Die Pioniere der heutigen Naturwissenschaften betrachten das Universum nicht mehr als eine Maschine, die sich aus elementaren Bauteilen zusammensetzt. Wir haben entdeckt, dass die materielle Welt letztlich ein Netzwerk untrennbarer Muster von Beziehungen ist; dass der Planet als ganzer ein lebendiges, sich selbst regulierendes System ist. Die Auffassung vom Körper als einer Maschine und vom Geist als einer davon getrennten Entität wurde ersetzt von einer Sichtweise, die nicht nur das Gehirn, sondern auch das Immunsystem, die Gewebearten des Körpers, ja sogar jede einzelne Zelle als lebendige, kognitive Systeme betrachtet. Die Evolution wird nicht mehr als der Wettkampf ums Überleben aufgefasst, sondern als kooperativer Tanz, in dem Kreativität und das ständige Auftreten von Neuheit die treibenden Kräfte darstellen. Und mit dem neuen Akzent auf Komplexität, Netzwerke und Organisationsmuster entwickelt sich langsam eine neue „Wissenschaft der Qualität“.
Die Autoren vertreten auch – zu Recht, wie ich meine – die Auffassung, dass die im Entstehen begriffene wissenschaftliche Kosmologie in völlige Übereinstimmung mit der spirituellen Dimension der Befreiung gebracht werden kann. Sie erinnern die Leser daran, dass innerhalb ihrer eigenen christlichen Tradition die ursprüngliche Bedeutung von Geist – ruha im Aramäischen, ruach auf Hebräisch – der Atem des Lebens ist. Dies ist auch die ursprüngliche Bedeutung von spiritus, anima, pneuma und anderer antiker Ausdrücke für „Seele“ oder „Geist“. Spirituelle Erfahrung ist demzufolge zuerst und in erster Linie eine Erfahrung des Lebendig-Seins. Ihr zentraler Bewusstseinsinhalt besteht zahlreichen Zeugen zufolge in einem tiefen Empfinden der Einheit mit Allem, einem Empfinden dafür, dem Universum als ganzem anzugehören.
Dieses Gespür für die Einheit mit der natürlichen Welt wird durch die neue Auffassung vom Leben in den modernen Naturwissenschaften völlig bestätigt. Sobald wir begreifen, wie die Wurzeln des Lebens tief in die Grundlagen der Physik und Chemie hineinreichen, wie die sich entfaltende Komplexität lange vor der Entstehung der ersten lebenden Zellen ihren Anfang nahm und wie sich das Leben im Laufe von Milliarden von Jahren entwickelt hat, indem es immer wieder auf dieselben Grundmuster und Prozesse zurückgriff, werden wir gewahr, wie eng wir mit dem gesamten Gewebe des Lebens verbunden sind.
Das Bewusstsein davon, mit der gesamten Natur verbunden zu sein, ist besonders stark innerhalb der Ökologie. Verbundenheit, Beziehung und wechselseitige Abhängigkeit sind Grundbegriffe der Ökologie. Und Verbundenheit, Beziehung und Zugehörigkeit bilden auch das Wesen der spirituellen Erfahrung. So scheint die Ökologie die ideale Brücke zwischen Wissenschaft und Spiritualität zu sein. Und in der Tat plädieren Hathaway und Boff für eine „ökologische Spiritualität“, der es in erster Linie um die Zukunft des Planeten Erde und der Menschheit insgesamt geht.
Sie zeigen auf, dass jede Religion einzigartige ökologische Einsichten und Zugänge aufweist, und sie ermutigen uns dazu, diese Vielfalt von Lehren nicht als eine Bedrohung, sondern vielmehr als eine Stärke zu betrachten. „Jeder von uns muss von Neuem in die jeweils eigene religiöse Tradition hineinschauen“, schlagen die Autoren vor, „und die Einsichten darin aufspüren, die uns zu einer Ehrfurcht vor allem Leben, zu einer Ethik des Teilens und der Fürsorge, zu einer Vision des im Kosmos inkarnierten Heiligen hinführen.“
Das Tao der Befreiung beinhaltet auch viele konkrete Vorschläge für Ziele, Strategien und politisches Handeln für effektive Veränderung, die zu einer gerechten und ökologisch nachhaltigen Gesellschaft führt. Zwei Bezugsrahmen, die detailliert besprochen werden, sind der Bioregionalismus, der auf der Idee beruht, eine tiefe Verbundenheit mit der Natur auf lokaler Ebene wiederzuerlangen, und die Erdcharta, „ein wahrhaft befreiender Traum für die Menschheit“, die als ihr erstes Prinzip die Achtung und Sorge für die Gemeinschaft des Lebens anführt.
