So verknüpfen sich die Karrieren des Quartetts Kohl, Kanter, Wolf und von Brauchitsch. Kohl steigt in der CDU weiter auf, auch dank der Geldspritzen des Duos Kanter/von Brauchitsch. Dem Adligen gelingt dank der finanziellen »Pflege der Bonner Landschaft «, wie er seine Schmiererei nennt, der Aufstieg an die Spitze des Flick-Konzerns. Kanter gelangt in eine führende Position in der »Politischen Stabstelle der Geschäftsführung« des Milliardenkonzerns. Und Wolf festigt auch mittels der aufschlussreichen Berichte seiner Topquelle Kanter dauerhaft seine Stellung im DDR-System.
ERSTES KAPITEL
Der Unantastbare
Adolf Kanter, Direktor im »Europa-Haus e. V. Marienberg«, schreibt am 9. Juni 1965 an Dr. jur. Hanns Martin Schleyer, Vorstandsmitglied der Daimler-Benz AG:
»Sehr geehrter Herr Dr. Schleyer!
Auf diesem Wege nochmals sehr herzlichen Dank für den freundlichen Empfang am 26. Mai und das gute Gespräch, das ich bei dieser Gelegenheit mit Ihnen in Untertürkheim führen durfte. Besonders gefreut habe ich mich über die festgestellte Übereinstimmung mit Ihnen in der Grundkonzeption in unserer Arbeit. Solche ›moralische Spritzen‹ sind in unserem Bereich ab und zu auch sehr von Nöten. […]
Wegen unserer Wünsche an Ihr Haus wird sich Herr von Brauchitsch sicher in absehbarer Zeit mit Ihnen in Verbindung setzen.
Mit den ergebensten Wünschen verbleibe ich
Ihr Adolf Kanter«
Mit selbigem Datum unterrichtet Europa-Haus-Direktor Kanter den Herrn von Brauchitsch, Vorname Eberhard, von Beruf geschäftsführender Gesellschafter der milliardenschweren Friedrich Flick KG:
»Lieber Eberhard!
Das Gespräch mit Herrn Dr. Schleyer am 26. Mai war, glaube ich, sehr nützlich. […] Herr Dr. Schleyer hat mich mehrfach gebeten, ihm konkret unsere materiellen Wünsche vorzutragen. Ich habe darauf erklärt, […] daß Du als Vorsitzender unseres Freundes- und Fördererkreises Dich gelegentlich wieder an ihn wenden würdest.
Als Herr Dr. Schleyer dann nochmals auf die materiellen Dinge zu sprechen kam, meinte er, als von dem Jahresbeitrag von Mercedes-Benz im letzten Jahr von DM 4.000,– die Rede war, daß er es bei dem Gesamtvolumen unseres Umsatzes für möglich halten würde, daß eine stärkere Erhöhung des Zuschusses von Mercedes-Benz möglich wäre. […]
Mit den besten Grüßen von Haus zu Haus
Dein Adolf«
Am 29. Juni 1965 antwortet von Brauchitsch dem Direktor Kanter:
»Lieber Adolf,
[…] Vereinbarungsgemäß habe ich mich mit Herrn Dr. Schleyer in Verbindung gesetzt und ihm konkret die Bitte übermittelt, einen einmaligen Sonderbeitrag von DM 10.000,– und ein Kraftfahrzeug zur Verfügung zu stellen. Ich habe ihn gebeten, diese Sonderleistungen unter dem Gesichtspunkt seiner zukünftigen stärkeren personellen Beschickung der Tagungen in Marienberg zu behandeln. […] Ich habe ihm zugesagt, daß Du Dich dann direkt an ihn wendest, um ihm mitzuteilen, wer die Adressaten für die beiden Zuwendungen sein sollen.
So viel für heute.
Mit herzlichen Grüßen
Dein Eberhard«
Am 9. September 1965 schreibt Direktor Kanter dem Vorstandsmitglied Hanns Martin Schleyer, der als Vertrauensmann der Flick-Gruppe, des Daimler-Mehrheitsaktionärs, den Posten des Personalchefs hält und selbstverständlich ein offenes Ohr hat für Bitten des Flick-Gesellschafters von Brauchitsch. Kanter bedankt sich, »daß Sie bereit sind, für die Arbeit des Europa-Hauses Marienberg und der mit dieser Institution verbundenen Einrichtungen einen Mercedes-Wagen zu stiften. […]
Es ist am zweckmäßigsten, die Stiftung an unsere Vereinigung zu richten, da wir als ›Förderer-Vereinigung‹ der verschiedenen Einrichtungen tätig sind. Diese Regelung habe ich mit Herrn von Brauchitsch abgesprochen.
