Der Geruch von nassem, frisch gemähten Gras schlug ihr entgegen, als sie die Autotür öffnete. Sie hörte das Bellen der gelben Hunde im Zwinger, und in einem Pferch standen die Esel und ein Fohlen. Seit dem Tod der Mutter konnte Stiefvater keine Pferde mehr in seiner Nähe ertragen, obwohl sie gar keine Schuld traf.
Zum erstenmal kam Nanna zu spät; die Zeit war ihr beim Korrigieren eines Manuskripts davongelaufen. Pt stand in der offenen Tür, vorwurfsvolles Schweigen unter den sanften Gesichtern der Madonnen. Ihr Haar war wie immer fächerförmig nach oben gekämmt. Ihre Haut war glatt und straff wie gegerbtes Fell mit roten Äderchen, typisch für Frauen, die nie Zigaretten, Alkohol oder Make-up angerührt haben. Nur die Wangenknochen traten deutlicher hervor als vor zwanzig Jahren.
»Pt ist verdammt zäh«, sagte Ulrik finster, als ihm klar wurde, daß man sie ohne Plastiktüte und Arsen niemals loswerden würde. Vor zweieinhalb Jahren wurde ihr das an einem Quartalsabend im Dezember unverblümt an den Kopf geworfen, prallte jedoch an ihrem germanischen Panzer wirkungslos ab. »Wir sind im Schlafzimmer«, sagte Pt und warf dabei einen Blick auf die englische Standuhr.
Es war zehn Minuten nach acht. Bei Pt herrschte Pünktlichkeit. Wenn sie einmal etwas sagte, sprach sie vom Schicksal ihrer Familie in Ostpreußen oder von praktischen Dingen. Diesmal aber sagte sie noch etwas anderes: Stiefvater war bettlägerig.
Stiefvater müßte stehend sterben. Für Nanna war und blieb er eine Säule. Hätte damals jemand gesagt, daß er noch dreißig Jahre leben würde, hätte sie es nicht geglaubt. Sie konnte sich auch nicht vorstellen, daß er je jung gewesen war.
Als Pts rote Hausfrauenhand die Schlafzimmertür öffnete, schlug Nanna stickige Dunkelheit entgegen. Sie zögerte einen Augenblick. Es war das einzige Zimmer im Haus, das sie niemals von innen gesehen hatte. Die Sonne malte kleine, graue Kreise auf die Vorhänge. An den Wänden hingen von der Decke bis zum Boden Goldrahmen. Die Bilder in den Rahmen konnte sie nicht erkennen. Nicht eine Lampe brannte. »Zu spät«, brüllte die Stimme mit überraschender Kraft. »Hat sich dein Grünschnabel das Auto gemopst? Ohne Führerschein?«
»Ja«, sagte Nanna, weil es am einfachsten war. Stiefvater führte alles in ihrem Leben darauf zurück, daß sie in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten war und das Kind behalten hatte. Daß sie Nikolai bekommen hatte. Nikolai und Stiefvater waren sich nie begegnet. Darauf hatten sie verzichtet.
Nanna folgte der Stimme zum Bett. Sie senkte den Kopf und streckte die Hand aus. So nah waren sie sich noch nie gewesen. Knochige Finger berührten ihre Hand.
Sie hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt. Seine Augen bewegten sich ruckhaft, wie bei Insekten, tief auf dem Grund zweier Schalen. Die Nase ragte hervor wie der einzige Haken, an dem das Leben noch hing. Nanna trat einen Schritt zurück. Dann drehte sie sich um.
Die Enkelkinder fehlten. Stine, die sich zu einer Schönheit entwickelte, Tatjanas Hippie-Kim und deren drei Mädchen sowie die beiden Jungen von Alex. Sie waren nicht gekommen. Nur die ältere Generation saß im Halbkreis hinter dem Bett, wie arrangierte Figuren in einem Garten.
Am Fußende stand der holländische Tisch mit den Blumenintarsien und den vergoldeten Bronzebeschlägen. Normalerweise war er im Eßzimmer, zwischen den Ortmann-Möbeln. Der Tisch war gedeckt wie immer. Die ein Kilo schwere, blaue Dose mit grauschwarzem Kaviar auf zerstoßenem Eis in einer Glasschale mit Löchern auf einer größeren Glasschale, das Ganze auf einem silbernen Ständer mit sechs Beinen. Ringsherum flache Schüsseln mit kleinen, runden Blinis, zu einer Schaumkrone gerührte Crème fraîche und gehackter Knoblauch in Pyramidenform. Toast Melba war auf einer runden Schale angeordnet, daneben rot-blaue Royal-Crown-Derby-Teller. Messer und Gabeln waren aufgereiht, ebenso die Kristallgläser und die gefalteten Damastservietten. Zwei Weinkühler mit grünlichen Flaschen und feuchten Etiketten und der Aufschrift Montrachet, 1969, vollendeten die Tafel. Abgesehen davon, daß Mitte der siebziger Jahre der Jahrgang des Weines einmal ein anderer gewesen war, war seit dreißig Jahren alles gleich geblieben. Hundertzwanzigmal. Die Messer hatten dasselbe Gewicht. Die Gabeln. Die Gläser. Die Teller. Der Geschmack war der gleiche. Derselbe Tisch, im dunklen Winter wie im hellen Sommer, von Nannas achtem Lebensjahr an, als Stiefvaters drei unverheiratete Schwestern noch dabei waren und in schweren Kleidern und breiten Schuhen schweigend Kaviar kauten. Als Mutters Summen zum erstenmal aus der hintersten Ecke des Eßzimmers erklungen war.
