Der neue globale Kapitalismus führte zu einer wachsenden sozialen Ungleichheit und zu gesellschaftlicher Ausgrenzung, zu einem Niedergang der Demokratie, zu einer noch schnelleren und immer weiter um sich greifenden Verschlechterung der natürlichen Lebensgrundlagen, zu wachsender Armut und Entfremdung. In der ganzen Welt hat er lokale Gemeinschaften bedroht und zerstört, und indem er eine falsch verstandene Biotechnik förderte, hat er sich an der Heiligkeit des Lebens selbst vergriffen: Er hat versucht, Vielfalt in Monokultur zu verwandeln, Ökologie zum Engineering verkommen zu lassen und das Leben selbst zur Ware zu degradieren.
Es ist zunehmend deutlich geworden, dass der globale Kapitalismus in seiner derzeitigen Gestalt weder sozial noch ökologisch, ja nicht einmal in finanzieller Hinsicht nachhaltig ist und von Grund auf umgestaltet werden muss. Das ihm zugrunde liegende Prinzip, dass das Geldmachen den Vorrang vor Menschenrechten, Demokratie, Schutz der Umwelt und jeglichem anderen Wert haben soll, ist ein Programm, das direkt in die Katastrophe mündet. Doch dieses Prinzip kann verändert werden. Es ist kein Naturgesetz. Dieselben elektronischen Netzwerke des Finanz- und Informationsflusses könnten im Sinne von anderen Werten programmiert werden. Der entscheidende Punkt ist nicht die Technik, sondern die Politik. Die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts wird darin bestehen, das der globalen Wirtschaft zugrunde liegende Wertesystem so zu ändern, dass es mit den Erfordernissen der Würde des Menschen und der ökologischen Nachhaltigkeit vereinbar ist.
Der Prozess der Umgestaltung der Globalisierung hat faktisch bereits begonnen. Zur Jahrhundertwende hat sich eine eindrucksvolle weltweite Koalition von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) genau zu diesem Zweck herausgebildet. Diese Koalition, die auch weltweite Bewegung für soziale Gerechtigkeit genannt wird, hat eine Reihe von erfolgreichen Protestveranstaltungen anlässlich der Treffen der WTO (Welthandelsorganisation), der G 7 und der G 8 organisiert und mehrere Weltsozialforen – meistens in Brasilien – veranstaltet. Bei diesen Treffen arbeiteten die NGOs eine ganze Reihe von Vorschlägen für eine alternative Handelspolitik aus, die auch konkrete und radikale Forderungen zur Umstrukturierung der globalen Finanzinstitutionen beinhalteten, welche den Charakter der Globalisierung tiefgreifend verändern würden.
Diese weltweite Bewegung für soziale Gerechtigkeit ist ein Beispiel für eine neue Art von politischer Bewegung, wie sie für unser Informationszeitalter typisch ist. Die professionelle Nutzung des Internets ermöglicht es den NGOs, sich miteinander zu vernetzen, Informationen auszutauschen und ihre Mitglieder in so kurzer Zeit wie nie zuvor zu mobilisieren. Aufgrund dessen wurden die neuen weltweiten NGOs zu effektiven politischen Akteuren, die unabhängig von den herkömmlichen nationalen oder internationalen Institutionen sind. Sie bilden einen neuen Typus der globalen Zivilgesellschaft.
Um den politischen Diskurs innerhalb einer systemischen und ökologischen Perspektive zu verorten, stützt sich die globale Zivilgesellschaft auf ein Netzwerk von Wissenschaftlern, Forschungsinstituten, „think tanks“ und Studienzentren, die weitgehend außerhalb unserer führenden akademischen Institutionen, kommerziellen Organisationen und von der Regierung abhängigen Trägern tätig sind. Heute gibt es Dutzende solcher Forschungs- und Studieneinrichtungen auf der ganzen Welt. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie ihre Arbeit innerhalb eines ausdrücklich formulierten Rahmens gemeinsamer zentraler Werte durchführen.
Die meisten dieser Forschungseinrichtungen bilden Gemeinschaften von Wissenschaftlern und Aktivisten gleichermaßen, die sich in einer Vielzahl unterschiedlicher Projekte und Kampagnen engagieren. Dabei scheinen sich die größten und aktivsten Koalitionen an der Basis auf drei Themenbereiche zu konzentrieren. Der eine betrifft die Umgestaltung der herrschenden Spielregeln und Institutionen der Globalisierung; einen weiteren bildet der Widerstand gegen genetisch manipulierte Nahrungsmittel und die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft; und der dritte ist das ökologische Design, das heißt ein konzertiertes Bemühen darum, unsere Infrastruktur, die Städte, die Technologien und Industrien so umzugestalten, dass sie ökologisch nachhaltig werden.
