Das stimmt, lenkt er – später wird sich zeigen: zum Schein – ein. Er will mir damit das gute Gefühl geben, mich in dem geistigen Ringen durchgesetzt zu haben. Doch damit bereitet er nur den psychologischen Boden für eine derart schlaue Finte, dass selbst ich darauf hereinfalle. Vier Euro dann für beide Tickets, sagt er. Damit hätte er Verlust und ich Gewinn gemacht.
Hätte. Denn jetzt pokert er, doch die Statistik ist auf seiner Seite. Fast niemand hat vier Euro klein – nach einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums sieht sich im Schnitt noch nicht einmal jeder fünfte Bundesbürger in der Lage, eine Forderung von vier Euro passend zu begleichen.
Und er kann – welch ein Wunder, doch genau darin liegt der entscheidende Trick! – natürlich popürnich nicht rausgeben. Er spekuliert also darauf, dass sein Gegenüber, im Verlauf der nun schon fast zwei Minuten dauernden Anbahnung vertrauensselig, unvorsichtig oder schlicht auch durch das lange und hoch konzentrierte Rechnen mürbe geworden, auf das Rückgeld verzichtet.
Ja okay, sage ich, vier Euro für zwei nagelneue Fahrscheine, super, und beginne, in meiner Börse nach dem Geld zu kramen. Betont gleichgültig sieht er mir zu. Er braucht Nerven wie Stahlseile und tiefes Vertrauen in seine Methode. Denn jene faulen Kunden, die die vier Euro klein haben, geben sich ja nicht schon vorher zu erkennen. Andernfalls könnte er sie gezielt nicht ansprechen und auf diese Weise aussondern. Damit würde er seinen Profit sogar noch erhöhen. Doch besagte zwanzig Prozent sind nur der Schnitt auf lange Sicht.
Das ist wie beim Roulette: Selbst wenn die Kugel zum fünften Mal auf Rot fällt, bleibt die Chance für Schwarz beim nächsten Spiel gleichbleibend fifty-fifty. Weil also auch mehrere Leute hintereinander jeweils vier Euro passend haben könnten, muss er für solche Quertreiber stets ein paar Euros zurückhalten, um zur Not in finanzielle Vorleistung zu gehen, bis er endlich die verdiente Rendite abschöpfen kann. Erst ab drei Fahrten, auf die kein Käufer rausgeben kann, macht er Gewinn. Um die Effizienz zu erhöhen, koppelt er sein Lockangebot auch zwingend an die zwei Karten. Mit einer einzelnen würde es ohnehin nicht funktionieren, denn über ein Zweieurostück verfügen dann doch wieder über siebzig Prozent der Bundesbürger permanent.
Ich finde natürlich nur einen Fünfer, er kann, leiderleiderleider, nicht rausgeben, und ich gebe ihm halt den Schein, denn durch die lange Interaktion ist er mir mittlerweile fast so etwas wie ein Freund geworden in seiner nicht uncharmant ausgeführten Rolle zwischen Schnorrer und Betrüger.
Ich liebe Kinowerbung. Sie wappnet mein Gemüt mit Leichtigkeit und Liebe, damit ich die nachfolgende Arthouse-Mühsal leichter ertrage. Die bunten Botschaften sind die Sauna vor dem Eisbecken und die Betäubungsspritze vor der Wurzelbehandlung. Wohltuend wirken überdies die häufigsten Motive: Eiscreme, Essen und leckere Getränke, die schöne Menschen in scheinbar unberührter Landschaft zu genießen pflegen.
Sehr naturverbunden gibt sich auch der Werbespot der Brauerei Krombacher. Über die komplette Dauer von dreißig Sekunden spielt er im Wald. Also da, wo auch das Bier am besten schmeckt.
»Jede dritte Tierart in Deutschland ist gefährdet …«, mahnt ein Sprecher zu den Bildern einer kleinen Eule, die putzig aus einem Baumloch lugt. Kleine Eulen müssen super PR-Berater haben – sie sind momentan das große Ding in Sachen niedlicher Ausstrahlung. In den sozialen Netzwerken, in Kalendern an der Supermarktkasse, in der Bierwerbung verdrängen sie die Katzenkinder. Dabei galten sie bis zu ihrem Image-Relaunch noch als hässliche Unglücksvögel, die man kurzerhand ans Scheunentor nagelte, um den Gottseibeiuns zu bannen. Nun droht den kleinen Katzen das gleiche Schicksal. Lange Zeit haben die sich ihrer Position vollkommen sicher gewähnt und es deswegen versäumt, weiter an ihrer Marke zu arbeiten. Sie haben sich auf ihren Lorbeeren ausgeruht. »Kleine Kätzchen gehen immer«, »kleinen Kätzchen kann keiner«, haben sie wohl gedacht. Ein fataler Irrtum. Jetzt haben sie ausgedient. Hochmut kommt vor dem Fall.
