"Hier ist es nett, aber in meinem eigenen Land ist es viel schöner..."
"Bist du auf dem Weg nach Hause, oder was...?"
"Dies ist Niemandsland..." sagte sie und zeigte aus dem Fenster. "Hier kommen alle her, die Lust haben. Nach Abenteuerland kommen nur die, die dort wohnen..."
"Abenteuerland..." murmelte Jesper vor sich hin. "Das klingt nett..."
Sie nickte freundlich und reichte ihm eine Schachtel.
"Isst du Schokolade?"
"Ja, das tat er.“
Er fand nicht, daß es einen Grund gab, bescheiden zu sein. Sie wirkte ja sehr jung, dafür, daß sie eine Erwachsene war. So stopfte er den Mund mit Schokolade voll und steckte auch ein paar Stücke in die Tasche.
"Bist du immer so...?" fragte sie.
"Jah..." murmelte er, während er kaute.
Sie schaute etwas aus dem Fenster, dann wandte sie ihren Blick wieder ihm zu und fragte geradeheraus: " Wo kommst du her...?"
"Åhh..."
Er kratzte sich etwas an der Wange und dachte nach. "Ja also - gerade jetzt träume ich. Aber ich komme aus Dänemark, wie die meisten anderen..."
"Dänemark...?" Sie sah ihn nachdenklich an. "Meinst du, daß du aus der Wirklichen Welt kommst...?"
"Die Wirkliche Welt...?" Er lachte. "Es gibt doch nur eine Welt."
"Da irrst du dich." lächelte sie und lehnte sich gegen ihn.
"Ich werde dir meine Welt zeigen - die Abenteuerwelt. Vielleicht kann ich auch einmal die Hilfe von so einem niedlichen, jungen Kavalier, wie dir, gebrauchen, wer weiß."
"Du bist doch Prinzessin." sagte er und schluckte den letzten Klumpen Schokolade hinunter. "Du kannst doch unmöglich irgendwelche Probleme haben?"
"Ich wünschte es wäre so schön," seufzte sie.
"Lächel jetzt." sagte Jesper und lutschte seinen Daumen von der Schokolade sauber. "Man wird häßlich, wenn man sich Sorgen macht, das sagt meine Mutter jedes Mal, wenn mein Vater Rechnungen bezahlen soll."
"Meinetwegen" antwortete sie und lächelte wie vorher.
Der Wagen rollte vom Kiesweg. Das Poltern wurde von einem gleichlautenden Ton der Räder abgelöst.
"Dann sind wir bald da," sagte sie und lehnte sich gegen das Fenster.
Er folgte der Richtung ihres Blickes. Draußen war alles verändert. Sie donnerten dahin über eine glatte, blanke Spiegelfläche.
Jesper schaute hinunter in die spiegelnde Ebene. Er meinte sicher, daß er zwei weiße Schwäne sah, wie ein erstarrtes Bild in einem Spiegel.
"Nun kommen wir zu den Toren," sagte sie. "In wenigen Augenblicken sind wir in meinem Land." Jesper rückte auf dem gepolsterten Sitz und drückte die Nase an der Scheibe platt.
Vor der Kutsche tauchte eine riesige Mauer auf. Je näher sie kamen, je höher türmte sie sich gegen den Himmel. Mitten in der Mauer war ein sehr hohes, breites, doppeltgeflügeltes Tor. Das Tor war aus Metall mit großen Bolzen rund herum an den Seiten. Als die Kutsche sich näherte, schwangen die schweren Tore auf. Hinter dem Tor standen zwei Reihen rotgekleidete Soldaten mit Trompeten und bliesen eine Fanfare, während sie hindurchfuhren.
Die Kutsche sauste ins Abenteuerland. Die Trompeter bliesen und das Tor schloß sich hinter ihnen.
Es ging über Stock und Stein, durch malerische Wälder und Täler, auf das weiße Schloß auf dem Gipfel eines Berges zu. Durch die blanken Fensterscheiben sah Jesper eine wunderliche Welt vorbeirollen. Dörfer mit Leuten, die er meinte, zu kennen. Leute aus seiner Phantasie und Leute, von denen er in den Abenteuern gehört hatte, die er vorgelesen bekommen hatte, schon seit er ganz klein war.
Draußen auf einer Ebene lief ein Mann sieben Meilen bei jedem Schritt, den er machte. Nach drei Schritten holte er sie ein, ging an ihnen vorbei und verschwand vor ihnen.
Und das, trotz der acht Pferde, die in schnellem Galopp vorandonnerten, sodaß die Kutsche schaukelte und auf dem Weg hin und her tanzte.
