Am 25. Oktober wurden wir von einem sehr heftigen Gewitter überfallen. Gegen acht Uhr abends schien der Himmel rings um uns her in Feuer zu stehen; wo wir nur hinsahen, schossen Blitze herab, und auf der Spitze unseres Blitzableiters zeigte sich das Sankt-Elms-Feuer. Diese Naturerscheinung wurde nicht nur uns zuteil; wir bemerkten dieses gleiche Sankt-Elms-Feuer auch auf der Mastspitze der Astrolabe , die über keinen Blitzableiter verfügt. Von diesem Tag an hatten wir beständig schlechtes Wetter bis zu unserer Ankunft auf Santa Catarina. Tag für Tag umgab uns ein dichterer Dunst, als er mitten im Winter die Küste der Bretagne umhüllt. Am 6. November gingen wir zwischen der Insel Santa Catarina und dem Festland vor Anker. Die See war hier sieben Klafter tief, und der Grund bestand aus schlammigem Sand.
Nach sechsundneunzigtätiger Fahrt hatten wir nicht einen einzigen Kranken. Weder der Wechsel des Klimas noch Regen und Nebel hatten die Gesundheit unserer Leute erschüttert, da wir stets Nahrungsmittel von bester Qualität ausgaben. Ich vernachlässigte keine der Vorsichtsmaßregeln, die Erfahrung und Klugheit vorschrieben. So sorgten wir unter anderem dafür, das Schiffsvolk stets bei guter Laune zu halten. Wenn es die Witterung irgend erlaubte, ließ ich die Mannschaft jeden Abend von acht bis zehn Uhr auf dem Deck tanzen.
1Der Unabhängigkeitskrieg der Vereinigten Staaten, der 1783 mit dem Frieden von Versailles zu Ende ging.
2Sir Joseph Banks, der Präsident der Royal Geographic Society in England. Er überließ Lapérouse den von den beiden Engländern Rust und Eyre geschaffenen kardanisch aufgehängten Inklinations- bzw. Azimut-Kompass, der weit genauere Messungen als die anderen Kompasse der Zeit ermöglichte.
3800 km östlich der brasilianischen Provinz Espírito Santo. Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Antilleninsel.
Die Insel Santa Catarina erstreckt sich von 27 Grad 19 Minuten bis 27 Grad 49 Minuten südlicher Breite; ihr Durchmesser von Osten nach Westen beträgt nur zwei französische Meilen. Vom Festland ist sie an der schmalsten Stelle durch einen Kanal von nur zweihundert Klafter Breite getrennt. Am Eingang dieser Wasserstraße liegt Nostra Senhora del Destero, der Hauptort der Statthalterschaft, in dem auch der Gouverneur residiert; die Stadt zählt höchstens dreitausend Seelen in ungefähr vierhundert Häusern und bietet einen recht hübschen Anblick. Nach dem Bericht Fréziers diente diese Insel im Jahr 1712 vielen Vagabunden, die sich aus allen Teilen Brasiliens hierher geflüchtet hatten, als Aufenthaltsort; sie waren Portugal nur dem Namen nach unterworfen und erkannten überhaupt keine Obrigkeit an. Da der Boden der Insel sehr fruchtbar ist, fanden sie daselbst leicht ihren Unterhalt, waren aber so arm, dass der Generalgouverneur von Brasilien nicht darauf erpicht war, sich mit ihnen anzulegen oder sie gewaltsam unter seine Botmäßigkeit zu bringen. Alle Schiffe, die Santa Catarina anliefen, gaben ihnen im Austausch gegen Lebensmittel nur Kleidungsstücke und Hemden, denn daran fehlte es ihnen an meisten. Erst gegen 1740 errichtete der Hof in Lissabon auf Santa Catarina eine feste Statthalterschaft, die auch für die benachbarten Gebiete auf dem Kontinent zuständig war. Dieses Kapitanat erstreckte sich sechzig Meilen weit von Norden gegen Süden, und zwar vom São-Francisco-Fluss bis zum Rio Grande. Die Bevölkerung dieses Gebiets beläuft sich auf zwanzigtausend Seelen. Ich sah aber in den meisten Familien eine so große Anzahl von Kindern, dass man eine rasche Zunahme der Einwohnerschaft voraussehen kann. Der Boden ist außerordentlich fruchtbar; Obst, Gemüse und Getreide wachsen fast von selbst. Es gibt hier Wälder, die das ganze Jahr über grün bleiben, aber dergestalt von Dornen und Strauchwerk durchsetzt sind, dass man, um sich hindurchzuarbeiten, ein Beil zur Hand nehmen muss. Überdies begegnet man in diesen Wäldern einer Menge Giftschlangen.
