Er streckte die Hand aus und schüttelte Bian sanft. »Bian, geht es Ihnen gut? Bian!«
Doch sie rührte sich nicht. Er konnte leider nur ihren Hinterkopf sehen. In der Kabine gab es keinerlei Bewegung. War er der einzige Überlebende?
In der Ferne ertönte jetzt ein donnerndes und tiefes Grollen. Bill wusste, dass es kein Donner war. Das Geräusch war leise und knurrend, wie ein Rudel Löwen, die gedämpft brüllten. Er schaute auf den Rand der kleinen Lichtung. Die Bäume und die Vegetation bewegten sich. Wehte der Wind so heftig? Doch es war nicht der Wind … etwas bahnte sich einen Weg auf die Lichtung zu … etwas Großes.
Er hörte das Geräusch schwerer, stampfender Schritte und sah, wie dünne Baumstämme im rechten Winkel abknickten. Am Rand der Lichtung zeichnete sich jetzt eine große, dunkle Gestalt ab. Sie gab ein tiefes Grollen von sich, ähnlich dem eines Tigers. Das tiefe Geräusch zog über die Lichtung und löste unfassbare Panik in Bill aus, denn er hörte das Grollen nicht nur … er spürte es.
Zuerst erschien ein riesiger Kopf im grünen Blattwerk der Lichtung. Er sah aus wie der Kopf eines gewaltigen Vogels, bedeckt mit weißen Federn, doch der Schnabel war zu kurz und viel zu breit. Was daran lag, dass es gar kein Schnabel war. Das Wesen, zu dem der Kopf gehörte, trottete jetzt auf die Lichtung und sog dabei schnuppernd die Luft ein.
Bill fragte sich, ob er gestorben und an einen albtraumhaften Ort versetzt worden war, weil sich das riesige Ding etwa ein Dutzend Meter über den Boden erhob. Es hatte einen langen Schwanz, der an der Spitze gefiedert war. Es bewegte seinen Kopf in einer sich wiederholenden Pendelbewegung von einer Seite zur anderen und näherte sich dabei vorsichtig den Trümmern der Maschine.
Das Wesen schnüffelte in der Luft und gab grunzende Geräusche von sich. Dann stampfte es zu den Überresten des Flugzeugs und begann, es näher zu untersuchen.
Bill blieb absolut regungslos. Das Tier befand sich am anderen Ende des Wracks, und er wollte auf keinen Fall dessen Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Er betete, dass es bald das Interesse verlieren und wieder in den Bäumen verschwinden würde, wo es hergekommen war.
Das Tier stupste jetzt den zerbrochenen Rumpf mit seinem Maul an. Das ganze Wrack geriet daraufhin in Bewegung. Bill wimmerte leise, als er auf die linke Seite geworfen wurde. Das Wesen ließ jetzt einen Luftstoß aus seinen Nasenlöchern entweichen, was ein hohes Pfeifgeräusch erzeugte.
Es stupste den Rumpf erneut an und dann ein drittes Mal noch kräftiger, bis das Wrack sich anfing zu drehen. Bill spürte, wie die Überreste des Flugzeugs aufrecht zum Liegen kamen und er nicht mehr in der Luft hing. Seine Hände wanderten unauffällig zur Schnalle seines Sicherheitsgurtes.
Das Wesen stellte die Federn auf seinem Kopf auf wie ein Papagei, was irgendwie an die Frisur eines Punkrockers erinnerte. Es schnupperte erneut und stieß dann ein lautes Brüllen aus, während es rückwärts von den Trümmern wegsprang.
Als keine Reaktion aus dem Wrack erfolgte, schlich es wieder vorwärts. Es schob seine Nase in die Sitze hinein und schnüffelte laut. Dabei stieß es ein leises Grollen aus, öffnete seine massiven Kiefer und riss mit den Vorderzähnen einen Körper von einem der Sitze. Der leblose Oberkörper des Fluggastes, der immer noch angeschnallt war, riss in Stücke.
Das Tier legte den Kopf zurück, warf den Leckerbissen zu seinen hinteren Zähnen und ließ die Kiefer dann aufeinander krachen. Blut tropfte aus seinem Maul und befleckte seine weißen Federn, während es Knochen zermalmte und Fleisch zerkleinerte. Es schluckte den Bissen hinunter und schob die Nase zurück in den Sitz.
Oh mein Gott ! Es frisst die Passagiere! Es frisst die verdammten Passagiere! Bill wurde klar, dass er buchstäblich ein gefundenes Fressen sein würde, wenn er in seinem Sitz blieb. Er öffnete daher vorsichtig die Gürtelschnalle. Mit einer langsamen kontrollierten Bewegung schob er die beiden Teile seines Sicherheitsgurtes von seinem Schoß.
