Er kam in die Erdölstadt Pampa, bekam einen Job in einem Geschäft. Er besaß eine alte, geborstene Gitarre. Jeff, der Halbbruder des Vaters, lehrte den Jungen die Akkorde. Und es dauerte nicht lange, da spielten die beiden in der Stadt, auf Veranstaltungen der Handelskammer, bei Rodeos, auf Messen. Sie spielten, wo immer sich eine Chance für sie bot, und indem sie spielten, lernten sie ihre Instrumente beherrschen.
In diesen Tagen begann auch Woody zu singen.
Jeff und seine Frau Allene kauften sich feinere Kleider und traten als Zauberschau auf. Das ging so mehrere Jahre. Umherziehen, Samstag/Sonntag in Schulhäusern auftreten, immer unterwegs, bis irgendwann der Schlamm in den Ebenen an den Rädern kleben blieb oder sie mit leerem Tank und dünnen Brieftaschen in einen der Staubstürme gerieten, die durch die Ölfelder, die Weizenfelder und die Rinderweiden rasten und die Familien, die dort wohnten, um ihre gesamte Habe brachten und die Vagabundierenden zwang, die alte kurvenreiche Straße nach Westen einzuschlagen.
Woody heiratete ein irisches Mädchen, Mary Jennings, und die beiden lebten in einem elenden Schuppen in einer der Erdölstädte, bis sie kaum noch Kleider, kein Geld, keine Nahrungsmittel, aber zwei Kinder besaßen, zwei Mädchen, Sue und Teeny.
Woody brach bald wieder zu einem Erkundungstramp auf. Er hatte eine Handvoll Pinsel und eine Gitarre dabei. Er strich am Tage Fensterrahmen, malte Poster, Show-Plakate, Straßenschilder und abends machte er Musik. Ein paar Mal fuhr er die Westküste rauf und runter. In Glendale traf er die Crissman Familie. Das Ehepaar hatte zwei Töchter. Mary Ruth und Lefty Lou. Letztere war ein hochgewachsenes, schmalgesichtiges Missouri-Farm-Girl mit einer rauen Stimme, zu der Woody seine Gitarre anschlug.
Ihre Lieder gingen über den Sender KFVD in den Äther.
Die Station gehörte einem Wahlkampfmanager, und sie waren so erfolgreich, dass es Fanpost zu Tausenden schneite und man sie auch nach Mexiko einlud.
Woody wollte nach New York.
Es ging über Gebirge und durch Wüsten.
Bei seinem Bruder Roy borgte er sich 35 Dollar für Benzingeld.
In New York sang er auf Kundgebungen der Gewerkschaft IWO und schrieb Artikel für eine kommunistische Parteizeitung.
Er traf Alan Lomax, einen Mann, der amerikanische Volkslieder und Blues sammelte, der ihn mit nach Washington nahm und viele Stunden Volksmusik für die Sammlung der Library of Congress mit Woody aufnahm.
Woody spielte Schallplatten unter dem Titel „The Dust Bowl Ballads“ ein.
Er schickte Mary und die Kinder nach Oklahoma, trat in Radio-Sendungen in New York auf, konnte sich einen Pontiac kaufen.
Er kreuzte wieder hinüber nach Kalifornien und sang vor den Männern, die am Columbia River im Arbeitsbeschaffungsprogramm der Roosevelt-Regierung den Bonnevillle und den Grand Coulee-Staudamm bauten.
Und so weiter und so weiter … Quecksilber in den Füßen und in den Fingern.
Kaum einer der großen Folksänger, mit dem er nicht auftrat:
Pete Seeger, Cisco Houston oder das Bluesgenie Blind Sonny Terry, der auf seiner Mundharmonika wie ein Wildtaube gurren konnte! Er traf den Bluessänger Huddie Leadbetter aus Louisiana in New York und von ihm erzählt er:
„Nach dem Frühstück setzte sich Leadbelly in der Wohnung, in der seine Frau Marta und er in der Tenth Street East lebten, ans Fenster und stimmte seine zwölfsaitige Stella, ließ die Finger auf und nieder über den Hals gleiten, etwa so wie ein Museumsaufseher verzückt seine Finger über den Rahmen des besten Bildes gleiten lässt, und wenn man ihn dann um ein Stück bat, damit man warm würde für die Jagd nach einem Job oder nach Kohle, legte er los. Was er dann spielte, gefiel mir besser als alles, was er sonst auf der Bühne oder in Studios brachte …
Er hatte ein langsame, leichte und tiefe Art an sich und ließ mich spüren, was für eine Stärke in den kleinen Bällen seiner Fingerkuppen saß, und seine Einfälle glichen der Farbe der Lichter, die vom Himmel in sein Gesicht fielen.
