Die Tendenz, das Wort »katholisch« exklusiv für die römisch-katholische Kirche zu reklamieren, kommt auch in der deutschsprachigen Fassung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses zum Ausdruck. Einer Kommission von Vertretern der römisch-katholischen, der protestantischen und der altkatholischen Kirchen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz war es 1970 gelungen, eine gemeinsame deutschsprachige Fassung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses zu erstellen. Lediglich bei dem Wort catholica war eine Einigung nicht möglich. Die protestantischen Kirchen hielten es für nötig, das Wort »katholisch« wegen seiner konfessionellen Engführung |15| im gegenwärtigen Sprachbewusstsein mit »christlich« zu übersetzen, um so die allen Konfessionen übergeordnete christliche Glaubensgemeinschaft im Blick und im Bewusstsein zu halten, die alle altchristlichen Bekenntnisse meinen.
Die römisch-katholischen Vertreter bestanden darauf, das Wort »catholica« unübersetzt beizubehalten. So bekennen römisch-katholische Christen ihren Glauben mit den Worten: »Ich glaube die heilige katholische Kirche«. Sie meinen in ihrer Mehrzahl ganz unbefangen mit »katholisch« die römisch-katholische Kirche, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass sie sich damit aus der alle Christen umfassenden Glaubensgemeinschaft ausgliedern. Diese volkstümliche Gleichsetzung von »katholisch« mit »römisch-katholisch« ist von römischer Seite deshalb gern gesehen, weil sie dem theologischen Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche entspricht, die einzige Kirche zu sein, in der die allumfassende Einheit der Glaubenden bereits voll verwirklicht ist. Das ökumenische Bekenntnis ist dabei zwar sprachlich gewahrt, aber inhaltlich in exklusiv römischer Weise neu definiert.
|16| 2 Die Anfänge von Kirche
Die Geschichte der Kirche, das Verständnis ihres Wesens und ihrer Funktionen, entwickelten sich nicht aus einem einheitlichen Konzept, sondern entfaltete sich aus vielfältigen Ansätzen. Dieser historische Tatbestand weist bereits auf jenes Spannungsfeld hin, das wir seit einem Jahrhundert als das Problem von Einheit und Vielfalt der Christenheit diskutieren und in dem Begriff »Ökumene« bündeln. Von der lange gehegten Vorstellung, dass am Beginn eine einheitliche Kirche existiert habe, die erst später in mehrere Teile auseinanderbrochen sei, müssen wir uns verabschieden.
2.1 Der Ursprung des griechischen Wortes ekklesía (Kirche)
Was drückt sich in der Selbstbezeichnung ekklesía aus, mit der die Urgemeinde in Jerusalem ihre Gemeinschaft charakterisierte? Die älteste schriftliche Erwähnung finden wir in einer biographischen Notiz des Apostels Paulus in seinem Brief an die Galater, geschrieben 52/53: »Unerbittlich verfolgte ich die ekklesía Gottes und suchte sie zu vernichten« (Gal 1,13).
Ekklesía bedeutet im profanen Griechisch »Volksversammlung«. Bezogen auf die Gemeinde deutet das auf eine überschaubare Versammlung hin, die inhaltlich durch eine besondere Beziehung zu Gott charakterisiert ist. So wird man sich unter ekklesía nicht eine Kirche im Sinne einer Großorganisation vorzustellen haben, sondern eine konkrete örtliche Gemeinde, in der sich Christen versammelten, sei es in Jerusalem oder an anderen Orten.
Unser deutsches Wort »Gemeinde« hält den Charakter der konkreten örtlichen Versammlung fest. Das deutsche Wort »Kirche« ist wohl von dem griechischen kyriakós (zum |17| Herrn gehörig) abgeleitet und charakterisiert die Gruppe, die sich um ihren Mittelpunkt, den Herrn, versammelt. Das gilt entsprechend auch für die späteren Versammlungsgebäude derer, die sich als »zum Herrn gehörig« verstehen.