Die Bestie hatte jetzt offenbar im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt und begann, weitere Körper von den Sitzen zu pflücken. Es packte sie mit den Vorderzähnen, kaute sie ein paar Mal und schluckte sie dann hinunter. Es war ein grauenerregender Anblick. Seine Mitpassagiere waren bereits tot, das hoffte Bill zumindest, also spürten sie nichts. Aber es war trotzdem furchtbar zu sehen, wie dieses Ding sie fraß. Es hob ein riesiges, muskulöses Hinterbein an und hielt den Rumpf mit einem krallenbewehrten Fuß fest, während es weitere Fleischstücke aus dem Metallzylinder zog.
Bill hörte plötzlich ein leises Wimmern, das aus einer der Sitzreihen vor ihm kam. Es hatte also noch jemand überlebt! Psst! , dachte er. Wer auch immer es war, er oder sie würde unweigerlich die Aufmerksamkeit dieses Wesens auf sich ziehen. Jetzt sah er, wie jemand aufstand.
Es war eine Frau. Er konnte es trotz des schwachen Mondlichts an ihren langen Haaren erkennen. Sie wirkte benommen, denn sie schwankte hin und her und hielt sich den Kopf.
Setz dich gefälligst wieder hin! Kannst du das Tier nicht sehen?
Sie schrie plötzlich laut auf, was seine Frage beantwortete.
Das große, gefiederte Biest stellte sofort die Federn auf seinem Kopf auf und ließ ein ohrenbetäubendes Gebrüll erschallen, das gleichzeitig nach einem Frachtzug und einem Tier klang. Die Frau drehte sich um und humpelte panisch den Gang hinunter. Sie lief dabei geradewegs in Bills Richtung.
Das riesenhafte Tier nahm seinen Fuß vom Flugzeugrumpf, stampfte neben dem Flugzeug her und folgte ihr. Mit seinen großen Schritten holte es rasch zu ihr auf.
Bill musste unwillkürlich an diesen einen wirklich populären Film denken, der sich um Dinosaurier drehte. »Bleib sofort stehen!«
Die Frau war so erschrocken, eine andere menschliche Stimme zu hören, dass sie mitten in der Bewegung erstarrte.
»Beweg dich nicht!«, rief Bill ihr zu. »Es kann dich nicht sehen, wenn du dich nicht bewegst!«
Wenigstens hoffte er, dass der Fall war. Damals hatte er zumindest gehört, dass die Darstellung der Tiere in diesem speziellen Film auf sorgfältig recherchierten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht hatte. Außerdem war das Buch, auf dem der Film basierte, von einem richtigen Arzt geschrieben worden.
Voller Entsetzen blieb die Frau mehrere Reihen von Bill entfernt stehen. Ihre Blicke trafen sich. Bevor sie irgendetwas tun konnte, kam die Bestie direkt neben dem Teil des Flugzeugs zum Stehen, in dem sie sich befanden.
Es sog die Luft über ihr in seine Nasenlöcher. Seine schwarzen und knopfrunden Waschbärenaugen, die im Schatten scharfer Schädelkämme versteckt waren, bewegten sich wachsam. Seine Zähne waren lang und scharf und schienen fast einen Fuß lang zu sein. Bill formte mit seinen Lippen stumm die Worte: Beweg. Dich. Nicht.
Die Frau erstarrte mit bis zu den Ohren hochgezogenen Schultern, schluchzte aber leise. Ihr Körper zitterte und ihr regennasses Haar klebte in ihrem Gesicht. Sie biss die Zähne aufeinander und versuchte verzweifelt, aber vergeblich, einen leisen Schrei zu unterdrücken.
Die Bestie beugte sich daraufhin sofort hinunter und stupste sie mit ihrer Schnauze an. Die vier Zoll langen Krallen an ihren kurzen Vorderbeinen gingen immer wieder auf und zu. Die Frau zuckte kurz zusammen und starrte dann wieder geradeaus, zitternd vor abgrundtiefer Angst und der Kälte des Regenwassers auf ihrer Haut. Aber sie blieb still stehen, während das Tier sie noch ein paar Mal anstupste und mit bebenden Nasenflügeln ihren Duft einsog.
Oh, verdammt.
Sie musste den Blick auf Bills Gesicht gesehen haben, denn sie duckte sich, bereit, loszurennen, als das Ding plötzlich seine Kiefer zuschnappen ließ. Ihr Blut spritzte auf die Sitze, und ihre Schreie wurden schnell durch die langen Zähne erstickt, die sich in ihren Brustkorb bohrten und ihre Lunge zerfetzten.
Читать дальше