Bitte geben Sie uns den Wert der Stiftung an, damit wir Ihnen eine Spendenbescheinigung ausstellen können, denn bekanntlich sind wir ja als gemeinnützig anerkannt. Wann und wo dürfen wir das Fahrzeug übernehmen?« Mitte November 1965 holte Direktor Kanter persönlich den Benz, Typ 200 Limousine, in Sindelfingen ab.
Wie üblich gingen Kopien dieser Briefe per Kurier an die Zentrale des Auslandsgeheimdienstes der DDR, der Hauptabteilung Aufklärung (HVA) der Stasi, des Ministeriums für Staatssicherheit in Ostberlin.
Adolf Kanter, dem der – 1977 von der RAF ermordete – ehemalige SS-Hauptsturmführer und spätere Wirtschaftsboss Schleyer »moralische Spritzen« verpasste und einen Mercedes schenkte, jener Kanter, für den der Flick-Gesellschaft er von Brauchitsch bei den Spitzen der bundesdeutschen Industrie Spenden einwarb, er war der beste Mann des DDR-Spionagechefs Markus Wolf. Für die Machteliten der bundesdeutschen Republik war er der gefährlichste Gegner.
Kanter war »wesentlich wichtiger« für den Osten in den Zeiten des Kalten Krieges als Günter Guillaume, der Stasi-Spion bei Kanzler Willy Brandt. So urteilt Helmut Müller-Enbergs, der sich als Leiter der Spionageabwehr im Berliner Verfassungsschutzamt und als Experte der Berliner Stasi-Unterlagenbehörde einen Namen gemacht hat. Zwischen 1969 und 1989 war Kanter sogar »der fleißigste IM [inoffizieller Mitarbeiter, D. K.] der HVA überhaupt. 1.727 Informationen gingen auf ihn zurück, was durchschnittlich sieben Meldungen pro Monat entspricht«. Aus langen Gesprächen mit dem einstigen HVA-Chef (der Wolf von 1952 bis 1986 war) berichtete Müller-Enbergs dem Autor: »Markus Wolf hat den Kanter bewundert«, kaltblütig, diszipliniert sei Kanter gewesen, präzise aus Ostberlin zu steuern.
Spendensammler Kanter an Daimler-Vorstand Schleyer: »Wegen unserer Wünsche an Ihr Haus wird sich Herr von Brauchitsch sicher in absehbarer Zeit mit Ihnen in Verbindung setzen.«
In den geheimen Heerscharen des Markus Wolf war Agent Kanter einzigartig. Von der Gründung der Bundesrepublik an bis zum Fall der Mauer lieferte »Fichtel«, so sein Stasi-Deckname, Informationen nach Osten. Er war einzigartig, weil unter all den Stasi-Agenten allein Kanter es gelang, westdeutsche Politiker zu schmieren, sie durch Mitwisserschaft bei Zahlungen, die in die Millionen gingen, zu verpflichten und gefügig zu machen. Einzigartig, weil er es schaffte, Politiker quer durch die bundesdeutschen Parteien nicht etwa mit Mitteln aus der kargen Devisenkasse der DDR, sondern mit dem großen Geld westdeutscher Kapitalisten zu kaufen.
Einzigartig vor allem aber, weil er so viel belastendes Wissen über die korrupten politischen und wirtschaftlichen Eliten der alten Bundesrepublik erlangt hatte, dass er unantastbar, ja unverwundbar wurde.
Kanter schadete dem System der BRD nicht allein durch Weitergabe sensibler militärischer, wirtschaftlicher oder politischer Informationen. Die lieferte er auch: über die Verfilzungen der Unionsparteien mit Großkonzernen, über Organisation und Personal der gesamten Bundesverwaltung und des Bundeskriminalamts, über die NATO-Panzer der 1990er-Jahre und das Innenleben des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, über marktnahe Forschung und Entwicklung in der Mikroelektronik, über die Einschätzungen der westdeutsch-sowjetischen Beziehungen durch das Bundeskanzleramt oder über elektrische Antriebe für Kampffahrzeuge.
Kanter fügte der Bundesreplik Deutschland, dem DDR-Hauptgegner, weit schlimmeren, weil strukturellen, Schaden zu. Der Stasi-Agent im Bonner Flick-Büro war in streng vertraulichen Zirkeln des Konzerns dabei, war Mittäter und Mitwisser, wenn der Flick-Wirtschaftsgigant durch illegale Spendenmillionen für CDU, CSU, SPD und FDP das innere Gefüge der bundesdeutschen Demokratie beschädigte. Mit seiner wirtschaftlichen Macht und seinen Schmiergeldzahlungen hat der Flick-Konzern die Ablösung und die Bildung von Bundesregierungen beeinflusst, so den Sturz des SPD-Kanzlers Helmut Schmidt und die Machtübernahme durch CDU-Kanzler Helmut Kohl.
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