Der Historiker und Korrespondent Peter Bender hat das, was ich als Kind diffus wahrnahm, in begrifflicher Klarheit beschrieben: „Oft vergessen wird schließlich das Dauerproblem, das die Enklave [West-Berlin] ihrem Umland bereitet. Vom Tage der Staatsgründung bis heute [1987] hat die DDR nur eine halbe Hauptstadt – halb im geografischen Sinn, der größte Teil Berlins gehört nicht dazu; halb auch im rechtlichen Sinn, Ost-Berlin ist nach westlicher Auffassung nach wie vor der sowjetische Besatzungssektor der Viermächtestadt. Das gab es noch nie: eine Hauptstadt, die nicht einmal ihren Namen ganz für sich hat, sondern erst durch einen Zusatz, ,Ost‘ oder ,DDR‘, identifizierbar wird. Eine Hauptstadt, die bis in die jüngste Zeit im Schatten einer attraktiveren Schwester stand […]. Eine Hauptstadt, die von den Diplomaten, Korrespondenten und Handelsleuten einfach verlassen wird, wenn die Damen und Herren einkaufen, sich amüsieren oder ungestört bleiben wollen. Eine Hauptstadt, die eine Mauer braucht, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen. Eine Hauptstadt auch, in der fremde Soldaten Kontrolle fahren und die eigene Armee nicht paradieren kann, ohne dass nebenan eine Weltmacht protestiert.“ 29
Am 3. Oktober 1969 kam der große Augenblick. Im Vorfeld des 20. Jahrstages der DDR-Gründung, also auf dem Höhepunkt ihrer Existenz, „konnte Walter Ulbricht sein persönliches Großprojekt einweihen. Dass Ulbricht dabei von den wichtigsten Funktionären der Partei- und Staatsführung der DDR begleitet wurde, unterstreicht die Bedeutung, die man diesem Bauwerk beimaß. Euphorisch titelte das Neue Deutschland: ,Der Turm – ein Meisterwerk der Republik‘.“ 30Beim Aussteigen im 207 Meter hoch gelegenen Telecafé konnte sich der Parteichef mit Recht dem Gefühl überlassen, im Berliner Stadtbild eine unverrückbare Konstante geschaffen zu haben.
Was ich damals beim Turmbesuch fühlte, ging mir unter die Haut: Zum ersten Mal erblickte ich den „Westen“ und sah eine Welt, die gar nicht wirklich existierte. Diese Entdeckung konnte ich kaum für mich behalten. Darum habe ich sie an eine vertraute Mitschülerin verraten. Aber vor unseren Kinderaugen wurde bald etwas sehr Trostloses sichtbar: Mitten durch Berlin zog sich die Mauer. Mit ihrem frisch geeggten Spurensicherungsstreifen sah das aus wie eine Wunde im Gesicht der doppelten Halbstadt. Uns wurde klar, dass es da unten schlimme Dinge gab, auch wenn wir damals noch keine Begriffe dafür parat hatten: Kontaktzaun mit Akustik- und Lichtsignalen, Minenfelder, Patrouillenwege, Hundelaufzonen, Stacheldraht und Spanische Reiter. Jahre später erkannte ich bei einem weiteren Besuch, dass die tödliche Grenze am Abend von Peitschenlampen angestrahlt wurde. Die urbane Welt unten zeigte sich von oben deutlich zweigeteilt in hell und dunkel. Hinter dem Brandenburger Tor begann die Halbstadt zu leuchten.
Im Westen gab es also etwas zu sehen, was eigentlich gar nicht existierte: quirliges Leben. Aus Stadtplänen und Schulbüchern war uns der unzugängliche Teil der Halbstadt nämlich nur als weißlich-beiger Farbton vertraut. Jenseits der Spree – suggerierten die Landkarten – befanden sich allenfalls Seen und Wälder, die in Umrissen angedeutet waren. Diese fremde Welt schien eine Art Reservat für wilde Tiere zu sein. Aber als Kind erblickte ich damals eine einzige Berliner Silhouette.
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