Ich hatte Nachtdienst. Gegen vier Uhr morgens war nichts mehr los auf der Station, ich ging zu Herrn Böttcher und legte mich in das Bett neben ihm. Ich hoffte, der blöde Pieper würde den Schnabel halten bis zum Morgen.
Ich wachte kurz vor sechs wieder auf. Der Schichtwechsel nahte, ich musste ins Schwesternzimmer. Ich sah kurz zu Herrn Böttger rüber. Der lag mit wachen Augen da und lächelte mir entspannt zu. Mir schnürte sich die Kehle zu. Hatte ich nicht mal so was gehört, dass Sterbende noch einmal, kurz bevor es dann wirklich vorbei ist, einen klaren Moment haben? Verdammt, dachte ich, bloß das jetzt nicht. Halt durch! Deine Frau ist in einer halben Stunde wieder hier! Bloß jetzt nicht ...
»Was guckst du denn so erschrocken? Hast du gedacht, ich wär‘ schon tot?«, fragte Herr Böttger lächelnd.
»Äh, nein, es ist nur ... Ihre Frau kommt gleich zurück, die müsste jeden Moment hier sein.« Ich rang mit mir, ob ich jetzt einfach wild auf ihn einreden sollte, sozusagen um ihn am Einschlafen zu hindern, es konnten nur noch Minuten sein, bis sie zurückkäme, andererseits schien es mir auch unpassend, ihn am Ende nicht mehr zu Wort kommen lassen, zu jenen womöglich letzten Worten. Wer weiß, vielleicht hatte er ja noch etwas Wichtiges zu sagen, oder etwas Schönes, und wäre aber zu schwach, sich gegen meinen aufgeregten Wortschwall durchzusetzen, vielleicht hatte er sich etwas wirklich Großes zurechtgelegt, und ich plapperte ihn mit den Saufgelagen in der Zivi-Küche voll – war das wirklich das, war er als Letztes hören wollte? Ich hielt den Mund.
Er sah mich an und wirkte sehr entspannt dabei: »Meine Frau ist nicht da?«
Mein Mund, mein Rachen waren schlagartig ausgetrocknet, mühsam brachte ich ein leises »Nein, aber sie kommt wirklich gleich wieder« heraus, verdammt, wo blieb sie denn, sie war doch sonst immer pünktlich, um halb sieben, hatte sie gesagt, um halb sieben ist sie zurück. Er lächelte.
»Und ich hatte schon befürchet, die bleibt die ganze Zeit hier sitzen, die kann wirklich zäh sein«, sagte er kichernd. Dann griff er plötzlich nach meiner Hand, drückte sie fest – und das war es dann. Irgendwie sieht man sofort, wenn jemand tot ist. Einen kurzen Moment spürte ich Panik in mir aufsteigen und wollte den Alarmknopf drücken – aber wozu? Und schließlich musste seine Frau jeden Moment wieder reinkommen. Ich betrachtete noch einmal seinen zufriedenen, fast glücklichen Gesichtsausdruck. Seine Hand ruhe fest in meiner. Ich entschied mich, gar nichts zu machen. Fünf Minuten später kam seine Frau herein. Noch ehe sie etwas sagen konnte, flüsterte ich ihr zu: »Ich glaube, es ist so weit«, sie stürzte heran, ich ließ los und ging.
Als ich gerade nach Hause gehen wollte, kam sie zu uns ins Schwesternzimmer. »Ich habe Brötchen für Sie alle mitgebracht«, flüsterte sie zu den Schwestern und stellte uns die Papiertüte auf den Tisch. Dann wandte sie sich mir zu: »Ist denn noch irgendwas gewesen? Hat er noch irgendwas gesagt?«
Ich sah sie kurz an. »Nein«, antwortete ich, »es ist nichts gewesen. Er hat nichts mehr gesagt.«
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