Kapitel 1
Die englische Krankheit
Ich habe England ein Elfmeterschießen gewinnen sehen. Ich war am 22. Juni 1996 im Wembley-Stadion dabei, als England im Viertelfinale der Europameisterschaft Spanien im Elfmeterschießen mit 4:2 besiegte. Hätte ich doch damals schon gewusst, was ich heute weiß: dass England seine nächsten fünf Elfmeterschießen verlieren würde; dass Spieler scheitern würden, die regelmäßig Elfmeter schießen, ebenso wie Spieler, die nie Elfmeter schießen; dass namhafte wie unbekannte Spieler scheitern würden; dass Verteidiger, Mittelfeldspieler und Stürmer scheitern würden. Damals war es ja „nur“ ein Viertelfinale gegen Spanien. Ach, hätte ich es bloß gewusst, hätte es irgendeiner von uns gewusst.
Stattdessen verlor England vier Tage später gegen Deutschland, mal wieder im Elfmeterschießen. Immerhin waren sie diesmal nah dran gewesen: Sie verwandelten die ersten vier Schüsse, das machte dann inklusive des Spiels gegen Spanien neun verwandelte Elfmeter in Folge. Zwei Jahre später, bei der WM 1998 in Frankreich, unterlag England im Elfmeterschießen gegen Argentinien, bei der EM 2004 und der WM 2006 jeweils gegen Portugal. Bei der EM 2012 scheiterten sie an Italien.
Inzwischen fürchten die Engländer bei einem großen Turnier nichts so sehr wie ein Elfmeterschießen. Es ist schon so weit gekommen, dass manche Gegner von vornherein nur auf das Elfmeterschießen aus sind, weil sie wissen, dass sie dann psychologisch im Vorteil sind. Obwohl die Protagonisten sich änderten – so standen bei den fünf genannten Niederlagen im Elfmeterschießen vier verschiedene Keeper im Kasten –, war das Ergebnis stets das gleiche. Und die Ausreden ... Na ja, die waren letztlich auch immer die gleichen:
1990: „Das Wichtigste ist, dass die Mannschaft gut gespielt hat. Letztendlich konnte uns aus dem Spiel heraus keiner schlagen.“ (Bobby Robson)
1996: „Ich war überrascht, dass der Trainer mich als Schützen nominiert hat. Ich habe nie Elfmeter trainiert und in meinem ganzen Leben erst einen geschossen, und der ging auch daneben.“ (Gareth Southgate)
1998: „Man kann die Bedingungen eines Elfmeterschießens nicht im Training simulieren.“ (Glenn Hoddle)
2004: „Letztlich wurde das Spiel vom Elfmeterpunkt entschieden. Wenn es so weit kommt, ist es eine reine Lotterie.“ (Gary Neville)
2006: „Wir haben ganz viel Elfmeterschießen trainiert, ich weiß nicht, was wir sonst noch hätten tun können. Wir haben so viel geübt, fast jeden Tag, aber letztlich waren wir dem Druck nicht gewachsen.“ (Sven-Göran Eriksson)
2006: „Du kannst Elfmeter trainieren bis zum Abwinken, was wir ja auch während des ganzen Turniers getan haben, aber es ist eben nicht dasselbe.“ (Wayne Rooney)
2012: „Das ganze Training hat uns letztlich nicht viel gebracht. Vielleicht ist es Schicksal, dass wir keine Elfmeterschießen gewinnen können, aber ... man kann die müden Beine nicht simulieren. Man kann den Druck nicht simulieren. Man kann die nervöse Anspannung nicht simulieren.“ (Roy Hodgson)
Ich für meinen Teil habe die Nase voll davon, England ständig im Elfmeterschießen verlieren zu sehen. Mir wäre es lieber, sie würden einfach in der regulären Spielzeit oder Verlängerung scheitern. 1Ich wollte herausfinden, warum England in schöner Regelmäßigkeit versagt und was man tun müsste, um das zu ändern. Aber als Allererstes musste ich wissen, was die Engländer bis dahin falsch gemacht hatten. Ich ging erst einmal davon aus, dass sie wohl zu viele Elfmeter verschossen und ihre Torhüter zu wenige gehalten hatten. Also schaute ich mir die Elfmeterstatistiken aller größeren Nationen an, die an mehr als zehn Elfmeterschießen teilgenommen hatten. 2
Abbildung 1: Elfmeter verwandelt/verschossen
Land |
E-S-N |
verw./versch. |
Tore % |
Siege % |
Deutschland |
6-5-1 |
26/2 |
93 % |
83 % |
Brasilien |
11-7-4 |
39/14 |
74 % |
64 % |
Paraguay |
5-3-2 |
19/3 |
86 % |
60 % |
Argentinien |
10-6-4 |
37/10 |
79 % |
60 % |
Spanien |
7-4-3 |
25/8 |
76 % |
57 % |
Uruguay |
9-5-4 |
38/7 |
84 % |
56 % |
Frankreich |
6-3-3 |
25/6 |
81 % |
50 % |
Mexiko 3 |
7-3-4 |
18/11 |
62 % |
43 % |
Italien |
8-3-5 |
30/12 |
71 % |
38 % |
Niederlande |
7-2-5 |
22/10 |
69 % |
29 % |
England |
7-1-6 |
23/12 |
66 % |
14 % |
Die Tabelle in Abbildung 1 scheint darauf hinzudeuten, dass die englischen Trainer vielleicht nicht ganz Unrecht haben. Englands Trefferquote von 66 % liegt zwar unter dem Gesamtschnitt von 78 % (ein Wert, der in Elfmeterschießen bei Turnieren übrigens sinkt), das erklärt aber nicht die unterirdische Siegquote von nur 14 %. Mexiko beispielsweise hat eine schlechtere Trefferquote, aber eine Siegquote von 43 % – ein Wert, von dem England nur träumen kann. Auch Frankreich scheint das Glück nicht hold zu sein: Trotz einer Trefferquote von 81 % setzten sie sich nur in 50 % der Elfmeterschießen durch.
