Die letzten Jahre in Woodys Leben waren traurig, mehr als traurig. Vor allem belastete ihn die Vorstellung, er könne seinen Kindern die tückische Krankheit vererbt haben. Die Chancen dafür standen nach Auskunft der Ärzte fünfzig zu fünfzig.
Er schrieb nichts mehr.
Aber plötzlich entstand dann ein Mythos um ihn.
Es hieß:
Woody Guthry war der Sohn eines reichen Ranchers und ist von daheim davongelaufen.
Woody fährt mit einem Schiff nach Alaska.
Er hat einen Mann getötet.
Er ist an Syphilis gestorben.
Er trampt immer noch irgendwo auf Güterzügen.
Um diese Zeit wurden Woodys Lieder durch ein neues Interesse an Folksongs wieder weit verbreitet und beliebt, Reminiszenzen aus romantischer Zeit, von der kaum einer wusste, wie hart das Leben, das junge Leute jetzt als frei und ungebunden bewunderten, damals in Wirklichkeit gewesen war.
Woodys Songs waren plötzlich „in“, spielten relativ hohe Tantiemen ein.
Sie beliefen sich jährlich auf um die 50.000 Dollar.
Die Krankheit, unter der Woody litt, war inzwischen genauer erforscht worden, Studien über die Erblinien hatten ergeben, dass in Familien, bei denen sie auftrat, angeblich eine Tendenz zu Kinderreichtum, Sexualdelikten, Depressionen und Selbstmord bestand.
Dann, als sich seine Krankheit dramatisch verschlechterte und er das Krankenhaus nicht mehr verlassen konnte, entdeckte ihn und seine Lieder als Vorbild ein junger Sänger aus dem amerikanischen Mittelwesten, der später unter dem Namen Bob Dylan weltberühmt wurde.
Einer seiner frühesten Songs, den er zu einer Melodie aus dem Jahr 1913 sang, trägt den Titel „Song to Woody“:
Hey, Woody Guthrie, but I know that you know
All the things that I’m a-sayin’ an’ many times more.
I’m a-sing’ you the song, but I a-can’t sing enough
’Cause there’s not many men that does the things
That you’ve done
Eines der letzten Ereignisse, die Woody vor seinem Sterben freudig wahrnahm, war eine Aufnahme seines Sohnes. Arlo Guthrie hatte einen langen talkin blues geschrieben, der erzählt, wie er wegen Umweltverschmutzung in Stockbridge, Massachusetts verhaftet worden war und später dieses Vergehen dazu benutzt hatte, sich als Vorbestrafter der Einberufung zum Militär und damit der Teilnahme am Krieg in Vietnam zu entziehen.
Dieser Sprechgesang, der Arlo mit neunzehn einen größeren finanziellen Erfolg brachte, als Woody ihn während seines ganzen Lebens gesehen hatte, wurde zusammengehalten von einem einprägsamen Chorus, einem kleinen Lied, das der Folksänger zur Radiowerbung für das Restaurant eines Freundes verfasst hatte:
You can get anything you want at Alice’s Restaurant
Walk right in, it’s around the back.
Just half a mile from the railroad track.
You can get anything you want at Alice’s Restaurant.
Jener Text aber, der Woodys Leben auf den Punkt bringt, ist weitgehend unbekannt geblieben. Man könnte ihn den Blues seines Lebens nennen:
„Das Wort, das ich sagen will,
ist leicht zu sagen.
Das Wort, das ich wirklich sagen will,
ist schwer zu finden.
Das Merkwürdige an diesem Wort ist,
dass es nicht ein bestimmtes Wort darstellt,
sondern anklingt an den Ton eines jeden Wortes.
Es ist das Wort, das in all den anderen Worten enthalten ist,
das Wort, das unseren Worten Ausprägung und Gestalt gibt
und einen klaren Sinn.
Es ist das freie Wort,
das kein Gefängnis einsperren kann,
keine Zelle wegschließen,
keine Kette fortschleifen,
kein Seil für das Lynchen erwürgen,
keine Waffe verletzen kann.
Ich behaupte, dieses Wort ist das eine Wort,
das Demokratie definiert,
sie lebendig erhält,
jene Demokratie, die mich am Leben erhält,
und ich halte dieses eine Wort am Leben,
weil es all jene Menschen am Leben erhält,
die da leben, arbeiten, lieben,
denen es darum geht,
mehr zu wissen und mehr zu empfinden.
