Ein Beispiel hierfür soll eine charakteristische Krankengeschichte eingefügt werden. Ein gut 60-jähriger Mann wurde auf Intervention seines väterlichen Freundes, der mein Patient war, aus einer anderen Klinik in unser Krankenhaus und die von mir geführte Innere Abteilung verlegt. Er war schwer krank, tendenziell kachektisch (unterernährt), vor allem physisch kraftlos. Alle bisherigen Versuche der körperlichen Erkräftigung vor allem mit Infusionen waren erfolglos geblieben. Wir fanden schnell heraus, dass ein großer Nebennierentumor und zahlreiche Rundherde in beiden Lungen existierten. Was den intuitiven Menschen in mir aber geradezu ansprang, war die unglaubliche Finsternis, die von diesem Menschen abstrahlte. Das war umso auffälliger, als er ein warmherziger, sensibler, für mich sehr liebenswerter Mensch war. Aus meinem Verständnis war diese Ausstrahlung von Finsternis ein unmittelbarer Hinweis auf eine Tuberkulose. 12Nun war der Patient Jurist und Vorstandsmitglied eines Großunternehmens. Ich konsultierte deshalb auch zu meiner Kontrolle einen der besten Hamburger Lungenfachärzte und teilte ihm meine Vermutungsdiagnose mit. Er untersuchte den Patienten gründlich einschließlich Bronchoskopie und Gewebsproben. Er war sicher, dass es sich um einen Nebennierenkrebs mit Lungenmetastasen handelte und schlug eine entsprechende Therapie mit Operation und Zytostatika vor. Er blieb auch bei seiner Diagnose, als sich in den Gewebs proben kein Krebs zeigte, was nach einigen Tagen feststand. Ich hatte mittlerweile mit dem Patienten gesprochen und ihm beide Diagnosen mitgeteilt und auch mein Dilemma gesagt, dass ich intuitiv sicher sei, dass es eine Tuberkulose sei und ich ihm den dafür notwendigen Weg der Therapie führen könnte, der Spezialist allerdings von Krebs ausging. Was von außen geschaut auch viel wahrscheinlicher war, denn Tuberkulose war zu der Zeit bei uns äußerst selten, Krebs dagegen häufig. Der Patient allerdings vertraute mir und meiner Diagnose und wir machten uns auf den therapeutischen Weg. Und die rasch folgende Besserung seines Befindens gab uns recht, mehr noch die nach etwa sechs Wochen folgende Nachricht, dass in einem durch den Lungenfacharzt sicherheitshalber angesetzten Tierversuch tatsächlich Tuberkelbakterien nachgewiesen wurden. Der Patient wurde gesund bis auf eine Einschränkung der Nebennierenfunktion, hier mussten wir in geringer Dosierung Hormone substituieren. Wir konnten die Therapie ganz auf eine Konzeption der anthroposophischen Medizin aufbauen und brauchten dazu keine chemisch-definierten Tuberkulostatika.
Finsternis und Licht sind Elemente des ersten Tages der Schöpfung (Mos.1,1). Sie waren eins, ehe Gott das Licht von der Finsternis trennte und selbstständig machte. Seither bilden Licht und Finsternis eine Polarität. Letztere bewirkt alle Schwere, auch die Schwerkraft der Physik ist Ausdruck der Finsterniskraft. Das Licht dagegen bewirkt „Leichte“, es führt in die Weite, während die Finsternis alles verdichtet und auf einen Mittelpunkt zuführt.
Da es sich um Kraftwirkungen handelt, können wir auch von peripherisierenden und zentralisierenden Kräften sprechen. Beide wirken auch in uns, die Schwere mehr im Körper, die Leichte mehr in der Seele. Wir brauchen beides. Diese geistigen Wirkkräfte innerlich zu erfahren und zur Anschauung zu bringen, braucht meditative Schulung und fördert die Befähigung zur Intuition. Steiner hat einen berufsspezifischen Meditationstext vermittelt, in welchem die Schweremacht des Körpers und die Leichtekraft der Seele in ihren harmonischgöttlichen Zusammenhang gestellt werden. Sie müssen sich im Menschen begegnen, dürfen sich aber nicht verbinden oder durchmischen („ergreifen und durchdringen“ heißt es im Text). Tun sie es, entsteht Krankheit. 13Überwältigt die Finsternis das Licht, bildet sich das Milieu für die Tuberkulose oder auch die Depression. 14Das Bild des Arztes kann auch sein, dass die Gesetzmäßigkeit des Körpers die der Seele überwältigt. Der Leser kann erahnen, welche therapeutische Intuitionen durch diese Bilder in uns entstehen können, das Licht zu intensivieren, die Seele zu befreien, ein ganz anderes inneres Erlebnis jedenfalls als die leitliniengerechte Verordnung von Tuberkulostatika oder Antidepressiva. Was wiederum erfordert, auch die Besonderheiten der Erdenstoffe zu studieren und zur inneren Anschauung zu bringen, z.B. Phosphorus als Lichtträger, Magnesium als metallgebundenes, hellstes Licht. Hier verstehen wir Paracelsus in seinem Anruf, der Arzt müsse „durch der Natur Examen gehen“.