Abbildung 2 schaut auf die Rolle der Torhüter und wie sich die Schlussleute dieser elf Nationen bei großen Turnieren geschlagen haben. Bei Elfmeterschießen geht es ebenso sehr um verwandelte wie um gehaltene Elfmeter, und es ist klar zu sehen, dass England und die Niederlande dabei deutlich schlechter abschneiden als die anderen Nationen. Brasilien und Deutschland weisen eine Haltequote auf, die weit über dem Schnitt von 22 % liegt, was ihren Erfolg zum Teil erklärt.
Abbildung 2: Elfmeter kassiert/gehalten4
Land |
kassiert/gehalten |
verwandelt % |
gehalten % |
Brasilien |
35/17 |
67 % |
33 % |
Deutschland |
20/9 |
69 % |
31 % |
Paraguay |
16/6 |
73 % |
27 % |
Argentinien |
37/12 |
76 % |
24 % |
Mexiko |
23/7 |
77 % |
23 % |
Italien |
30/8 |
79 % |
21 % |
Spanien |
24/6 |
80 % |
20 % |
Uruguay |
35/8 |
81 % |
19 % |
Frankreich |
26/6 |
81 % |
19 % |
England |
29/6 |
83 % |
17 % |
Niederlande |
21/3 |
88 % |
12 % |
Nach jeder englischen Niederlage wird natürlich vor allem über die Spieler geredet, die verschossen haben, oder über den Trainer, der das Schicksal beklagt – die „Lotterie“ Elfmeterschießen oder, in Erikssons Fall, dass man zwar hart, aber nur fast jeden Tag trainiert habe. Nur selten hört man etwas von der gegnerischen Seite, den Siegern, der Mannschaft, die das Glück hatte, gegen England ins Elfmeterschießen zu kommen. Also nahm ich mir vor, mit je einem Spieler dieser gegnerischen Mannschaften zu sprechen und zu erfahren, was England ihrer Meinung nach falsch gemacht hatte. Das würde mich sicher nicht auf die endgültige Lösung aller englischen Probleme beim Elfmeterschießen bringen, aber wenn ich damit nur ein ganz klein wenig Licht ins Dunkel bringen würde, hätte sich die Sache schon gelohnt.
Der Mann, der den größten Anteil an Englands grottenschlechter Elfmeterbilanz bei großen Turnieren hat, ist Ricardo Alexandre Martins Soares Pereira oder einfach kurz Ricardo. Er ist der portugiesische Torwart, der sich im Viertelfinale der EM 2004 die Handschuhe auszog, bevor er gegen Darius Vassell parierte und anschließend den entscheidenden Elfmeter selbst versenkte. Zwei Jahre später, im Viertelfinale der WM 2006, wehrte er als erster Torwart überhaupt drei Schüsse in einem WM-Elfmeterschießen ab. Die FIFA kürte trotzdem den englischen Mittelfeldspieler Owen Hargreaves zum „Man of the Match“, wohl weil er, wie Ricardo vermutete, „der Einzige war, der gegen mich einen Elfmeter verwandelte“. Zum Trost erhielt Ricardo von Schiedsrichter Horacio Elizondo den von ihm unterschriebenen Spielball. Elfmeterschießen waren für die Engländer zu diesem Zeitpunkt längst ein Problem geworden. Gegen Ricardo verwandelten sie in den beiden Spielen nur sechs von elf Versuchen. Dank Ricardo verschärfte sich das Problem und wurde zu einem Komplex. Einer Obsession. Einem Trauma. Das Ende vom Lied? Bei ihrem nächsten Elfmeterschießen, sechs Jahre später im Viertelfinale der EM 2012 gegen Italien, waren die Engländer eigentlich von vornherein zum Scheitern verurteilt.
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