Die Ortschaften, die die Bewohner von Santa Catarina und dem nahen Festland angelegt haben, liegen alle am Meer. Die Wälder würzen die Luft mit den köstlichsten Gerüchen, da sie eine große Zahl von Orangenbäumen und anderen aromatischen Pflanzen enthalten. Ungeachtet dieser Vorzüge ist das Land so arm und so gänzlich von Manufakturwaren entblößt, dass man die dortigen Bauern nur fast nackt oder in Lumpen gehüllt einhergehen sieht. Die Ländereien, die sich am besten für Zuckerplantagen eignen, bleiben unbebaut, weil es den Eigentümern an Sklaven fehlt und sie nicht genug Geld haben, um sich welche zu kaufen. Der Walfang um Santa Catarina ist zwar sehr einträglich, aber ein Vorrecht der Krone, die die Konzession an eine Lissaboner Handelsgesellschaft vergeben hat. Diese Gesellschaft besitzt an der Küste drei große Niederlassungen, in denen jährlich etwa viertausend Wale gefangen und verarbeitet werden. Der ganze Ertrag an Tran und Walsperma geht über Rio de Janeiro nach Lissabon. Die Einwohner von Santa Catarina sind die müßigen Zuschauer dieses Handels, von dem sie nicht profitieren. Wenn die Regierung ihnen nicht unter die Arme greift und ihnen Zollerleichterungen oder Vergünstigungen bewilligt, die dem Handel förderlich sind, wird dieser Landstrich, einer der schönsten auf der Welt, in immerwährender Armut schmachten und dem Mutterland nicht den geringsten Nutzen verschaffen.
Unsere Ankunft verbreitete im Land große Unruhe. Verschiedene Forts gaben Kanonenschüsse ab; ich hielt es daher für ratsam, sogleich vor Anker zu gehen und einen Offizier mit der Erklärung an Land zu senden, dass wir nur friedliche Absichten hegten und uns mit Wasser, Holz und einigen Erfrischungen zu verproviantieren wünschten.
Santa Catarina
Herr de Pierrevert, dem ich diesen Auftrag erteilt hatte, traf die kleine Garnison der Zitadelle unter Waffen an; sie bestand aus vierzig Soldaten und einem Hauptmann, der einen Eilboten in die Stadt schickte, um den Gouverneur, Infanterie-Brigadier Don Francisco de Baros, zu informieren. Er gab sofort die Anordnung, uns alles, was wir brauchten, zum billigsten Preis zu verkaufen. Jeder der beiden Fregatten wurde ein portugiesischer Offizier zugeteilt, die unseren Proviantmeister zu den Einwohnern begleiteten, um den Einkauf der Lebensmittel zu überwachen.
Don Francisco de Barros, der Gouverneur der Statthalterei, sprach fließend Französisch; seine ausgedehnten Kenntnisse trugen ihm unser Vertrauen ein. Er lud uns Franzosen an seinen Mittagstisch und bestätigte uns während des Essens, dass die Insel Ascençaon nicht existiere. Zum Beweis hierfür erzählte er uns, der Generalgouverneur von Brasilien habe im vergangenen Jahr ein Schiff auslaufen lassen, um die Gegend, in der die Insel liegen solle, genau zu untersuchen. Das Fahrzeug sei unverrichteter Dinge wieder zurückgekommen, und man habe Ascençaon aus den Seekarten ausgestrichen, damit sich der Irrtum nicht ewig fortpflanze. Er setzte hinzu, die Insel Trinidad habe stets den Portugiesen gehört und sei von den Engländern, als die Königin von Portugal dies verlangt habe, sofort geräumt worden.
Am folgenden Tag um elf Uhr kamen die zur Astrolabe und zur Boussole gehörenden Boote wieder an Bord zurück. Man benachrichtigte mich von dem unmittelbar bevorstehenden Besuch von Generalmajor Dom António da Gama; er kam aber erst am 13. und überbrachte mir ein sehr verbindliches Schreiben des ranghöchsten Offiziers der Kolonie.
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