„Das habt Ihr gesagt“, meinte Ford Fordsen frech, „aber die Dinge ändern sich nun mal mit der Zeit.“
„Ich verstehe, aber ich verstehe nicht, zu was dieser verdammte Kasten da gut sein soll.“
„Das seht Ihr doch. Das ist eine neue Erfindung, eine Maschine. Sie schleppt ohne Menschenkraft die Baumstämme von der Stelle, an der sie gefällt werden, bis hierher, zu unserer Werkbahn, die sie abtransportiert. Schwere Arbeit, die bisher eine Gang von zwanzig Männern machen musste.“
„Hmm“, knurrte Paul Bunyan, „und wer hat Blue Babe abgeschlachtet?“
„Ich“, sagte Ford Fordsen. „Ihr müsst wissen, Blue Babe war krankhaft eifersüchtig auf die Maschine. Er hat sie angegriffen. Er hat zwei davon ruiniert. Habt Ihr eine Vorstellung davon, was so eine Maschine kostet? Ehe er sich an der dritten vergreifen konnte, hab ich ihn hingemacht.“
„Du hast meine Seele getötet!“, brüllte Paul.
„Ich kenne Arme, Beine, Augen, Magen und Lungen, … aber ich hab noch nie etwas von einer Seele gehört“, erwiderte Ford Fordsen.
„Wo sind meine Männer? Ich will zu Ihnen sprechen“, stieß Paul Bunyan hervor.
Ford Fordsen hob die Schultern.
„Ich habe nichts dagegen, wenn Ihr wieder einmal eine Eurer großen Reden loslassen wollt. Statt vor ihnen Reden zu halten, habe ich ihnen den Zehn-Stunden-Tag gegeben und ihnen mit dieser Maschine ein leichteres Leben beschert.“
„ … bis es eines Tages für sie gar keine Arbeit mehr geben wird, weil alles die Maschinen tun“, sagte Bunyan nachdenklich.
Paul dachte nicht daran, mit Ford Fordsen über die Errungenschaft des Zehn-Stunden-Tages zu streiten. Er ärgerte sich nur, dass er diesen Menschen je eingestellt hatte. Er machte sich auf, um ins Irgendwann-Tal hinabzusteigen. An einer Stelle, an der zahlreiche Hütten standen, blieb er stehen. Das also waren offenbar die neuen Schlafhäuser. „Merkwürdige Schlafhäuser“, murmelte er, als er sich die buntbemalten Außenmauern ansah und die Gardinen an den Fenstern. Und dann war da vor jedem Häuschen ein Fleck Gras und ein Blumenbeet. Bei sich wunderte sich Paul, dass dies seinen Trampeltieren von Holzfällern gefallen sollte.
Und dann begann er seine Rede. Seine Reden hatten früher nie ihre Wirkung verfehlt. Sie hatten immer den Mannschaftsgeist wieder hergestellt, wenn etwas aus dem Ruder zu laufen drohte.
Aber diesmal kamen die Holzfäller nicht aus den hellen Spielzeughäusern hervor.
Hin und wieder erschien ein Gesicht hinter dem Fenster, aber es war immer das Gesicht einer Frau, das eher feindlich oder nur neugierig dreinblickte.
Plötzlich – er redete immer noch zu niemandem – überkam ihn Furcht. Er dachte daran, was das Bild der rothaarigen Frau bei ihm bewirkt hatte. Was, wenn seine Männer einer ähnlichen Erfahrung ausgesetzt gewesen waren, nur mit glücklicherem Ausgang als in seinem Fall?
Dann trat eine der Frauenspersonen aus einem der Häuser. Sie blieb stehen und betrachtete den riesigen Mann, wie man einen Leuchtturm oder den höchsten Berg in den Rocky Mountains betrachtet.
Und Paul betrachtete sie. Merkwürdig, dass so ein kleines unscheinbares Wesen eine solche Macht über Männer haben sollte.
Und nun tat Paul etwas, was wohl jeder Mann in seiner Situation getan hätte, ob er nun ein Straßenbauarbeiter oder ein König gewesen wäre. Er hob die Frau auf, setzte sie auf seinem Handteller ab und betrachtete sie mit der Gewissenhaftigkeit, mit der ein Naturforscher eine Maus untersucht, oder diese von einer Katze beobachtet wird.
Der Frau schien das nichts auszumachen.
Bunyan wollte sie ausschimpfen, aber ihm, dem großen Redner, fielen angesichts dieses Wesens nicht die richtigen Worte ein, stattdessen spürte er, dass er aufgeregt war.