Im weitesten Sinne meint Design die Gestaltung von Energie- und Materialströmen für die Zwecke des Menschen. Ökologisches Design ist ein Prozess, im Verlauf dessen unsere menschlichen Zwecksetzungen sorgfältig mit den umfassenderen Mustern und Strömen der Natur verknüpft werden. Die Prinzipien des ökologischen Design bilden die Organisationsprinzipien ab, welche die Natur entwickelt hat, um das Gewebe des Lebens dauerhaft zu erhalten: ein steter Kreislaufstrom der Materie, die Nutzung von Sonnenenergie, eine Abkehr vom Bestreben herauszufinden, was wir der Natur entnehmen können, und eine Hinwendung zu dem, was wir von ihr lernen können.
In den letzten Jahren nahmen die Praktiken und Projekte eines ökologisch orientierten Designs einen enormen Aufschwung; sie alle sind inzwischen gut dokumentiert. Dazu zählen eine weltweite Renaissance ökologischer Landwirtschaft; die Neuorganisation verschiedener Industriezweige zu Einheiten, innerhalb derer der Abfall des einen die Ressource des anderen bildet; die Abkehr von einer am Produkt orientierten Wirtschaft hin zu einer an Dienstleistungen und Stoffströmen orientierten Wirtschaft, in welcher die industriellen Rohmaterialien und technischen Komponenten beständig zwischen Herstellern und Verbrauchern zirkulieren; Gebäude, die so gestaltet sind, dass sie mehr Energie erzeugen als verbrauchen (Passivenergiehäuser), keinen Abfall produzieren und ihren Betrieb aus eigenen Ressourcen aufrechterhalten; Autos mit Hybridantrieb, die gegenüber herkömmlichen Autos eine um ein Vielfaches effizientere Nutzung des Treibstoffs aufweisen, etc.
Diese Techniken und Projekte des Ökodesign setzen allesamt die Grundprinzipien der Ökologie um und weisen deshalb einige wesentliche Gemeinsamkeiten auf. Es sind tendenziell Projekte kleinen Zuschnitts, die eine reichhaltige Vielfalt aufweisen, die Energie effizient nutzen, keine Verschmutzung verursachen, am Gemeinwesen orientiert und arbeitsintensiv sind und damit eine Menge Arbeitsplätze schaffen. Die heute verfügbaren Techniken liefern den schlagenden Beweis dafür, dass der Übergang zu einer nachhaltigen Zukunft kein technisches oder konzeptionelles Problem mehr darstellt. Er ist lediglich eine Frage von Werten und des politischen Willens.
Es hat den Anschein, als hätte dieser politische Wille in den letzten Jahren bedeutend zugenommen. Ein bemerkenswertes Anzeichen dafür ist Al Gores Film Eine unbequeme Wahrheit, der für die Förderung des ökologischen Bewusstseins eine wichtige Rolle gespielt hat. Im Jahr 2006 hat Al Gore persönlich zwölfhundert Freiwillige darin geschult, seine berühmte Dia-Show vorzuführen und die Botschaft weltweit zu verbreiten. Bis 2008 hatten sie fast zweitausend Präsentationen durchgeführt und damit ein Gesamtpublikum von zwei Millionen Menschen erreicht. In der Zwischenzeit hatte das Klima-Projekt, Gores Organisation, über tausend in gleicher Weise engagierte Personen in Australien, Kanada, Indien, Spanien und Großbritannien geschult. Sie verfügen nun über 2600 Referenten und haben weltweit ein Publikum von mehr als vier Millionen Menschen erreicht.
Eine weitere wichtige Entwicklung stellt das Erscheinen des Buches Plan B 3.0. So retten wir die Welt von Lester Brown, dem Gründer des Worldwatch Institute und einem der einflussreichsten ökologischen Vordenker dar. Der erste Teil von Browns Buch ist eine detaillierte Darstellung der grundlegenden wechselseitigen Verflochtenheit unserer hauptsächlichen Probleme. In einer Klarheit, die nichts zu wünschen übrig lässt, zeigt er auf, wie der Teufelskreis von Bevölkerungsdruck und Armut zur Erschöpfung der Ressourcen führt ‒ zu sinkenden Grundwasserspiegeln, versiegenden Quellen, schrumpfenden Wäldern, schwindenden Fischbeständen, Bodenerosion, Ausbreitung von Wüsten usw. – und wie diese Erschöpfung von Ressourcen, die durch den Klimawandel noch verschärft wird, gescheiterte Staaten hervorbringt, deren Regierungen ihren Bürgern keine Sicherheit mehr gewährleisten können. Von diesen werden einige aus purer Verzweiflung Terroristen.
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