»Na los, frag sie. Mach schon, jetzt, das ist das richtige Lied.« Gut, also, was soll’s. Schwofen wir halt. Die Flying Pickets. O Gott, das ist ja noch furchtbarer. Da-da-da-da, da-da-da-da – jetzt oder nie, also hin zu ihr – Da-da-da-da, da-da-da-da – »wollen wir zusammen tanzen?« Da war es raus. Guck mal, ist ja gar nichts bei passiert. Vorher war ich mir nicht sicher gewesen, ob in dem Moment die Musik aus- und das Licht angehen und irgendwer laut rufen würde: »Ha! Heiko hat Jana gefragt, ob sie zusammen tanzen wollen. Zu den Flying Pickets. Ha-ha!« Aber nichts: Die Musik ging einfach weiter, die anderen torkelten eng umschlungen über die Tanzfläche, und Jana lächelte mich freundlich an und sagte: »Klar, gerne.« Ich war verblüfft. Das war ja einfach.
Und dann schwoften wir also. Am Anfang war ich noch sehr unsicher. Ich hatte keine Ahnung, was ich eigentlich machen sollte, ich hatte kein Gefühl für Takt und keines für Bewegungen. Aber Tobias hatte Recht. Es ging irgendwie. Sie führte mich. Und wir bewegten uns tatsächlich. Irgendwie. Wir hatten sogar Körperkontakt! Ich war völlig benommen, aber ganz klar: Wir berührten uns. Einfach so! Da-da-da-da, da-da-da-da. Zunehmend fühlte ich mich sicherer, na also, das ging doch ganz gut, vielleicht war ich ja sogar ein begabter Tänzer, ein Naturtalent, wer weiß das schon, ich hatte es ja noch nie probiert. Ich wurde mutiger und traute mich sogar noch näher an sie heran. Natürlich nicht zu nah, das war ja klar. Und dabei einfach versuchen, irgendwie mitzuhalten, dabei möglichst gefühlig in ihren Armen die Richtung zu erahnen, in die es mit den nächsten Takten gehen sollte. Da-da-da-da, da-da-da-da. Am Ende des Liedes lächelte ich ihr schüchtern zu und flüchtete rasch zurück in meine Ecke. Wir wollen’s ja nicht gleich übertreiben. Tobias saß da und erwartete mich. »Und?«, fragte ich ihn stolz. Ich war sehr zufrieden mit meiner Premiere.
»Na ja«, antwortete er etwas zögerlich, »fürs erste Mal vielleicht ganz okay ...« Oha. Das klang aber nicht nach überschäumender Begeisterung. Hatte ich mein Naturtalent doch etwas überschätzt?
»Äh, wieso fürs erste Mal?«, fragte ich.
»Na ja«, antwortete Tobias, »es ist ... also ... zum einen: Es ist schon richtig, dass sie dich führt, aber es wäre trotzdem besser, wenn du dich zusätzlich auch noch selbstständig bewegen würdest.« Ich war irritiert. Was meinte er bloß? »Also: Der Sinn beim Schwofen ist eher nicht, dass sie dich durch den Raum trägt, verstehste? Und außerdem«, fügte er an, »wäre es auch besser, wenn du dabei nicht steif wie ein Brett bliebest, du kannst theoretisch sogar auch deinen Oberkörper bewegen, verstehste?« Ich nickte sicherheitshalber vorsichtig. »Na ja, und schließlich ...«, Tobias zögerte, , »also: Vom Schwofen kann man nicht schwanger werden.« Ich schaute ihn verständnislos an. »Hä?« »Na ja, es ist irgendwie uncool, wenn du deinen Hintern so weit nach hinten rausstreckst, dass da noch bequem jemand zwischen passen würde, verstehste? Es ist schon so gedacht, dass sich auch die Hosen mal berühren dürfen, da passiert nichts. Das ist, äh, irgendwie sogar der Sinn beim Engtanz. Bei dir sah’s aber eher so aus, als hättest du lange Nadeln vorne an der Hose und würdest sie für einen Luftballon halten, den du nicht zum Platzen bringen wolltest, verstehste?«
Vorsichtig schaute ich zu Jana rüber, die mit einigen Freundinnen zusammenstand. Gemeinsam gackerten und kicherten sie ausgelassen über irgendwas. Beziehungsweise wohl eher: über irgendwen. Oh, verdammt.
»Na, ist nicht so schlimm, fürs erste Mal, wie gesagt, schon ganz okay«, versuchte Tobias mich zu beruhigen.
Ich aber holte mir ein neues Bier und blieb den Rest des Abends unbeweglich in meiner Ecke. Und hielt es bei den nächsten Feten auch so, es galt, diese Schmach vergessen zu machen. Immerhin: Es gelang mir in den folgenden Monaten, meinen Ruf als zynischer Intellektueller deutlich zu festigen. Von Jana hielt ich aber lieber einen ordentlichen Sicherheitsabstand.
