und das äußerste vom Kinn glänzten weiß im Mondlicht.
Jesper schaute verstohlen aus dem Fenster. Die Pferde standen unruhig da und stampften mit den Hufen auf dem steinigen Weg. Sie waren feucht von Schweiß und schlugen ungeduldig mit den beschlagenen Füßen.
Die große Gestalt ging schnell um die Kutsche herum zur Tür und öffnete sie. Augen schauten Jesper an, wie zwei blaue Kugeln aus der Dunkelheit unter der Kopfbedeckung.
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