9 Bei dem Wald Malitiosa kam es zu einer blutigen Schlacht, in welcher das römische Heer freilich auch durch sein treffliches Fußvolk, 10 am meisten aber durch die jüngste Vermehrung der Reiterei die Oberhand behielt. Sie bewirkte durch ihr schleuniges Eindringen in den Gliedern der Sabiner eine solche Verwirrung, dass sie nicht wieder zum Standgefecht kommen und sich auch nicht ohne großen Verlust zur Flucht auflösen konnten.
(31) Als nach Besiegung der Sabiner Tullus als König und der ganze römische Staat im Besitze eines großen Ruhmes und einer wirklich großen Macht waren, wurde dem König und den Vätern gemeldet, auf dem albanischen Berg sei ein Steinregen gefallen. 2 Weil man das kaum glauben konnte, wurden zur Untersuchung des Wunders Leute hingeschickt; und vor ihren Augen fiel eine Menge Steine, nicht anders als wenn der Sturm einen dichten Hagel auf die Erde niederstürzt, vom Himmel herab. 3 Auch kam es ihnen vor, als hörten sie aus dem Hain des höchsten Gipfels eine gewaltige Stimme rufen: Die Albaner sollten ihren Gottesdienst nach vaterländischer Weise verrichten. Sie hatten diesen eingehen lassen, als hätten sie zugleich mit ihrer Vaterstadt auch die Götter hinter sich gelassen und entweder den römischen Gottesdienst angenommen oder auf ihr Schicksal zürnend, wie es der Mensch macht, alle Verehrung der Götter aufgegeben. 4 Auch die Römer ordneten wegen dieses Schreckenszeichens ein öffentliches neuntägiges Opferfest an, entweder auf Geheiß einer himmlischen Stimme, die sich vom albanischen Berg hören ließ – denn auch dies melden einige –, oder auf Anraten der Opferschauer.12 Wenigstens blieb es Sitte, so oft die Erscheinung dieses Wunderzeichens gemeldet wurde, ein neuntägiges Opferfest anzuordnen. 5 Bald darauf herrschte eine ansteckende Krankheit und machte die Bürger zu Kriegsdiensten zu schwach. Dennoch gestattete der kriegerische König keine Waffenruhe; ja er glaubte sogar, die jungen Leute würden im Krieg gesünder als zu Hause sein, bis ihn endlich selbst die Krankheit auf ein langwieriges Lager warf. 6 Dies lähmte ihm zugleich mit dem Körper jenen mutigen Feuergeist so sehr, dass er jetzt, sowenig er es früher für königlich gehalten hatte, seine Gedanken mit dem Gottesdienst zu beschäftigen, auf einmal mit Befolgung jedes größeren und kleineren Aberglaubens seine Zeit hinbrachte und sogar das Volk zu lauter Andachtsübungen zog. 7 Und wirklich hielten schon die Leute, bei dem allgemeinen Wunsch, die Lage der Dinge unter dem König Numa wiederhergestellt zu sehen, Gebete um göttliche Gnade und Erbarmung für das einzige Heilmittel der Krankheit. 8 Der König selbst, heißt es, habe nach dem Durchlesen der Bücher Numas gefunden, dass jährlich gewisse Opfer insgeheim gebracht würden, dem Jupiter Offenbarungen abzugewinnen, und sich zur Ausrichtung jener Opfer eingeschlossen. Da er aber diesen Gottesdienst nicht gehörig eingeleitet oder abgewartet habe, habe er, ohne irgendeine himmlische Erscheinung zu bewirken, von Jupiter, den diese verkehrten Beschwörungen gestört und erzürnt hätten, einen Blitz auf sich herabgezogen und sei mit seinem Haus verbrannt. Tullus regierte mit großem Kriegsruhm 32 Jahre.
(32) Nach dem Tod des Tullus fiel die Regierung, wie es von Anfang an üblich gewesen war, wieder an die Väter, und diese ernannten einen Zwischenkönig. Auf dem von ihm gehaltenen Wahltag ernannte das Volk den Ancus Marcius zum König, und die Väter bestätigten ihn.