Das ist das Wort,
das ich auffinden und aussprechen möchte.“ 2
Am 3. Oktober 1967 starb Woody Guthrie.
Am Abend vor seinem Ableben hatte ihn seine zweite Frau Marjorie im Krankenhaus besucht und einen Priester dazugebeten, um, obwohl Woody nicht katholisch war, den 23. Psalm für ihn zu lesen:
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …“
Die Leiche wurde eingeäschert.
Als Marjorie die Urne mit der Asche zugestellt bekam, soll sie zu ihrem Sohn Arlo gesagt haben:
„Was, meinst du, hätte Woody bei einer solchen Gelegenheit nun wohl vorgeschlagen zu tun?“
„Ich schätze, er hätte gesagt: ‚Auf, gehen wir zu Nathan’s und bestellen wir uns einen hot dog!‘ “
Die Ballade von Muddy Waters
Eine Hütte im Mississippi-Delta. Sie stand lange an der Kreisstraße am Rand der Stovall-Farmen. Sie war von der Art, wie die Hütten in der Zeit des Bürgerkriegs, die sich Trapper errichteten.
Ein Tornado riss das Dach weg, schließlich blieb nur noch ein mit Zypressenplanken verschaltes Skelett übrig.
Dann kam ein Nachtklub und verwandelte die Hütte in ein Museum und schickte sie auf Reisen.
Mit der Seeräuberjenny ist man geneigt zu fragen: „Wer wohnt Besonderes darin?“
Der Mann hieß Muddy Waters.
… von seiner Kindheit erzählen, denn in ihr liegt das Geheimnis des Blues-Tones dieses Musikers.
Stellt ihn euch als Heranwachsenden und noch als jungen Mann barfuß vor. Versetzt euch in diese Landschaft im Delta des Mississippi, träges Wasser, Sümpfe. Weite Baumwollfelder. Eine Gegend, in der lange die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.
Seht euch sein Gesicht genauer an, das des erwachsenen Mannes, ein Lächeln zwischen Melancholie und Schüchternheit, seine Haut hat ein tiefes Schwarz, hohe Backenknochen, schwere Augenlider.
Charme und Verletzlichkeit. Breite Lippen, etwas Asiatisches spielt in diesem Gesicht.
Bekannte von ihm sagten: „Was Frauen und Whiskey angeht, sollte man seinen klaren Kopf behalten. Muddy war nicht so schlimm, was den Whiskey betraf. Aber Frauen, die waren sein Untergang.“
Tatsächlich ist allein die Zahl seiner Ehefrauen unübersichtlich, erst recht die seiner Kinder.
Gestorben ist er an Lungenkrebs und zu hohem Blutdruck - 1983.
Aber ehe ein Mensch stirbt, wird er geboren, nämlich 1915. Unter dem Namen McKinley Morganfield. Nordwestlich von Rolling Fort im County Issaquena, in einer der Hütten unweit des Mississippi-Uferdamms.
Am Samstag feierten die Schwarzen. An einer Wegkreuzung, dann wurde Fisch gebraten und Musik gemacht.
Der Vater Ollie Morganfield war ein herumziehender Musiker, groß, dunkelhaarig, freundlich, verheiratet, ein Kind, lebte von seiner Frau getrennt.
Muddys Mutter hieß Berta, Alberta oder Roberta, ihr genaues Geburtsjahr ist nicht bekannt. Sie muss zwischen vierzehn oder sechzehn Jahre alt gewesen sein, als sie das Kind zur Welt brachte.
Solche Unsicherheit bei Namen und Alter sind typisch für die schwarze Bevölkerung in dieser Gegend. Ein Melderegister gab es nicht, Bertas Mutter Dela, also des Babys Großmutter, war erst zweiunddreißig, als ihr Enkel das Licht der Welt erblickte.
Es gab in der Gegend einen Spruch, der lautete: „Junge Mädchen kriegen kräftige Babys!“
Berta starb kurz nach der Geburt des Jungen, Todesursache unbekannt. Die Großmutter zog des Kind auf und hatte Mühe, als der Junge heranwuchs, ihm einzuschärfen, am Wasser vorsichtig zu sein.
Der Fluss oder genauer seine vielen Wasserläufe, die das Delta bilden, konnten plötzlich über die Ufer treten und rissen dann Tiere und Menschen mit sich.
Im frühen 19. Jahrhundert war die Gegend noch mit Wäldern bedeckt gewesen, die Bäume wurden gerodet, die Überschwemmungen machten den Boden fruchtbar.
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