Und die neun Male, als Nikolais Vater dabei war. Neun-Quartals-Ehe hatte Lisa einmal gesagt, als hätte Stiefvater auch dafür einen Kalender eingeführt. Nanna fühlte sich plötzlich beengt. Sie fühlte sich unterdrückt und ängstlich. Sie begrüßte die anderen. Ulrik ganz links in etwas, das aussah wie ein Blazer. Rotgesichtig, kahl, knapp sechzig, Pressechef einer Handelsgesellschaft. Er wischte sich ständig die Hände an der Weste ab, als sei das Gefühl, Untergebener zu sein, ein Kleidungsstück, das man gerne abstreifen möchte. Das volle Gesicht hellte sich auf, als er sagte: »Hallo, Nanna-Mädchen.« Dieselben Worte wie immer, aber ohne die Herzlichkeit der vergangenen dreißig Jahre.
Lisa im blauen Lederkostüm und mit blondem Haar. Einrichtung und Design waren ihr einziges Talent. Erwähnte jemand den Untergang des Römischen Reiches, würde sie glauben, es handle sich um eine italienische Designerfirma. Ihr Sinn für Formen und Farben war entsprechend.
Lisa konnte nur etwas durch Anfassen schaffen, mit gespreizten Fingern und festem Griff. Wände, Böden, Möbel und Stoffe, und ohne abgebrochene Fingernägel zu scheuen. Mit dem Zauberstab der optischen Täuschung schuf sie phantastische Wohnungen und vervollkommnete sogar ihre eigene Erscheinung durch millimetergenaue Entwürfe und Schnitte. Sie verdeckten, wie sich der Rock um die Hüften spannte und daß der linke Fuß fast senkrecht gestreckt war, damit er in den hohen Absätzen den Boden erreichte. Die Ehe hatte gehalten. Ihr Triumph. Stine, die hübsche, intelligente Tochter. Ihr Stolz. Lisa lächelte kühl: »Nett, dich wiederzusehen.«
Die hingestreckte Hand hing schlaff in der Luft. Sie war nicht in ihrer kreativen Phase. Claus hatte sie »Frau Konsulin« genannt, doch Lisas Wahrnehmung war nicht auf Sprache sensibilisiert. Sie hielt den Spitznamen für ein Kompliment.
»Tag«, sagte Alex nur. Schon Ende Vierzig, haftete ihm immer noch etwas Militärisches an. Gerade wieder eine Scheidung spielend hinter sich gebracht. Ehen waren für ihn wie die Ballspiele aus seiner Kindheit, einfach den Ball der nächsten Frau zuwerfen, die bereit war, ihn zu fangen.
Alex nahm Nanna bei den Schultern. Umarmte sie kurz. Sie wachte auf. Schüttelte sich und kam zu sich. Er lachte, glich dem Vater. Wie eine Säule. Alex war Abteilungsleiter, untergebracht in einem Nebenbüro, aber immerhin, nur eine Tür entfernt von Stiefvaters großen, blankpolierten Direktionsräumen.
Nanna blickte in ein breites Lächeln und dunkle, fremde Augen. Der Vater war nur die äußere Hülle. Das übrige kam von anderswo. Nanna hatte sich bisher nie Gedanken darüber gemacht. Über Wurzeln und Ursprünge oder wie die ersten beiden Frauen Stiefvaters eigentlich gewesen waren. Hatte sich auch nie vor etwas anderem gefürchtet als den tagtäglichen Gefahren – einer plötzlichen Krankheit oder davor, einen Radfahrer beim Rechtsabbiegen zu überfahren.
Tatjanas schmale, graue Augen waren Lachschlitze, und sie war noch immer schmal und schlaksig. Das Haar war nach wie vor strähnig und ihr Leben ein ewiges Dahintreiben, wie ein Baumstamm auf einem Fluß. Egal was passierte, nie war es ihre Schuld. Die Natur hatte sie weder mit Ruder noch Segel, noch einem Steuermann ausgestattet.
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