Wohin steuern wir in den unterschiedlichen Gesellschaften, wenn es uns nicht gelingt, verbindliche Ziele für den Klimaschutz, die Artenvielfalt und den Meeresschutz zu vereinbaren? Wenn es selbst auf europäischer Ebene unmöglich scheint, eine Einigung zu einer einvernehmlichen Lösung bei der Frage der Flüchtlingsproblematik zu finden? Wenn Partikularinteressen über humanitäre Fragen gestellt werden und im Umweltbereich verbindliche Ziele für den Klimaschutz immer wieder von Lobbyisten und einzelnen Regierungen torpediert werden? Wenn der erforderliche Strukturwandel oder CO 2-Bepreisungen nur halbherzig angegangen werden und damit nahezu wirkungslos bleiben? Alles hängt mit allem zusammen – deshalb müssen wir an jeder erdenklichen Stellschraube drehen!
–»THE FUTURE WE WANT« – IST ES WIRKLICH DIESE ART VON ZUKUNFT, DIE WIR WOLLEN?
___Ein Gebirge aus Weiß. Bei einer schwachen Brise segelt die DAGMAR AAEN in sicherem Abstand an einem treibenden grönländischen Eisberg vorbei.
___ Ursus maritimus heißt der Eisbär mit zoologischem Namen. Er verbringt den größten Teil seines Lebens in den Eisfeldern des Arktischen Ozeans. Dieser Lebensraum schmilzt ihm jetzt buchstäblich unter den Tatzen fort.
___Die Landschaft Ostgrönlands mit ihren gewaltigen Gletscherströmen gehört für mich zu den eindrucksvollsten der Erde.
___Während einer Überwinterung an der Westküste Grönlands haben Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Meteorologie das eingefrorene Schiff als Basis für umfangreiche Forschungsarbeiten genutzt.
___Während der polaren Nacht gibt es nur um die Mittagszeit ein wenig diffuses Licht.
___Trotzdem werden die Forschungsarbeiten fortgesetzt. Eisbohrkerne werden vermessen und untersucht. Das Eis ist nur ca. 30 Zentimeter dick. Früher waren es dort bis zu zwei Meter.
__ VON UNSEREM LEICHTFERTIGEN UMGANG MIT DER NATUR
Wir verhalten uns so, als wären die Ressourcen unserer Erde unerschöpflich. Woran liegt es, dass wir so wenig Wertschätzung für unseren Planeten empfinden?
___Eine gewaltige Müllhalde erwartet uns in einem grönländischen Fjord. Es sind Hinterlassenschaften des US-Militärs.
Grönland ist meine Trauminsel! Atemberaubende Naturlandschaften, die ihresgleichen in der Welt suchen. Der Nordosten Grönlands, der insgesamt 45 Prozent der Gesamtfläche der Insel ausmacht, ist als Naturpark ausgewiesen. Zutritt erhält nur derjenige, der über eine recht umständlich zu beantragende Genehmigung verfügt. Ein paar Wissenschaftler, Angehörige der militärischen Siriuspatrouille – und hin und wieder eine Handvoll Besucher. Wilde, unberührte Natur. Moschusochsen, Eisbären, Walrosse und Polarwölfe leben unbehelligt von irgendwelchen Nachstellungen durch Menschen. Im Meer tummeln sich Wale, deren Bestand erfreulicherweise zugenommen hat. Schutzmaßahmen haben gegriffen, die Tiere konnten sich weitgehend ungestört vermehren. In Ostgrönland gibt es mit Ausnahme der Siedlungen Ittoqqortoormiit und Tasiilaq sowie einiger assoziierter Dörfer keine menschlichen Ansiedlungen. Erst wenn man die Südspitze Grönlands, das Kap Farvel, gerundet hat und die Westküste entlang nach Norden segelt, trifft man immer wieder auf vereinzelte kleine Ortschaften, von denen Nuuk, die Hauptstadt mit ihren 18.000 Einwohnern, die größte ist. Bedingt durch den Golfstrom, dessen Ausläufer an der Westküste für milderes Klima und wärmeres Wasser sorgt, ist es hier vergleichsweise eisfreier als an der Ostküste. Aber auch hier lässt man die Zivilisation schnell hinter sich, sobald man den Ort verlässt. Von den 56.000 Grönländern leben die meisten in den