»Er sagte ›noch mehr Autos‹. Er sagte auch ›meine‹. Das ist das Finale«, erwiderte Tatjana und drehte an ihren Haaren. Pt verteilte die Gläser. Ihre Schritte wie ein Taxameter. Sie ging mit dem Tablett bis zum Tisch und weiter zur Kommode, wo sie eine Schublade herauszog. Mit dem Pillenröhrchen in der Hand tippelte sie zurück zum Kopfende des Bettes.
»Deine Schlaftablette.«
»Gib ihm eine Handvoll«, sagte Tatjana ohne nachzudenken. Alex stieß seine Schwester an. »Wenn er stirbt, haben wir es mit der da zu tun. Stimmt’s, Pt? Die Kinder gegen die böse Stiefmutter. Kälte gegen Kälte. Bruder gegen Schwester.«
»The greatest war of all wars is the family war«, sagte Nanna und trank von dem Wein.
»Wahr gesprochen. Wo hast du das her?« fragte Alex.
»Weiß nicht mehr. Irgendwo gehört«, erwiderte Nanna.
Lisa griff nach einer Gardine, zog aber die Hand schnell zurück, als könne der Ekel die Fingerspitzen beschmutzen.
»Und dann ihr Geschmack!«
»Hat sie sicher im Netto gekauft«, meinte Camilla. »Können wir nicht etwas Brot nehmen? Ich sterbe vor Hunger.«
»Dazu gehört schon mehr«, kicherte Lisa.
»Du kannst leicht spotten«, erwiderte Camilla. »Dein Leben war einfacher.«
Auf einmal verspürte Nanna einen kleinen Ruck. War das in ihr oder kam es von außen? Für einen Moment verschob sich alles ein wenig.
Nanna stellte das halbvolle Glas langsam ab. Sie hatte diesen Zustand schon einmal gehabt und wühlte in der Erinnerung. Es war in Bangkok. Im März 1975. Sie saß auf einer Steinbank am Fuße des Tempels der Morgenröte, als dieser Schub kam. Sie hatte sich an den Kopf gefaßt, sah dann aber, daß andere entweder dasselbe machten oder davonliefen und dabei hinaufschauten zu der riesigen steinernen Spitze des Tempels. Später stellte sich heraus, daß das Erdbeben auf der Richterskala nur mit drei registriert worden war. Aber so schwere Erdbeben gab es in Dänemark nicht.
»Ich will den Verlag haben«, sagte Ulrik. »Du kannst die Käseblätter übernehmen.«
»Bingo«, erwiderte Alex.
Sie wirkten beide so zerbrechlich. Nicht physisch, aber irgendwie existierten sie nicht richtig. Vielleicht, weil ihre Wurzeln bei dem vergeblichen Bemühen, zu wirklich nahrhaftem Grund vorzudringen, dünn und lang geworden waren.
Stiefvater hatte Nanna eine Ausbildung und Reisen ermöglicht, hatte Lob und Belohnung für sie gehabt. Nie für seine eigenen Kinder. Für Nanna aber eine Schule in Südengland und die Sorbonne in Paris. Für seine Kinder nichts. Nanna hatte fünf Kontinente gesehen, während Stiefvater mit seiner eigenen Jugend als handfestem Alibi die anderen auf die nächste Umgebung beschränkt hatte, das Kommunale, das Minimale. Die Macht des Exemplarischen hießen die unverrückbaren Zaunpfosten, die um ihr kleines Stück Land in den Boden gerammt waren. Und sie waren innerhalb des Zaunes geblieben. Sie nahmen nie den großen Anlauf, um hinüberzuspringen. Ulrik und Alex wirkten manchmal fast durchsichtig.
Doch zurück zu dem Erdbeben, das es in Dänemark nicht gab. Und offenbar hatte nur sie diesen Ruck bemerkt, hatte nur sie den absonderlichen Geschmack im Mund und einen gewaltigen Durst. Sie trank noch einen Schluck, aber alles wurde nur schlimmer. Die Stimmen um sie klangen, als würden sie aus einem anderen Zimmer kommen.
»Hat Tatjana nicht etwas von dem Testament erwähnt?« Das war Ulriks Stimme.
»Green kommt morgen ... Um zehn ...«
Nanna sah die Mundbewegung wie durch einen Filter. Ihre Worte wurden ein Lallen, sinnlos und albern. Erneut innere Erdbeben. Eine Vergiftung. Sie wollte um Hilfe rufen. Aber der Schrei blieb im Hals stecken, der ausgetrocknet war wie eine Wüste.
Sie wußten es. Stellten sich ahnungslos, weil sie es geplant hatten. Es durchführten. Endlich, nach all diesen Jahren. Wie eine Ziffer aus hundertzwanzig Quartalsabenden erschien das Ostern, als sie erzählt hatte, daß ein Taxifahrer in London sie für eine Irin gehalten habe. »Are you Irish, Miss?« Sie hatte damit geprahlt.
