Sie richtete sich auf, setzte sich auf die Bettkante, versuchte ihre angespannten Nackenmuskeln zu lockern und schaute sich in ihrem Schlafzimmer um. Ihre Augen erblickten da so einiges: High-Heels, Weinflasche, Gläser, Netzstrümpfe, Krawatte, Männerhemd… Oh Mann, hier hat wohl eine Bombe eingeschlagen .
«Eine Bombe Namens Ulrich.» In diesem Augenblick betrat Ulrich das Schlafzimmer bereits angezogen, leider bereits angezogen, wie Petra sich in sehnlicher Erinnerung dachte.
«Kannst du Gedanken lesen?» Petra stand auf, umarmte und küsste ihn auf die Wange. Sie wusste, dass er es nicht gerne hatte, wenn sie ihn am Morgen auf den Mund küsste, bevor sie ihre Zähne geputzt hatte. Und sie hielt sich daran, sie wollte ihn nicht verärgern und vor allem wollte sie ihn nicht wieder verlieren. Sie waren schon mal ganze acht Jahre lang getrennt, seit sie wieder zusammen waren, so fühlte sie sich glücklich. Wenn es sowas wie Glück überhaupt gibt, auf alle Fälle war sie zufrieden mit sich und der Welt. Das ist mehr als viele andere Menschen haben .
«Du bist sowas von heikel», sagte Petra unlängst zu Ulrich, als dieser wieder mal ihren Morgenkuss abwehrte. «Heikel, und manchmal leider etwas zu perfekt.»
Ulrich löste sich schnell aus der Umarmung und meinte betreffend der Bombe: «Gedanken lesen kann ich noch nicht, aber ich habe doch deinen Blick gesehen. Deine Augen sagen oft mehr als tausend Worte. Aber jetzt muss ich leider los mein Schatz.»
«Trinken wir nicht noch einen Kaffee zusammen?», erwiderte Petra sichtlich enttäuscht. Sie wollte nicht so abrupt in den tristen Alltag starten, dazu hatte sie nicht mal ein halbes Prozent Lust. Und wer räumt hier auf? , dachte sie als sie umherblickte, natürlich wieder mal ich. Aber eigentlich ist es auch okay so, immerhin ist es ja meine Wohnung .
Doch Ulrich hatte seinen Morgenkaffee bereits getrunken und war schon auf dem Sprung: «Die Pflicht des Lebens ruft. Und du solltest dich auch beeilen.»
«Wieso, gibt’s irgendwo einen Toten oder sonst ein schlimmes Verbrechen, das darauf wartet von mir aufgedeckt zu werden?» Sie trat zum Fenster, das sie weit öffnete und mit einem tiefen Atemzug schaute sie hinaus in den Morgenhimmel, der sich ihr bedeckt und grau präsentierte. Es schien ihr, als stünden die dunklen Wolken am Himmel kurz davor, sich zu entladen und die Erde mit einem starken Regenschauer zu erfrischen. Was eigentlich auch gut ist, wie sie zu sich selbst meinte, hatte es doch schon seit Wochen nicht mehr so richtig geregnet. Tja, die Klimaerwärmung. Die ist ja in aller Munde und längst zur Tatsache geworden. Auch wenn es Politiker wie Donald Trump immer noch nicht wahrhaben wollen. Vielleicht wird Europa ja irgendwann zu einer Wüste, aber das erleben Ulrich und ich nicht mehr . Sie legte ihre rechte Hand auf ihre Stirn und ihr Blick schweifte in die Ferne «Kein Verbrechen in Sicht, Ulrich, ich kann nichts entdecken. So sehr ich mich anstrenge, nichts zu sehen.»
Ulrich, der eigentlich schon gehen wollte, trat plötzlich von hinten an sie heran und seine Hände streichelten zunächst ihren straffen Po, der ihn oft beinahe zum Wahnsinn trieb, und dann ihre Brüste. Er dachte zurück an den gestrigen Abend, an die vergangene Nacht, und seine Lüsternheit stieg in ihm auf. Seine kräftigen, aber dennoch zarten und weichen Hände glitten unter Petras türkisfarbenes T-Shirt und zärtlich umkreiste er ihre Busen, was ihre Brustwarzen in Erregung versetzte. «Wir könnten auch sofort wieder ins Bett», hörte er Petra zärtlich flüstern, da sie seine Erregung nur zu deutlich spüren konnte.
Schon wollte Ulrich seiner Geliebten nachgeben, doch in diesem Moment klingelte das Mobiltelefon von Petra, was so früh am Morgen in der Regel nichts Gutes verhiess. «Immer im dümmsten Moment, irgendwann bring ich das Ding noch um», ärgerte sie sich, schaute auf das Display und nahm widerwillig den Anruf entgegen. «Erwin, guten Morgen, was gibt’s denn? Ich hoffe, du hast einen guten Grund mich so früh anzurufen.»