Ich ging mit Leadbelly überall dorthin, wo er auftrat, in die Schulen, die Kirche, das Theater, das Radio-Studio, in die Cocktail-Clubs und zu einer Outdoor Rally, und wir redeten, argumentierten und theoretisierten über die Zustände, die unser Leben und die Welt um uns vergifteten.
Was die Leute an ihm schätzten, war seine kämpferische Kraft. Dieselbe Kraft von Männern, die aus einem Kriegsgefangenenlager herauswollen, und die sie singen, weinen und tanzen macht, wenn sie sich aus einem Todeslager befreit sehen.
Leadbelly hatte jede Unze dieser Kraft, um sich am Leben zu halten, auf der Straße gefunden, die er gekommen war. Die Straße, auf der er gekommen war, war rau und wild, sie war schmutzig, hatte viele Schlaglöcher, und man kam auf den Hund, verkam, wurde nackt und hungrig.
Es war ein Straße mit verwahrlosten alten Schuppen so alt, vielleicht sogar älter als der seines Daddys und des Daddys seines Daddys. Voranzukommen war schwer, und man schritt gegen starken Wind aus. Er rauchte nicht, spielte nicht Poker oder Würfeln. Er vertat seine Zeit nicht mit derlei. Der Künstler in ihm war ein hungriges Wesen, hungrig darauf, sich selbst in den besten Kleidern zu sehen, in der besten Straße, im besten Zimmer, im besten Wagen der besten Welt. Er wusste, er konnte seinen Leuten, den Schwarzen, überall helfen weiterzukämpfen und ihren Mut zu bewahren, wenn er auftrat. Das war das Gefühl, das er in seiner Seele vorfand, und das Gefühl, das ihn bei der Berührung seiner ersten Gitarre überkommen hatte. Das war die Vision, die er hatte. Das war seine Art. Das Empfinden, das aus der Musikbox in seinen Hände sprang, ein Gefühl sage ich, das dem Heimatlosen Mut macht, seinen Geist sich ausdehnen ließ und ihn sagen hieß: „Das ist meine Art.“ 1
Während des Krieges auf Schiffen der Handelsmarine, wurde Woody zweimal torpediert, kam in die USA zurück, ließ sich von seiner ersten Frau scheiden und heiratete eine Tanzlehrerin, Marjorie Mazia.
… bis 1953 eine seltene, unheilbare Krankheit - Huntingtons Chorea - ihn zu lähmen begann.
Anfang der fünfziger Jahre – das waren schlimme Zeiten für die Folksänger und Musiker in den USA.
Es war die Zeit der Hexenjagden des Senators McCarthy auf Kommunisten und solche, die auch nur im Entferntesten in Verdacht standen, mit den „Roten“ zu sympathisieren.
Der große schwarze Sänger Earl Robinson fand keine Engagements mehr und fristete sein Leben als Musiklehrer in einer Privatschule.
Sonny Terry und Brownie McGee zogen sich in die relative Sicherheit und Obskurität Harlems zurück.
Burl Ives, Sänger und Volksliedsammler, kooperierte mit dem Untersuchungsausschuss für Unamerikanische Aktivitäten des Kommunistenjägers McCarthy und belastete seine alten Gefährten.
Frech schrieb Irwing Silver, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, in der Zeitschrift „Sing Out“:
„Man kann auf Burl Ives Zukunft gespannt sein, man hat noch nie jemanden singen gehört, der vorher auf dem Bauch gekrochen ist.“
Woody war aus dem Krankenhaus entlassen worden.
Zurück lagen Zustände von Benommenheit und aggressive Ausbrüche, wegen derer die Ärzte seiner zweiten Frau Majorie in Hinblick auf die Kinder zur Scheidung geraten hatten.
Die Krankheit verschlimmerte sich über jene acht Jahre hin, die ihm noch blieben. Als Ursache diagnostizierten die Ärzte seine jahrelangen Alkoholexzesse, eine Erbanlage von Seiten der Mutter. Seinen Ärzten misstraute Woody. Tatsächlich konnten sie ihm ja auch kaum helfen. Eines der Lieder aus dieser Zeit hat den Text:
Christus, du bist noch mein bester Doktor,
Jesus, du bist doch mein bester Doktor,
Christus, du bist mein bester Doktor,
Du heilst all meine Schmerzen.
Auch seine zweite Ehe scheiterte. Anneke, seine dritte Frau, lief davon, ließ sich schließlich in Mexiko von ihm scheiden. Ihre gemeinsame Tochter Lorina gab sie zur Adoption frei.
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