(43) Aus den Bürgern, welche 100 000 Kupfer-As17 oder ein größeres Vermögen besaßen, machte er achtzig Zenturien; vierzig aus den älteren, vierzig aus den jüngeren. 2 Alle diese hießen die erste Klasse. Die älteren sollten zur Verteidigung der Stadt verwendbar sein, die jüngeren zur Führung auswärtiger Kriege. Die Waffen, die diese sich zu halten hatten, waren ein Helm, ein Schild, Beinschienen, Harnisch, alles aus Erz; dies sollten die Schutzwaffen sein; zum Angriff auf den Feind Lanze und Schwert. 3 An diese Klasse schlossen sich noch zwei Zenturien Werkleute, welche ohne Waffen dienen sollten, an. Ihr Geschäft war die Fortbringung des Belagerungszeuges.
4 Die zweite Klasse bildeten diejenigen, welche zwischen 100 000 und 75 000 As besaßen. Und aus diesen, älteren und jüngeren zusammen, teilte er zwanzig Zenturien ab. Die ihnen auferlegten Waffen waren statt des Rundschildes ein Langschild und außer dem Harnisch die gleichen wie bei den vorigen.
5 Das Vermögen der dritten Klasse bestimmte er bis zu 50 000 As. Hier waren ebenso viele Zenturien und ebenso nach dem Alter unterschieden; auch war hier keine Abänderung in den Waffen; nur die Beinschienen fielen weg.
6 In der vierten Klasse bestand das Vermögen aus 25 000 As. Sie bekam ebenso viel Zenturien, aber andere Waffen. Nur Lanze und Wurfspieß wurde diesen gelassen.
7 Die fünfte Klasse war wieder stärker und auf 30 Zenturien gesetzt. Sie führten Schleuder und Schleudersteine. Hierzu gehörten auch die Überzähligen, ferner die Hornbläser und Trompeter, die zusammen in drei Zenturien geteilt waren. Diese Klasse war zu 11 000 As angesetzt.
8 Alles übrige Volk wurde in die Klasse von geringerem Vermögen zusammengenommen, machte nur eine Zenturie aus und war vom Kriegsdienst frei.
Nachdem er so das Fußvolk ausgestattet und eingeteilt hatte, hob er in den vornehmsten Geschlechtern zwölf Zenturien Ritter aus. 9 Außer diesen verwandelte er die drei von Romulus errichteten Zenturien in sechs, doch mit Beibehaltung der Namen, unter denen sie eingereiht worden waren. Zum Ankaufe der Pferde wurden jedem 10 000 As vom Staat gegeben; und die Unverheirateten, Erbtöchter und Witwen wurden angewiesen, zusammen jährlich 2000 As für jeden aufzubringen, wovon sie die Pferde halten könnten. Alle diese Lasten legte er unter Verschonung der Armen den Reichen auf. Dafür aber gewannen diese nun auch an Rechten. 10 Es konnten nicht mehr so, wie nach Romulus’ Einrichtung die anderen Könige dies beibehalten hatten, die Stimmen nach Köpfen und ohne Unterschied mit gleichem Einfluss und gleichem Recht abgegeben werden, sondern er setzte Abstufungen fest, so dass niemand vom Stimmrecht ausgeschlossen zu sein schien und doch die Entscheidung bei den Vornehmen wäre. 11 Die Ritter wurden nämlich zuerst aufgerufen, dann die achtzig Zenturien der ersten Klasse. Konnten diese nicht einig werden, was selten der Fall war, dann sollten die Zenturien der zweiten Klasse aufgefordert werden, so dass die Stimmensammlung fast nie so weit herunterstieg, dass man bis an die Untersten gekommen wäre. 12 Man muss sich aber nicht wundern, dass unsere jetzige Ordnung, nachdem die Zahl der Bezirke auf 35 gestiegen ist, die sich ohnehin durch die Zenturien der Älteren und Jüngeren verdoppelt hatte, nicht mehr mit der von Servius Tullius festgesetzten Summe übereinstimmt; 13 denn er hatte die Stadt nach ihren Gegenden und Hügeln nur in vier Teile geteilt und nannte diese damals bewohnten Teile Tribus (Bezirke), wie ich glaube, vom Tribute; denn die dem Vermögen gleichmäßige Aufbringung desselben ist ebenfalls eine Erfindung von ihm. Auch stehen diese Bezirke mit der Einteilung in Zenturien sowenig wie mit deren Anzahl in Verbindung.
(44) Nach vollendeter Schätzung, welche er durch die Furcht vor dem Gesetz beschleunigt hatte, das allen, die sich nicht schätzen ließen, mit Gefängnis und Todesstrafe drohte, verordnete er, dass alle römischen Bürger, Ritter und Fußvolk, jeder in seiner Zenturie auf dem Marsfeld mit Tagesanbruch sich stellen sollte. 2 Hier opferte er für das ganze aufgestellte Heer ein Schwein, ein Schaf und einen Stier zur Sühne. Dies wurde nachher der Schätzungsschluss genannt, weil hiermit die Schätzung geschlossen wurde. Bei dem damaligen Schätzungsschluss sollen 80 000 Bürger geschätzt worden sein. Fabius Pictor, der älteste römische Geschichtsschreiber, fügt hinzu, dies sei bloß die Zahl der Waffenfähigen gewesen.