«Guten Morgen Petra, hast du schon gefrühstückt?» Erwin Leubin, der langjährige Arbeitskollege von Petra, sprach langsam und auch etwas bedrückt. Als Ermittlerduo Neuhaus/Leubin hatten sie schon viele mysteriöse Kriminalfälle aufgedeckt und Erwin wusste, der nächste Fall ist bereits da.
«Nein.»
«Dann nimm noch was Kräftiges zu dir. Wir haben einen Toten, das heisst einige Teile davon.»
Nachdem Erwin ihr erklärt hatte, wo sie sich treffen würden, legte Petra ihr Mobiltelefon wortlos auf das Sideboard, das sich im Wohnzimmer neben dem Fenster befand. S uper, die Woche fängt ja schon mal gut an . Sie blickte in Ulrichs braune schmale Augen: «Sorry, ich muss los!»
«Tja, also doch, ich habe es dir ja gesagt, die Pflicht des Lebens ruft auch nach dir.»
Um 5:30 Uhr in der Früh klingelte bei Ibrahim Mansour der Wecker, es war ein ganz gewöhnlicher Gebrauchsgegenstand, den er sich vor ein paar Jahren in einem Discountladen für weniger als 20 Franken erworben hatte. Er legte keinen Wert auf Luxusartikel, lieber versuchte er sich einen Sparbatzen anzulegen. Der knapp dreissigjährige Bauarbeiter stand innert Sekunden auf, er musste pünktlich zur Arbeit erscheinen. Aber das war für den kräftigen braungebrannten Ibrahim, dessen Grossvater im Jahre 1947 als Flüchtling zunächst nach Deutschland und dann drei Jahre später in die Schweiz kam, kein Problem. «Pünktlichkeit, das ist fünf Minuten vor dem Termin zu erscheinen», sagte ihm einst einer seiner Lehrer, ein gewisser Samuel Wassmer, der aus dem bernischen Emmental stammte. Ibrahim hatte Lehrer Wassmer nicht nur der Pünktlichkeit wegen in guter Erinnerung behalten. Zurückblickend auf seine Schulzeit dachte er oft, dass er von all seinen Lehrkräften am meisten von Samuel Wassmer gelernt und profitiert hatte.
Trotz seiner arabischen Wurzeln fühlte sich Ibrahim durch und durch als Schweizer, nicht als Eidgenosse. Nein, das denn doch nicht, denn Eidgenossen, das waren für ihn die Männer im Mittelalter, die als Söldner mit Morgensternen, Hellebarden und Schwerter in die fernen Länder reisten und für fremde Herrscher in den Krieg zogen. Ein für ihn mehr als sinnloses Unterfangen, wieso soll man sein Leben für ein fremdes Land riskieren? Das konnte er sich beim besten Willen nicht erklären, das war für ihn schlicht eine Nummer zu hoch. Er konnte auch nicht verstehen, weshalb sich Europäer und darunter auch Schweizer immer wieder der salafistischen Miliz IS anschlossen. Ibrahim huschte kurz unter die Dusche und trank dann eine Tasse Chai, einen Tee mit sehr viel Zucker und den Gewürzen Kardamom, Zimt und Nelken. Dazu ass er ein Stück Sauerteigbrot und eine fast noch grüne Banane, dann war er bereit für seinen Arbeitstag.
Fünf Minuten vor 7:00 Uhr trat Ibrahim ins Büro seines Chefs auf der Baustelle in Hirschthal, wo er seit rund zwei Wochen schon tätig war. Er freute sich auf die Arbeit, denn die Wochenenden sind für Ibrahim oft lange und auch einsam. Eine Freundin hatte er zurzeit nicht, wer will sich schon mit einem Araber einlassen, auch wenn sich dieser als Schweizer fühlt und auch so spricht. Und seine Freunde, das waren vor allem seine Arbeitskollegen. Den Sonntag hatte er grösstenteils vor dem Fernseher verbracht, er sah sich ein Fussballspiel und das Formel 1 – Rennen an, das von Lewis Hamilton gewonnen wurde. Ansonsten war es ein eher langweiliges Wochenende. Daher war Ibrahim nun richtiggehend froh, dass er sein Tagewerk beginnen konnte.
«Guten Morgen Ibrahim», begrüsste ihn sein Vorgesetzter Thomas Steiner, zu dem er ein gutes kameradschaftliches Verhältnis pflegte.
«Guten Morgen Thomas, gibt es heute etwas Besonderes?»
«Nein, alles wie geplant, du kannst an deinem Aushub weitermachen. Willst du einen Kaffee bevor du beginnst?» Mit sichtlicher Vorfreude drückte Thomas auf die Taste der Kaffeemaschine, die sich denn auch sofort brummend ans Werk machte und die Kaffeebohnen zu mahlen begann. «Ein kleines Wunder, so eine funktionierende Kaffeemaschine, da kommt doch Freude auf, nicht wahr, Ibrahim?»
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