Da-da-da-da, da-da-da-da.
»Boah, das ist ja echt nicht zum Aushalten!«, schimpfte Ahne.
»Mann, da hängen doch so viele Erinnerungen dran. An die Jugend! Wie schön das damals alles war! Bei Musik geht’s doch immer zuerst um Gefühle!«, redete ich auf ihn ein.
Ahne sah mich misstrauisch an. Er glaubte mir nicht.
Aber die hatten ja sicher auch gar keine Musik damals, die da drüben im Osten.
Interrail machen
Wir konnten es kaum abwarten bis zu den Sommerferien. Ralf und ich waren gerade sechzehn geworden, und das bedeutete: Wir waren alt genug, Interrail zu machen.
Interrail machte man. »Machst du Interrail in den Sommerferien?« – »Natürlich mache ich wieder Interrail, ich habe ja letztes Jahr auch schon Interrail gemacht.« Interrail machen – das war die Chiffre für Abenteuerurlaub, Freiheit, Erwachsensein. Autofahren durften wir noch nicht, Fliegen war generell viel zu teuer, Bahnfahren eigentlich auch, aber Interrail, das ging. Ein Bahnticket, das es einem erlaubte, vier Wochen lang sämtliche Züge in fast ganz (West-)Europa kostenlos zu benutzen, ohne jegliche Einschränkung. Und das zu einem erstaunlich günstigen Preis. Interrail war für fast jeden finanzierbar. Wer sehr wenig Geld hatte, lebte halt ganz in den Zügen. Und galt damit zudem als ausgesprochen cool. Wir hatten mit leuchtenden Augen die Geschichten gehört davon, wie sie einfach abends zum Bahnhof gegangen und in den nächsten Nachtzug gestiegen sind, ganz egal, wo der hinfuhr, Hauptsache: Er fuhr durch bis zum nächsten Morgen. Wir hörten von Travellern, die in den Gepäckablagen in den Abteilen schliefen, wir hörten von Geschlechtsverkehr auf Zugtoiletten und davon, wie in Großraumwaggons Freundschaften in alle Teile Europas geschlossen wurden.
Unsere Eltern waren weniger angetan. Sie mochten es generell nicht, dass wir herumreisen wollten, sie hätten es lieber gesehen, wir wären einfach wieder auf einen Zeltplatz in Holland gefahren, so wie letztes Jahr. Herumreisen, das war ihnen suspekt. Trampen war uns kategorisch verboten, man sah ja bei Aktenzeichen XY ungelöst allmonatlich, was dabei herauskommt. Der Bahn, die damals ja noch Bundesbahn hieß und auch ein wenig die Aura einer rollenden Behörde hatte, war da ein gerade noch akzeptabler Kompromiss. Dabei, und das war für uns das Verlockendste, galt Interrail sogar in Marokko. Das war unser Plan. In Münster in den Zug steigen, und dann direkt durch Frankreich und Spanien bis nach Marokko. Wir waren zwar außer in Holland noch nie zuvor in Europa unterwegs gewesen, so gesehen wäre alles neu gewesen, aber Marokko, das klang halt doch noch mal ganz anders, das war Afrika! Exotisch, eine fremde Welt, da gab es eine richtige Wüste und wirkliche wilde Tiere, Dromedare etwa oder Dornschwanzagamen, und eine andere Kultur, Basare und Beduinen. Da wollten wir hin.
»Auf keinen Fall!« Da waren unsere Eltern sich ungewohnt einig. Marokko, das war Afrika. Dritte Welt. Elend. Kriminalität. Bürgerkrieg. Die würden einen nur ausrauben und schließlich gegen Maultiere in irgendein Arbeitslager verkaufen. »Aber Papa, warum sollten die uns in ein Arbeitslager verkaufen, wir können doch gar nichts, das sagst du doch selbst immer.«
»Außerdem hassen die uns, wegen dem Krieg. Wegen dem Rommel, dem Wüstenfuchs. Das ist nämlich einer der Guten gewesen, der konnte richtig Krieg führen, der verstand was davon!«
»Aber Papa, wir haben den Krieg doch verloren.«
»Ja, aber in Nordafrika hätten wir ihn gewinnen können. Weil der Rommel so gut war, und deshalb hassen die uns. Und außerdem: Da ist es sehr schmutzig. Da wird man krank vom Essen.« Es hatte keinen Zweck.
»Dann fahren wir halt nach Spanien.« »Auf keinen Fall!« Da waren unsere Eltern sich ungewohnt einig. Die Argumentation verlief ungefähr analog, ebenso bei Italien und Griechenland. Insgesamt, das war klar, war der kriminelle und unhygienische Süden einfach zu gefährlich für uns.
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