Damals war sie gerade vierzehn gewesen. Soviel hatte sie gelernt. Fast kein Akzent. War so stolz. Aber Ulriks Blick sprach Bände, er hatte es nur bis zur Realschule geschafft. Lisa hatte seinen Arm genommen und beruhigend gesagt: »Sie ist nicht erbberechtigt.«
Nanna war wie gelähmt. Doch das Gedächtnis funktionierte. Vielleicht hatte es schon mit dem Weihnachtsbaum im Hause ihres Vaters angefangen. Als jede einzelne Kerze ihm die Niederlage vor einer Achtjährigen entgegenstrahlte. Sie hatte das noch nie so gesehen. Nie so aufgefaßt. Erbberechtigt waren ja die anderen. Nicht sie.
Sie kämpfte mühsam darum, ihre Gedanken zusammenzuhalten. Der Schrei verteilte sich über ihren ganzen Körper. Und alles drehte sich, verwandelte sich zum Schrei eines anderen. Den sie aussortiert hatte beim Umblättern des Albums. Der zwischen den Seiten festgeklebt war, die sie stets zusammenpreßte, damit er nicht entschlüpfte. ... ein Unfall ... Unfall ... Unfall ...
Von weit, weit weg, wie von einer fernen Küste ertönte Tatjanas Stimme. Sagte etwas von später Rache. Ihr rötliches Haar war ein Pinselstrich, die Bewegung einer Farbe. Glas zersplitterte, und der Laut schob Nannas Angst wie aus Platzmangel beiseite. Die Glasscherben blitzten in allen Regenbogenfarben. Wie Aladins Höhle mit Kristallen und Edelsteinen. Die Früchte bestanden aus leuchtenden Steinen. Stämme und Zweige aus Metallen. Schimmernd, kostbar und kalt. Sie nahm sich eine Weintraube in der grell absinthgrünen Farbe der Dekadenz. Aber die Trauben entzogen sich ihr, verschwanden in einer endlosen Spirale. Das Absinthgrün wurde erst Smaragdgrün, dann dunkles Wintergrün und dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Nanna spürte ihren Hinterkopf. Anders als nach zwei Pakkungen Zigaretten. Ihr Mund und die Augen waren voller Sand. Sie mußte lange geschlafen haben.
Direkt vor ihr waren tote Krabben. Rote, gekochte, tote Krabben in einer Schüssel auf einem Tisch. Die haarigen Beine ragten seitwärts aus den Körpern. Etwas links davon tote Enten. Drei an der Zahl. Ihre Füße wie Löffel. Sie hingen an einer Schnur über einer Schale mit Nüssen.
Nanna griff sich an den Kopf. Schloß die Augen. Öffnete sie wieder. Tageslicht fiel durch die Gardinen ins Zimmer, und der schwere Geruch von altem Knoblauch hing in der Luft. Die Bilder an den Wänden von der Decke bis zum Boden. Die Dunkelheit des Abends hatte die Motive verdeckt. Es handelte sich um eine große Sammlung Natura morta.
Vor den Krabben stand jetzt Alex und schaute auf sie herunter. Tatjana schüttelte den Kopf. Lisa und Camilla schliefen im Sitzen, aufgelöst und mit verschmierter Schminke, wie nach einem Langstreckenflug, und auf dem Boden lag ein zerbrochenes Kristallglas. Nannas Blick wanderte weiter. Von den Schalentieren zu den Blumen, von den Vögeln zu den Fischen, noch mit Haken im Maul, blank schimmernd und leblos.
Pt stand aufrecht an der Tür, das Gesicht verzogen, als sei auch sie eben erwacht. Die Frisur hatte sich aufgelöst, das Haar hing in Strähnen auf die Schulter und machte aus ihr plötzlich einen anderen Menschen. Ulrik stöhnte auf seinem Stuhl und betrachtete bekümmert die Spuren der Katze auf der Kaviardose.
»Was ist passiert?« fragte Alex, als wüßte er nicht, an wen er sich wenden sollte.
Pt griff sich an den Kopf. Sie erschrak, versuchte, die Haare zu ordnen, als sei die Frisur ihr heimlicher Schutz. Blitzschnell steckte sie die Kämme fest und befestigte die Nadeln. Die Hände fanden jede lose Strähne. Dann sagte sie bestimmt: »Ich werde Kaffee machen.«
»Was soll denn das? Was zum Teufel ist das für ein Gift, das du uns da verabreicht hast?« Ulrik brüllte Richtung Tür, die sich hinter Pt lautlos schloß.
»Wie spät ist es?« stammelte Camilla.
»Acht, mindestens«, antwortete Tatjana artig. »Ich dachte, die Alte will uns umbringen.«
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