Ancus Marcius war ein Enkel des Königs Numa Pompilius von dessen Tochter. 2 Mit Antritt seiner Regierung machte er es sich zur Hauptaufgabe, teils weil ihm das rühmliche Andenken seines Großvaters vorschwebte, teils weil die vorige Regierung, im Übrigen so vortrefflich, doch von einer Seite nicht ganz glücklich gewesen war, insofern sie nämlich die Gottesverehrung entweder verabsäumt oder verkehrt betrieben hatte, den öffentlichen Gottesdienst wieder so einzurichten, wie ihn Numa angeordnet hatte. Er ließ alle Vorschriften darüber aus Numas Büchern durch den Oberpriester aufzeichnen und dies Verzeichnis auf einer weißen Tafel öffentlich aushängen. Daher entstand bei den sich nach Ruhe sehnenden Bürgern und den benachbarten Staaten die Erwartung, der König werde den Grundsätzen und der Handlungsweise seines Ahnen folgen. 3 Die Latiner, mit denen unter Tullus’ Regierung ein Bündnis geschlossen war, fühlten sogleich ihren Mut gehoben; sie unternahmen einen Einfall ins römische Gebiet und gaben den Genugtuung fordernden Römern eine übermütige Antwort, in der Voraussetzung, der römische König werde, untätig genug, seine Regierung auf Kapellen und Altäre beschränken. 4 Ancus, dem Muster des Numa treu, ohne den Romulus zu vergessen, verband die Eigenschaften beider; und außer der Überzeugung, dass unter der Regierung seines Großvaters für jenes neue und wilde Volk der Friede eher notwendig gewesen sei, sah er auch ein, dass er die Ruhe, die jenem gelungen sei, nicht werde beibehalten können, ohne sich Beleidigungen gefallen zu lassen; man mache auf seine Nachgiebigkeit einen Versuch; gelinge er, so werde man sie verachten, auch eigne sich die Lage der Dinge mehr für einen Tullus als für einen Numa. 5 Um jedoch, so wie Numa die gottesdienstlichen Gebräuche des Friedens eingeführt hätte, in seiner Person den Stifter der kriegerischen Feierlichkeiten aufzustellen und die Kriege nicht bloß führen, sondern auch vermittels eines gewissen Feierbrauchs ankündigen zu lassen, nahm er von einem alten Volk, den Äquiculern,13 die gesetzliche Vorschrift her, wie die Genugtuung gefordert werden muss, und nach welcher sich noch jetzt die Fetialen richten. 6 Wenn der Gesandte an die Grenzen derer kommt, von denen man Genugtuung fordert, so spricht er, das Haupt mit einer Binde umwunden (die Binde ist von Wolle): Höre, Jupiter, höret, ihr Grenzen! Er nennt jedes Mal das Volk, dem sie zugehören. Mich höre das Recht, das vor Gott gilt. Ich bin der Staatsbote des römischen Volkes, ich komme, auf eine gerechte und gottgefällige Weise gesandt, und meine Worte verdienen Glauben. 7 Hier bringt er seine Forderungen vor. Dann nimmt er den Jupiter so zum Zeugen: Wenn ich ungerecht und freventlich jene Leute und jene Sachen an mich, den Voten des römischen Volkes, ausgeliefert haben will, so wollest du mich mein Vaterland nie wieder betreten lassen! 8 Diese Worte spricht er, wenn er über die Grenze schreitet, so, wenn ihm der erste Mann begegnet; er spricht sie bei seinem Eintritt ins Tor, und wiederum, wenn er auf dem Marktplatz steht, wobei er jedes Mal nur wenige Worte der Formel und des zu schwörenden Eides abzuändern hat. 9 Wird das Geforderte nicht herausgegeben, so kündigt er nach Verlauf von 33 Tagen – denn so viele sind festgesetzt – den Krieg folgendermaßen an: Höre, Jupiter, und du, Juno, Quirinus, und ihr himmlischen Götter alle, und ihr irdischen und ihr unterirdischen, höret! Euch rufe ich zu Zeugen an, dass jenes Volk – 10 er nennt den Namen – ungerecht ist und nicht leistet, was Rechtens ist. Doch hierüber wollen wir im Vaterland unsere Alten befragen, auf welche Art wir zu unserem Recht gelangen mögen . Mit diesen Worten kehrt der Gesandte nach Rom zur Beratung zurück.
11 Sogleich befragte der König die Väter mit ungefähr folgenden Worten: In betreff derjenigen Sachen, Streitigkeiten und Angelegenheiten sprach er zu dem, den er zuerst um seine Stimme fragte, über welche der Bevollmächtigte des römischen Volkes der Quiriten mit dem Bevollmächtigten der Altlatiner und den altlatinischen Männern übereingekommen ist, welche Sachen sie hätten geben, tun und zahlen müssen, welche Sachen sie aber weder gegeben, noch getan, noch gezahlt haben, wie dazu seine Stimme laute. 12 Dann sprach jener: Meine Stimme ist die, sie durch einen gerechten, gottgefälligen Krieg einzutreiben, und also halte und stimme ich. Nun wurden die Übrigen der Reihe nach befragt, und wenn der größere Teil der Anwesenden dieser Meinung beitrat, so war vermöge dieser Einstimmung Krieg. Gewöhnlich ging der Fetiale, eine mit Eisen beschlagene oder blutige, vorn angebrannte Lanze in der Hand, an jene Grenzen und sprach in Gegenwart von wenigstens drei Erwachsenen: 13 Weil die Völker der Altlatiner und die altlatinischen Männer gegen das römische Volk der Quiriten gehandelt und sich vergangen haben, weil das römische Volk der Quiriten den Krieg mit den Altlatinern beschlossen hat, und der Senat des römischen Volkes der (Quiriten es so erachtet, beigestimmt und beschlossen hat, dass mit den Altlatinern Krieg sein solle, darum kündige ich und das römische Volk den Völkern der Altlatiner und den altlatinischen Männern den Krieg an und beginne ihn . 14 Mit diesen Worten pflegte er einen Speer in ihr Gebiet zu schleudern.
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