2.2 Die Anfänge von Gemeinde und Kirche
2.2.1 Der historische Jesus und Kirche
Gemeinde im Sinne einer Versammlung derer, die aus dem Geist Jesu leben, gibt es erst nach Ostern. Es überrascht daher nicht, dass der Begriff ekklesía in der Jesusüberlieferung der Evangelien nicht auftaucht. Die beiden Stellen in Mt 16,18 und 18,17, an denen von ekklesía die Rede ist, gelten in der bibelwissenschaftlichen Forschung seit langem als späte sekundäre Bildungen der palästinensischen Gemeinde. Das Markus- und das Lukasevangelium kennen diese Texte nicht, und auch im Johannesevangelium kommt der Begriff ekklesía nicht vor. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass Jesus die Absicht hatte, eine Kirche zu gründen, oder das gar getan hätte. Ob und inwiefern eine Kirche aus dem Wirken des irdischen Jesus notwendig hervorging, wird an anderer Stelle zu erörtern sein.
Historisch kann als gesichert gelten, dass sich schon sehr bald nach dem gewaltsamen Tod Jesu im Jahr 30 christliche Gemeinden bildeten. Eine Schlüsselstellung nahm in der Anfangszeit die Urgemeinde in Jerusalem ein. Hier in Jerusalem, der Mitte und dem Heilsort Israels, hatten sich die maßgeblichen Persönlichkeiten des Jüngerkreises Jesu versammelt, zu denen Petrus mit dem »Kreis der Zwölf« gehörten. Sie waren überzeugt, dass mit der Auferstehung Jesu von den Toten die von Jesus verkündigte Endzeit angebrochen sei. Sie wussten Jesus in ihrer Mitte gegenwärtig und verstanden sich als der |18| Kern des erneuerten Gottesvolkes. Sie nannten sich »die Heiligen«, »das heilige Volk«, »die Auserwählten«, »das auserwählte Geschlecht« und »die königliche Priesterschar«. In der Gewissheit der Gegenwart Christi wussten sie sich zur Predigt und zum Handeln in seinem Namen ermächtigt und stark gemacht.
2.2.3 Erste heidenchristliche Gemeinden
Zur Jerusalemer Urgemeinde gehörten nicht nur Juden. Auch Männer, die aus hellenistischen Kreisen der jüdischen Diaspora stammten, hielten sich zur Urgemeinde. Ihr Sprecher war Stephanus. Hellenistische Judenchristen darf man sich auch als die ersten Missionare vorstellen, die außerhalb Jerusalems Gemeinden um sich sammelten. Das geschah ohne jede zentrale Organisation, rein aus dem Impuls heraus, die von Jesus verkündete Heilsbotschaft auch zu den nichtjüdischen Menschen zu bringen. Als Paulus im Jahr 33, also drei Jahre nach Jesu Tod, seine Heidenmission begann, traf er bereits einige nichtjüdische Christengemeinden an.
Bei einem Treffen mit den Leitern der Urgemeinde (Petrus, Herrenbruder Jakobus und Johannes) im Jahr 48 erwirkte Paulus, dass Nichtjuden, die sich der christlichen Gemeinde anschlossen, keinerlei jüdische Ritualgesetze zu erfüllen hatten. Mit dieser Entscheidung war der christlichen Botschaft der Weg in die religiös so vielfältige hellenistische Welt freigemacht. So entstanden durch private Initiativen (oft durch Händler, die in der Welt herumkamen), vor allem in den Zentren des Römischen Reichs christliche Gemeinden.
2.2.4 Charakter und Gestalt der ersten Gemeinden
Das einigende Band zwischen den Gemeinden war die Christusbotschaft. Die Art und Weise, in der die Gemeinden ihr Gemeinschaftsleben organisierten und ihre Versammlungen gestalteten, hing allerdings von den Gegebenheiten und den |19| Möglichkeiten am Ort ab. Von Beginn an war es entsprechend vielgestaltig.
Rechtlich oder kultisch geregelte Ämter gab es in den frühen Gemeinden nicht. Jesus hat nirgends Amtsträger eingesetzt. Er rief Menschen in seine Nachfolge. Damit berief er sie in eine Art Dienstgemeinschaft, die den Auftrag hatte, zur Umkehr zu rufen und die anbrechende Herrschaft Gottes auszurufen. Die Begriffe apóstolos, epískopos und diákonos bezeichneten Funktionen, die aber weder mit einer besonderen Stellung noch einem Rechtsstatus noch einer hohen Würde einhergingen. Diese inoffizielle offene Form einer Glaubens- und Dienstgemeinschaft dürfte der Normalfall von Gemeinde in den beiden ersten Generationen gewesen sein.
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