Da wir an einem Scheideweg in der Geschichte der Menschheit angelangt sind, werden die Leser in diesem Buch einen Reichtum an Ideen und tiefen Einsichten zu einem grundlegenden Bewusstseinswandel und einer radikalen Veränderung in unserer Welt finden, auf die es jetzt ankommt. Unter all diesen Gedanken ist der wichtigste und tiefste vielleicht der, der im Zentrum der Bemühungen der Autoren steht. Anstatt den Übergang zu einer nachhaltigen Gesellschaft in erster Linie als Begrenzungen und Einschränkungen zu begreifen, plädieren Hathaway und Boff eindringlich für eine neue und überzeugende Auffassung von Nachhaltigkeit als Befreiung.
Berkeley, am Ersten internationalen Tag der Mutter Erde, 22. April 2009
Fritjof Capra
Über das Tao Te King
Wir haben uns dazu entschlossen, das Tao Te King, einen antiken chinesischen Text, der etwa vor 2500 Jahren geschrieben worden ist, als Quelle der Inspiration für dieses Buch zu benutzen. Der Text wird in der Überlieferung Lao Tse zugeschrieben, einem Weisen, der von etwa 551 bis 479 v. Chr. gelebt haben soll. Doch die meisten Gelehrten meinen, dass er in Wirklichkeit eine Sammlung von Sprüchen aus der Überlieferung aus einer Vielzahl von Quellen ist. Der Text wurde vermutlich zwischen dem siebten und zweiten Jahrhundert v. Chr. verfasst.
Jonathan Star zufolge können wir die Bedeutung des Titels Tao Te King folgendermaßen verstehen:
Tao ist die höchste Wirklichkeit, das alles durchdringende Substrat; es ist das ganze Universum und die Art und Weise, wie das Universum wirkt. Te ist die Gestalt und Macht von Tao; es ist die Art und Weise, wie sich das Tao zeigt; es ist das Tao, das sich in einer Form oder Kraft konkretisiert. Tao ist die transzendente Wirklichkeit; Te ist die immanente Wirklichkeit. King meint ein Buch oder ein klassisches Werk. Also meint Tao Te King wörtlich „Das klassische Buch der höchsten Wirklichkeit (Tao) und seiner vollkommenen Erscheinung (Te)“, „Das Buch des Weges und seiner Kraft“, „Das klassische Buch von Tao und seiner (moralischen) Kraft“. (2001, 2)
Nach der Bibel ist das Tao Te King der am stärksten verbreitete Text der Welt. Es gibt unzählige Übersetzungen davon, einige eher wissenschaftliche und am Wortsinn orientierte, andere eher poetische. Das alte Chinesisch ist eine Begriffssprache. Deshalb ruft jedes Wort des Textes tatsächlich eine Menge Bilder ins Bewusstsein, die in vielfacher Weise übersetzt werden können. Deshalb gelingt es keiner Übersetzung, den gesamten Atem oder die Tiefe des Textes ganz zu erfassen. In gewissem Sinne ist jede Übersetzung eines solchen Textes eine Art der Interpretation, und keine liefert und das vollständige Bild dessen, was darin ausgesagt wird.
Da wir keinerlei Art von akademischer Abhandlung über den Text verfassen wollen, haben wir uns dazu entschlossen, auf eine Vielfalt von Übersetzungen zurückzugreifen; die meisten davon sind eher poetischer Natur. Diese fügten wir zu einer Version zusammen, die gut zu dem Kapitel passt, dem ein bestimmter Textabschnitt als Einleitung dient. Hierfür haben wir die Übersetzungen von Mitchell (1988), Muller (1997) sowie Feng und English (1972) benutzt und dabei die hervorragende wörtliche Übersetzung von Jonathan Star in Gemeinschaft mit C. J. Ming als allgemeinen Leitfaden herangezogen. 1
1Aufgrund dieser Vorgehensweise der Autoren hat der Übersetzer die Passagen aus dem Tao Te King aus dem Englischen rückübersetzt, dabei aber von den zahlreichen deutschen Ausgaben herangezogen: Laotse 1978 und Lao-Tse 1995; d. Übers.
Prolog
Es gab etwas, gestaltlos und vollkommen,
chaotisch und vollendet zugleich.
Es war da, noch vor Himmel und Erde.
Still, endlos, leer und einsam,
alles durchdringend, stets in Bewegung,
alles in seinem Dasein haltend, und dennoch nie erschöpft.
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