»… oder sogar vom Aussterben bedroht«, fährt der Erzähler fort. Ein Fischotter guckt traurig und auch irgendwie nachdenklich: Wie lange wird es ihn und seinesgleichen noch in freier Wildbahn geben? Mit schlechtem Gewissen drücke ich mich tiefer in den Kinosessel. Wie oft habe ich sommers unbedacht in Badeseen gepinkelt und den Ottern so den Lebensraum vergällt. Wenn ich mir vorstelle, wildfremde Leute kämen zu mir nach Hause und schissen mir einfach ins Wohnzimmer: Da wäre ich aber unter Garantie auch gefährdet!
Doch es gibt ja noch Krombacher. »Es wird Zeit, dass wir gemeinsam etwas dagegen tun«, wird die trinkfreudige Gemeinde der potenziellen Käufer aufgerüttelt. Untersuchungen haben ergeben, dass die Anzahl geposteter und gelikter kleiner Eulen mit fortschreitender Abendstunde sowie steigendem Blutalkoholgehalt dramatisch explodiert. In diese tiefe Kerbe menschlicher Schwäche schlagen nun die Bierbrauer. Für sich und für die Natur. Eine klassische Win-win-Strategie.
Auftritt Igel (goldig) und Biene (nützlich). Sie sind zu klein, um die im Wald stehen gelassenen Flaschen einzusammeln und zum Pfandautomaten zu bringen. Aber der Mensch kann das tun, der Krombacher-Konsument, und der Erlös fließt in den Erhalt der Tierwelt.
Nicht ohne Stolz setze ich die an der Kinokasse erworbene Bierflasche an den Mund. Ich zeige Verantwortung. Meine ganze Verachtung gilt den Limotrinkern um mich herum. Warum hassen sie die Tiere so? Für die meisten Arten dürfte der Bierverzicht tödlichere Folgen haben als der Klimawandel. Es ist im Grunde, als würde man einem Rehkitz die Mate-Pulle direkt über den Schädel ziehen – das käme im Endeffekt aufs Gleiche raus.
»Das große Krombacher-Artenschutzprojekt beginnt«, ertönt nunmehr der zentrale Slogan – es erhebt sich der Adler, es flattert der Schmetterling. Mehr Symbolik war nie. »Mit jedem Kasten Krombacher geben Sie bedrohten Tierarten in Deutschland ein sicheres Zuhause.«
Während ich noch überlege, ob die Unterbringung in leeren Bierkästen denn überhaupt artgerecht wäre, wird erneut der Otter eingeblendet. Er wirkt noch missmutiger als zuvor. Anschließend sieht man eine Luchsmutter mit Jungtier, dann zwei junge Luchse, die miteinander raufen. Spielerisch erlernen sie das Töten. So ähnlich dürften auch kleine Soldaten an ihr blutiges Handwerk herangeführt werden.
»Jetzt schützen und genießen«, erklärt der Sprecher. Das könnte eine Werbung für Kondome sein, ist es aber nicht. Ein unendlich klarer Wasserfall rauscht mächtig zwischen Bäumen, er steht seit jeher für das Reinheitsgebot. Es geht immer noch um Bier.
»Ein Kasten ist gleich ein Stück Heimat.« Damit auch jeder versteht, dass das ein und dasselbe ist, wird »1 Kasten = 1 Stück Heimat« in Schrift und Ziffern eingeblendet: eine Gleichung mit zwei sehr Bekannten. Vor unserem inneren Auge öffnet sich die ganze Weite der deutschen Provinz. Eine Bushaltestelle. Ein paar Jugendliche. Darüber, welchem politischen Spektrum sie anhängen, wollen wir von hier aus nicht (vor-) urteilen. Ein Kasten Bier. Heimat eben.
Direkt vor mir fangen auf einmal drei junge Leute an, mitten in die Werbung hineinzuquasseln. Das gibt es doch nicht. Wir Alten haben über Jahrtausende hinweg die Zivilisation aufgebaut: die alten Ägypter, die alten Griechen, die alten Römer. Die Jungen reißen sie während nur eines Reklamespots wieder ein. »Pscht«, mache ich erst, dann lauter: »Ruhe bitte!« Ich bin fest entschlossen, die Sanktionsspirale auf Kopfnüsse zu steigern, sollten sie mir keine andere Wahl lassen. Denn gleich wird sich hier vor unseren Augen das Schicksal der heimatlichen Tiere entscheiden.
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