Deshalb war alles auch nicht so schlimm. Zwei Scheidungen, fünf Abtreibungen, vier schreckliche Kinder, ebensoviele versiebte Examina und Kündigungen, ein Dutzend Liebhaber auf wilder Flucht über Gartenzäune und Berggipfel. Eine Aneinanderreihung von Banalitäten, so nannte sie sich selbst. Tatjana war unter dem Sternzeichen Chaos geboren.
Doch es lag eine Dissonanz in der Stimme. Was man nicht hörte, wenn der Tisch mit den Blumenintarsien im Eßzimmer stand. Oder war es erst seit heute?
Nach dem Tod von Claus hatte Stiefvater seine Schwiegertochter nicht fallenlassen. Camilla gehörte dazu und wurde finanziell unterstützt. Ihr einziges Kind, der dicke Michael, verduftete mit sechzehn nach Afrika, wo er zwei Jahre später in den sodahaltigen, von Krokodilen bevölkerten Gewässern des Lake Rudolf ertrank. Nur sein Boot wurde kieloben treibend gefunden.
Aber Camilla gehörte nach wie vor dazu. Die Zeit zwischen den beiden Todesfällen bewältigte sie mit phantastischen Geschichten über die Stellung des Sohnes als Chef eines Luxushotels. Unglückseligerweise gab es jemanden, der jemanden kannte, der bis zu dem gottverlassenen See an der Grenze zwischen Kenia und Äthiopien vorgedrungen war und von dem Leben und Treiben des Barkeepers gehört hatte.
Danach wurden Claus, Michael und Lake Rudolf unter der Sammelbezeichnung »Namen, die keiner mehr kennt« zusammengefaßt. Camilla, die keine Ahnung hatte von ostpreußischen Existenzen, konnte nicht wissen, daß diese Namensgebung von Pt und ihrer nostalgischen Marotte für ein Familienschicksal in der Gegend um Königsberg herrührte. Und die Worte wirkten und breiteten einen sowohl bedauernden wie abwehrenden Schleier über die Tragödie, während Camilla ihr Leben mit Hilfe dreier Eckpfeiler, den Quartalsabenden, ihren Bridgeabenden und leidenschaftlichen Essen im Gleichgewicht hielt.
Camilla trug etwas Geblümtes, das sich über ihren gewaltigen Körper ergoß. Ihre blutroten Lippen verzogen sich zu einem breiten Lächeln, und sie flüsterte Nanna zu, »Weißt du etwas?« »Nein, nichts«, erwiderte Nanna leise. Sie kannte die Frage. Camilla befürchtete, daß die finanziellen Zuwendungen beim Tod des Stiefvaters versiegen würden.
»Du bist ja in der gleichen Situation«, sagte Camilla und strich zärtlich über Nannas Arm. »Wir sind alle Opfer, nicht wahr?«
Auch das war eine Standardbemerkung.
Nanna setzte sich auf den letzten freien Stuhl. Pt stand lieber. Der Unterwürfigkeit wegen. Oder des Überblicks wegen. Immer in der Nähe der Tür.
»Na, begeben wir uns jetzt zu Tisch und zum Kaviar?« Ulrik hatte sich erhoben und seine Weste glattgestrichen. Die Stimme klang vergnügt und munter. Er hatte bereits einen Teller genommen.
»Nein«, ertönte es vom Bett.
Ulrik stand mit dem Teller in der Hand da. Er wippte ein wenig. Dann setzte er sich und warf den anderen einen ratlosen Blick zu. Lisa trat nach Frauenmanier ans Bett.
»Ein bißchen Kaviar kann doch nicht schaden. Nicht wahr, Schwiegervater? Es ...«
»Mir ist übel.«
»Sollen wir schon mal anfangen?« versuchte es Lisa erneut.
»Was hast du gesagt? Sprich lauter, ich kann dich nicht hören. Du hast schon immer geflüstert.«
»Sollen wir schon anfangen?« rief Lisa und spreizte vor Anstrengung ein wenig die Arme.
»Nein.«
»Ja, willst du ... daß wir gehen?« Lisas Stimme senkte sich, so als sei sie gekränkt, wie immer, wenn sie anderer Meinung war.
»Nein.«
Von der oberen Glasschale fielen vier Tropfen in die untere. Lisa schwankte ein wenig und warf Ulrik einen hilflosen Blick zu.
»Jetzt hör doch mal, Vater, das hier ...«
»Wo ist meine Katze?« ertönte es vom Bett.
Pt schlüpfte lautlos zur Tür hinaus, und ein Hauch kühler Luft streifte Nanna.
Ulrik versuchte es erneut.