3 Für eine solche Volksmenge schien auch eine Erweiterung der Stadt nötig zu sein. Er zog noch zwei Hügel, den Quirinalischen und Viminalischen, mit hinein; dann kam der Anbau der Reihe nach an die Esquilin, und um dieser Gegend mehr Gefälliges zu geben, legte Servius hier seine Wohnung an. Er umgab die Stadt mit einem Wall, mit Graben und einer Mauer und rückte so das Weichbild der Stadt weiter hinaus. 4 Einige, die bloß auf die Bedeutung des Wortes Weichbild ( pomerium ) sehen, verstehen darunter nur den Raum hinter der Mauer. Es ist aber vielmehr der Platz auf beiden Seiten der Mauer, den die Etrusker ehemals bei Erbauung der Städte da, wo sie die Mauer ziehen wollten, innerhalb gewisser Grenzen auf beiden Seiten nicht ohne genehmigenden Vogelflug weihten, damit teils von der inneren Seite keine Gebäude unmittelbar an die Mauer stießen, wie man sie jetzt gewöhnlich damit verbindet, teils auch, um von außen einen offenen Platz zu behalten, der von aller menschlichen Bestellung verschont bliebe. 5 Diesen Raum, der weder bewohnt noch bebaut werden durfte, nannten die Römer Weichbild, sowohl deswegen, weil die Mauer hinter ihm, als auch weil es hinter der Mauer war; und bei Erweiterung der Stadt wurden jedes Mal, soweit die Mauer erweitert werden sollte, auch diese geheiligten Grenzen weiter hinausgerückt.
(45) Als Servius den Staat durch die Erweiterung der Stadt gehoben und das ganze Innere in eine für Krieg und Frieden zweckmäßige Verfassung gebracht hatte, gedachte er, um nicht jeden Zuwachs mit den Waffen zu erkämpfen, Roms Oberherrschaft durch Klugheit zu erweitern und zugleich der Stadt eine Zierde mehr zu verschaffen. 2 Schon damals stand der Tempel der Diana zu Ephesus in großem Ruf, und es hieß, die Staaten Asiens hätten ihn gemeinschaftlich erbaut. Da Servius im Kreis der vornehmsten Latiner, mit denen er angelegentlich von Seiten des Staates und für sich Gastrecht und Freundschaft geknüpft hatte, dieser Eintracht und verbündeten Gottesverehrung lauten Beifall gab, so brachte er es durch wiederholte Vorstellungen dahin, dass die Völkerschaften Latiums mit dem römischen Volk gemeinschaftlich der Diana einen Tempel zu Rom bauten. 3 Hierin lag das Bekenntnis, dass Rom ihre Hauptstadt sei, worüber schon so viele Kriege geführt waren. Zwar hatte es den Anschein, als hätten alle Latiner nach so vielen unglücklichen im Krieg gemachten Versuchen diesen Gedanken aufgegeben, und gleichwohl schien sich einem von den Sabinern das Glück anzubieten, als einzelner Mann die Oberherrschaft wieder an sein Volk zu bringen. 4 Ein Hausvater im Sabinerland soll in seinem Viehstand eine Kuh von wunderbarer Größe und Schönheit aufgezogen haben. Die Hörner sind mehrere Menschenalter hindurch über dem Eingang des Dianatempels als Denkmal des Wundertiers angeheftet gewesen. 5 Man nahm die Sache für das, was sie war, für ein Wunderzeichen; die Wahrsager prophezeiten dem Staat, dessen Bürger diese Kuh der Diana opfern würde, die Oberherrschaft über die anderen, und diese Weissagung war auch an den Vorsteher des Dianatempels gelangt. 6 Sobald der Sabiner einen passenden Tag für das Opfer fand, trieb er seine Kuh nach Rom zum Dianatempel und stellte sie vor den Altar. Der römische Vorsteher, dem die durch das Gerücht bekannt gewordene Größe des Opfertieres auffiel, erinnerte sich jener Weissagung und sprach zu dem Sabiner: Fremdling, was willst du da begehen? So unheilig der Diana ein Opfer bringen? Willst du dich nicht zuvor in fließendem Wasser baden? Unten im Tal fließt der Tiber! 7 Der Fremde, von heiliger Scheu befallen und nicht ohne den Wunsch, alles gehörig zu beobachten, damit der Erfolg dem Wunderzeichen entspräche, stieg vom Tempel zum Tiber hinab. Inzwischen opferte der Römer der Diana die Kuh zur größten Freude des Königs und aller Bürger.
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