wenigen größeren Orten, der Rest in kleinen, abgelegenen Siedlungen. Ein Straßennetz oder öffentliche Verkehrsmittel gibt es nicht. Das Flugzeug, das nahezu alle Siedlungen verbindet, sowie Boote oder Hundeschlitten bilden das Verkehrsnetz. An einem Platz wie diesem erwartet man zuallerletzt Umweltschäden. Aber es gibt sie. Von den Auswirkungen des Klimawandels einmal abgesehen, der überall in Grönland seine Spuren hinterlässt, gibt es auch andere Zeugnisse eines gedanken- und verantwortungslosen Umgangs mit der Natur. An einem der einsamsten Plätze der Welt! Wenn wir den Wert einer funktionierenden Natur nicht erkennen, wird die Menschheit fortfahren, sie weiter zu zerstören und fortwährend neue Probleme zu generieren. Dazu ein Beispiel:
Es gibt einen Ort, den ich vor einigen Jahren mehr zufällig entdeckt hatte. Berichte über eine alte aufgelassene amerikanische Militärstation mit Namen Bluie East 2 hatten uns mit der DAGMAR AAEN durch gewundene Fjorde und Sunde dorthin geführt. Eine verlassene Militärstation aus dem Jahr 1947 – »Was wird da schon sein?«, fragten wir uns. Ein bisschen Schrott und Ruinen. Was wir dann aber dort vorfanden, traf uns wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Ölfässer, so weit das Auge reichte. Einige leer, aber viele immer noch mit Schmierstoffen und sonstigen undefinierbaren Flüssigkeiten gefüllt, die über die Jahrzehnte hinweg eine sirupartige Konsistenz angenommen hatten. Viele Fässer waren geborsten, ihr schmieriger Inhalt sickerte ungehindert ins Erdreich. Wir waren geschockt, hatten damals aber nicht Zeit für längere Recherchen. Ich entschloss mich, irgendwann mit mehr Zeit im Gepäck wiederzukommen. Im Sommer 2019 war es dann im Rahmen der Ocean-Change-Expedition so weit. Bei herrlichstem Sommerwetter gingen wir vor der Station im ostgrönländischen Ikateq-Fjord vor Anker. Um uns herum hohe Bergmassive und in der Sonne schwitzende Eisberge, die träge mit der Tide durch den Sund zogen – ein Idyll. Eigentlich. An Land trat Ernüchterung ein. Ich wusste ja, was uns dort erwartete. Eine baufällige und brüchige Pier, darauf ein rostiger Kran, der früher die Versorgungsgüter gelöscht hatte, rostiger Schrott und vereinzelte leere Fässer, von denen jedes einmal 200 Liter Öl oder Brennstoff beinhaltet hatte. Wir kletterten einen kleinen Abhang hoch und standen auf einer eingeebneten, rund 1.500 Meter langen Landebahn für die amerikanischen Flugzeuge. Die Station war ursprünglich im Jahr 1941 als Luftwaffenstützpunkt gebaut worden. Das Vorland des Gebirges lieferte die gewünschte ebene Fläche. Mittels Planierraupen wurde für die damals noch eingesetzten Propellermaschinen eine brauchbare Piste in der Wildnis geschaffen. Flugzeughangars, Werkstätten, Funk- und Wetterstationen, Wohnbaracken, ein Fuhrpark aus Lastwagen, Dampfkessel für die Energiegewinnung und für die Werkstätten – eine richtige kleine Stadt wurde hier innerhalb weniger Monate in der Wildnis errichtet. Nach dem Krieg verlor die Station rasch an Bedeutung. 1947 war endgültig Schluss. Von einem Tag auf den anderen verließen die Militärangehörigen die Anlage und schifften sich ein – Kurs Heimat. Zurück blieb alles, was nicht ins Reisegepäck passte: aus den Augen, aus dem Sinn. Das harsche Klima Grönlands und die heftigen Winterstürme ließen die Gebäude in den folgenden Jahren einstürzen. Grönländer kamen aus benachbarten Siedlungen, um sich in der verlassenen Station mit Baumaterial für ihre Hütten einzudecken. Der Rest blieb vor Ort – alles, auch die Fässer.
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