Ritter in glänzenden Rüstungen mit farbenprächtigen Wimpeln, die von ihren Lanzen wehten, waren auf dem Weg über die Ebene, auf der Jagd nach Drachen, die es in fast allen Abenteuern gibt, die aufgeschrieben worden sind.
Jesper sog alles in sich ein, so gut er konnte, aber es geschah zuviel, als daß er es schaffen konnte, alles zu sehen.
Die ganze Zeit beobachtete sie ihn, ohne daß er es bemerkte.
"Was ist das?" flüsterte er und zeigte. Sie polterten durch einen tiefen, dunklen Wald.
"Das ist ein aus allerlei leckeren Sachen gebautes Haus..." lachte sie. "Du mußt davon gehört haben - das Knusperhäuschen?"
Jesper nickte.
"Willst du probieren?" fragte sie.
"Nein, danke," Jesper schüttelte den Kopf. Er erinnerte sich an die Hexe, die Kinder im Ofen briet und verlor die Lust auf Pfefferkuchen.
"Je weiter wir hineinkommen," sagte sie. "Je merkwürdiger wird dir diese Welt noch vorkommen. Weil sie weniger und weniger der Welt gleicht, aus der du selbst kommst."
Er lächelte, ohne den Blick vom Fenster zu wenden. "Ja, das glaub ich auch..."
Sie fuhren über eine Brücke aus Zucker. Ein großes Schwein trollte am Ufer eines Limonadenbaches entlang. Es war aus Marzipan und hatte ein Messer und eine Gabel tief im Rücken stecken.
"Magst du Marzipan?" fragte sie freundlich.
"Jahh..." seufzte Jesper. "Aber nicht jetzt. Ich muß mich erst an all das hier gewöhnen."
"Du mußt andere Kleidung haben," sagte sie säuerlich.
Er nickte wieder. Allerdings, das gefiel ihm auch nicht.
Sie rollten über eine Brücke zu dem weißen Schloß. Die Hufe donnerten auf den Steinen, hinein durch ein Tor.
Die Kutsche hielt im Hof des Schlosses an. Rundherum ragten weiße Türme mit den Spitzen gegen den Himmel.
"Wahnsinn..." dachte Jesper, der nie etwas dem gleichendes gesehen hatte. Das war schon etwas anderes, als Schloß Sorgenfrei, zuhause, wo er herkam.
"Wie mußt du glücklich sein," sagte sie, gerade als sie dabei war , auszusteigen. Sie drehte sich um und warf ihm einen langen, freundlichen Blick zu. "So in einer wirklichen Welt zu leben, ganz ohne Sorgen und Nöte..."
"Ich habe eigentlich Probleme genug," antwortete Jesper. "Frag nur meine Eltern."
Sie stieg hinunter mit Hilfe des Dieners in der roten Uniform.
"Danke, Rinze..." murmelte sie.
"Ihre Majestät, sie sind allzu freundlich." murmelte er und ließ ihre Hand los.
Dann drehte sie sich um. "Wie sind sie - deine Eltern?"
"Meine Mutter ist nett," sagte er. "Mein Vater ist Computer-freak, er ist etwas merkwürdig."
"Computer...?" sagte sie und studierte ihn eine lange Sekunde. Dann streckte sie die Hand vor. "Komm, nun sollst du mit hinein und sehen, wie ich wohne."
Sie führte ihn eine sehr, sehr breite Treppe hinauf. Sie war aus dem weißesten Marmor, und er sah, daß ihre Schuhe aus Glas waren.
Den ganzen langen Tag zeigte sie ihm die Abenteuerwelt. Er traf die Erinnerungen seiner Kindheit wieder, spaßige, unheimliche, phantastische...
Trotzdem wirkte sie besorgt.
"Bald mußt du zurück in deine eigene Welt..." sagte sie leise." Du darfst nicht mehr in meinem Reich sein, wenn die Zeit gekommen ist. Du mußt dafür sorgen, daß du im Niemandsland bist - das ist wichtig. Vergißt du es, kann es dir schaden."
Sie stand vor ihm, schön und unwirklich.
Der Boden in dem großen, hellen Saal hatte ein Schachbrettmuster. Die Schachfiguren, größer als er selbst, standen und warteten im Licht der Kronleuchter.
Von den dicklichen Türmen, den Bauern mit den Sensen über den Schultern, den Springern bis zu den Pferden.
"Hast du Lust zu spielen?" fragte sie.
"Nicht gerade jetzt," antwortete Jesper und kratzte sich an der Nase.
"Was ist es, daß dich traurig macht?"
Bevor sie antworten konnte, kam die schönste, kleine Melodie durch die offenstehende, französische Tür. Sie wallte durch die Luft, sanft und behutsam, und brachte das Lächeln zurück in ihre Augen. Die Schachfiguren standen da und lauschten mit.
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