»Jetzt hör mal, Vater, das hier ...«
Pt kam mit der grauen Katze herein. Sie hing schlaff auf ihrem Arm und glich einer Pelzstola. Ein Lächeln spielte um ihre geschlossenen Lippen, und sie setzte die Katze aufs Bett. Die knochigen Hände hoben sich und liebkosten das graugestreifte Fell.
Die Katze schnurrte und machte einen Buckel vor Wohlbehagen. Der Schwanz ragte senkrecht nach oben. Aus der oberen Glasschale tropfte das Eis wie ein stiller, sanfter Frühlingsregen. Ein Anblick, den Nanna schon hundertmal erlebt hatte, aber bisher immer erst, wenn der Kaviar schon fast verspeist war.
Manchmal waren diese Abende wie Erinnerungen. Als blättere man in einem Album. Bilder, Laute, auch von anderswo, erschienen wie Werbespots. Ganze Sätze. »Man hätte sie doch zur Adoption freigeben sollen. Ihre armen, freundlichen Eltern, und dann eine so tragische Geschichte. Daß sie das haben erleben müssen!« Nanna hörte die Bemerkung einer der anderen Mütter auf dem Schulhof. Sie betrachteten Nannas Mutter immer mit Bewunderung. Oder Mitleid. Oder Neid. Nanna schauten sie nie an.
»Sollen wir nicht einfach verduften?« sagte Alex. »Warum ist es hier auch so höllisch warm?«
»Rechtsanwalt Green kommt morgen«, wisperte Tatjana.
»Um zehn Uhr.«
Tatjanas Mund stand einen Augenblick lang offen.
»Es wird ihm doch nicht einfallen, jetzt das Testament zu schreiben?« Alex klang verwirrt.
Alle wußten genau, wie laut man reden konnte, ohne daß Stiefvater sie verstand. Tatjana vergrub sich nur noch mehr in ihrem Stuhl, wie zur Belagerung bereit, und das Eis schmolz schneller und hinterließ nasse Streifen auf dem Glas.
»November in einem Jahr werde ich sechzig.«
Ulrik redete ernst und feierlich. »Zwanzig Jahre bin ich Pressechef gewesen, ausgestattet mit Schere und Leim. Kein einziges Mal durfte man mit einer Bemerkung kommen, nie durfte man eine Presseerklärung verfassen, ohne ... ohne daß Vater sie umformuliert hätte. Nur Demütigungen. All diese Demütigungen, nur Schere und Leim.«
»Deshalb hat Claus es gemacht«, sagte Camilla. »Deshalb.«
»Dann tu jetzt etwas«, sagte Alex kalt zu seinem Halbbruder.
»Er kann dich ja nicht zwingen hierzubleiben?«
»Emma«, ertönte es vom Bett.
Pt beugte sich vor, hörte ihn an und nickte kurz. Dann ging sie zur Tafel, nahm einen Teller und einen Löffel. Sie schöpfte Kaviar auf den rot und blau verzierten Teller.
»Katzen lieben Fisch«, sagte Tatjana leise.
»Miez, Miez«, sagte die alte Stimme vom Bett, als Pt den Kaviar reichte. Die Katze fraß im Stehen. Sie leckte die grauschwarzen Kügelchen lautlos und genüßlich auf. Ulrik verbarg den Kopf in den Händen. Lisa schaute mit zusammengepreßten Lippen starr vor sich hin. Tatjana kicherte, und Camilla sah hungrig aus.
Es traf wahrscheinlich zu, was Ulrik sagte, daß sie, Nanna, die einzige war, die Stiefvater anständig behandelt hatte.
»Deine Ehe ein Scherbenhaufen. Dein Examen ein Scherbenhaufen.« Stiefvaters Worte vor fünfzehn Jahren in seinem Büro. Nikolai war damals noch keine zwei Jahre alt und fing gerade an, Käfer, Fliegen, Ameisen, Legosteine und Playmobilmännchen in den Mund zu stecken. »Schreib ein Buch, egal worüber. Du bekommst meinen besten Lektor. Du hast in der Schule die besten Aufsätze geschrieben. Ich will, daß du vorankommst. Ich will, daß du deinen eigenen Weg gehst.«
Nanna verstand nie ganz, daß der Kampf einer Achtjährigen um ihren Christbaum soviel bewirken konnte.
»Emma«, ertönte jetzt Stiefvaters Stimme. »Gib ihnen etwas zu trinken. Aber nur soviel, daß sie noch fahren können.«
Pt nahm schweigend den abgeleckten Teller.
»Ich will nicht, daß noch mehr von meinen Autos ruiniert werden«, fügte er mürrisch hinzu.
Mit einer Serviette um die Flasche, das Kreuz durchgedrückt, schenkte Pt mit der Gewandtheit der Hausfrau Wein in die Kristallgläser ein.
»Sagte er ›noch mehr Autos‹?« fragte Camilla ungläubig.
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