Auch die Erde wurde durch das Geschehen von Golgatha und Ostern mit der Christuskraft durchdrungen, sowohl mit Leib und Blut als auch durch das Eindringen bis zum Erdmittelpunkt in der sogenannten Höllenfahrt am Karsamstag. Darüber werde ich später in einem eigenen Kapitel schreiben, denn das Verständnis der Arznei aus Natursubstanzen braucht ebenso die Durchchristung wie das Verständnis vom Menschen und seiner vielgegliederten Ganzheit in Leib, Seele und Geist.
Menschenverständnis, wie es hier als Anteil einer christlichen oder eben durchchristeten Medizin gemeint ist, braucht die geschulte Wahrnehmung durch alle Sinne, deren Zwölfheit Rudolf Steiner ausarbeitete, braucht Exaktheit im Beobachten, Vorurteilslosigkeit im Begriffebilden, geduldiges Wiederholen immer gleicher Erkenntnisbemühungen und Selbstlosigkeit gegenüber dem anderen Menschen bzw. der Natur. Diese soll sich ihm aussprechen, nicht ich soll sie aus dem Eigenen beurteilen oder gar interpretieren. So kann man Steiner verstehen, der die Medizin eine großartige Erziehung zur Selbstlosigkeit nannte, was doch mit Blick auf unsere Gegen wart geradezu als paradox oder sogar widerlegt erscheint. Doch ist die von Steiner gemeinte Selbstlosigkeit unverzichtbare Voraussetzung einer christlichen Medizin, oder wie Paulus es aussprach „Nicht Ich, der Christus in mir“ (Galater 2,20) oder – wie ich es sehe, statt „in mir“ – „in meinem Ich“, das ja auch mein Selbst beschreibt. Sehen mit Christi Augen, hören mit Christi Herz bzw. Ohren setzt Selbstlosigkeit voraus (siehe Kapitel 10).
Selbstlosigkeit ist auch die Voraussetzung um lieben zu können. Dabei verstehe ich hier Selbstlosigkeit so, dass ich ein Selbst als Ich ausgebildet haben muss, welches ich zurückstelle, um bei dem anderen zu sein, ja vielleicht in seinen Dienst stelle, damit er durch mich werden kann, z.B. gesund. Dazu wieder ein Christuswort: „Liebe deinen Nächsten so wie dich selbst“ (Luk.10,25–28). Wer sich nicht selbst zu lieben lernte, wird auch nicht andere/anderes lieben können. Deshalb ist die Kindheit und Jugend auch eine so wichtige Zeit, das Selbst auszubilden und zu lernen, Ja zu sich zu sagen. Von außen angeschaut eine Zeit starker Egoität. Ich habe meine fünf Kinder in deren Kindheit oft liebevoll „meine kleinen Egoistentierchen“ genannt, denn dieser Egoismus ist noch nicht seelengebunden oder Ich-geprägt, sondern leibbildend. Der von Eltern und Vorfahren gebildete und vererbte – ich könnte auch sagen geschenkte – Leib (den Steiner auch so anschaulich Modell-Leib nennt), muss ja über zwei Jahrzehnte zu einem Individual-Leib werden, einem Leib, in dem jeder Ort, jede Flüssigkeit, alle Bewegung vom Ich ergriffen und einzigartig, unverwechselbar wird. Ein Geschehen, das wir dann abstrakt Immunsystem oder erworbene Immunität nennen. In den allerersten Anfängen meiner Lehrzeit zum Arzt, noch als Medizinalassistent vor der eigentlichen Approbation, durchfuhr mich beim Zuschauen einer äußerst ruppigen Blutentnahme aus einer Armbeugenvene, die der Chefarzt selbst durchführte (es war eine Privatpatientin), der fragende Gedanke: „Liebst du eigentlich den Menschen“? Womit mir schlagartig bewusst wurde, dass ich Arzt nur sein kann, wenn ich den Menschen liebe. Nicht den Einzelnen, sondern den einzelnen Menschen als göttliche Schöpfung. Da hatte ich Steiners Aussage noch nicht gelesen. Später las ich bei Carl Gustav Carus: „Jeder Mensch, ja jede Kreatur ist eine Idee Gottes. Und alle sind gleich wert“. 15Und damit sind wir bei der ethisch-moralischen Seite der Medizin, die heute nicht mehr vermittelt wird, die jedem selbst überlassen bleibt, die aber eine der beiden Hauptwurzeln einer christlichen Medizin ist.
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