„Sag mir nur eines“, fragte er sie schließlich, „wie habt ihr Frauen es geschafft, meine Männer herumzukriegen?“
„Oh“, erwiderte die kleine Person und wurde nun auch etwas rot dabei, „ganz einfach. Wir wünschten uns Ehemänner und Babies!“
Das waren auch zwei Worte, die für Paul nichts besagten.
Er schüttelte verständnislos den Kopf.
Sie lächelte ihn an, und es war ein ganz besonderes Lächeln, in dem aber eine große Macht lag.
„Ihr müsst jetzt fortgehen“, sagte sie dann, „wir sind alle so glücklich.“
Er setzte sie ab und mit einer tänzerischen Bewegung ging sie auf die Tür eines der merkwürdigen Schlafhäuser zu und verschwand dann.
Da stand er nun, wusste sich keinen Rat. Er war sich sicher, dass er seine Mannschaft für immer verloren hatte. Und was ist ein Holzfällerboss ohne Mannschaft?
Und die rothaarige Frau hatte er auch nicht gewonnen. Er kam sich sehr allein vor.
Und dann hörte er aus dem Wald jene Töne, die er schon einmal gehört hatte. Nur dass er jetzt wusste, dass diese Töne ein Saxophon hergab, wenn man es recht zu spielen verstand. Und es fiel ihm auch auf, dass die Musik etwas trauriger klang als damals, als er sie zum ersten Mal gehört hatte. Sie war traurig, aber schön traurig.
Es war ein Blues, aber das wusste er nicht.
Er wusste nur, dass diese Musik bei aller Traurigkeit auch etwas Tröstendes hatte, und dass sie von jemandem gemacht wurde, der seine Empfindungen kannte. Und diese Vorstellung war es eben, die ihn tröstete.
Er ging dem Klang dieser Musik nach. Hinein in die Wälder, ohne Blue Babe, seinen blauen Ochsen, aber je weiter er nach Norden gelangte, desto mehr begeisterte ihn diese Musik. Woher sie nur kam? Und wer sie nur machen mochte?
Unsereiner aber weiß, dass Paul Bunyan den Blues hatte, und dass die Musik, die er hörte, ein Blues war, ein Blues, geblasen auf einem Saxophon. Er aber wusste das nicht. Er war noch auf der Suche, wie diese Musik heißen könnte, und je weiter er ging, desto sicherer war er, dass dies die amerikanische Musik schlechthin war, dass sie immer Männer trösten würde, wenn sie die Liebe der wunderbaren Frau nicht hatten erringen können, wenn sie alles, was ihnen lieb und teuer war, verloren hatten, wenn sie die Welt nicht verstanden, wenn ihnen ein geliebtes Wesen gestorben war.
Er ging immer weiter nach Norden, und die Musik wurde immer lauter, bis es ihm vorkam, als sei er selbst diese Musik.
Was dann aus ihm geworden ist? Ich, der diese Geschichte erzählt, kann es euch nicht sagen.
Es gibt wie immer mehrere Möglichkeiten.
Möglich, dass ihn dasselbe Schicksal wie seinen Jagdhund Niagara ereilt hat. Das kommt mir ziemlich wahrscheinlich vor, denn dann triebe er jetzt als eine traurig schöne Melodie im Kosmos. Und manchmal hört einer, der einen neuen Blues erfindet – sagen wir: jemand wie John Kirkbride – ein paar Takte davon, schreibt sie auf und erfindet auch noch ein paar Worte dazu.
Kann aber auch sein, dass Paul Bunyan dort oben erfror, dass sein gewaltiger Körper zerfiel, dass, was davon übrig blieb, verweht wurde vom Wind, und dass damit der Blues eben erst zu jener amerikanischen Musik wurde, die wir kennen und die unsterblich ist, während wir Menschen eben irgendwann sterben müssen.
Die Ballade von Woody Guthrie
Er sang von
Tramps,
von Arbeitslosen,
von schlecht Bezahlten,
Diskriminierten,
in den Gefängnissen Verprügelten.
Er forderte seine Zuhörer auf, hinzusehen.
Dorthin, wo es Armut gab
im reichsten Land der Welt,
in Gottes eignem Land.
In den USA.
Sein Leben lang war er auf dem Sprung.
From California, to New York Island.
Ja, und immer war er voller Melodien,
die wie ein Schwarm Vögel seinen Kopf umschwirrten.
Ein kleiner Mann,
mit verbeultem Gesicht.
Er erfand, die wahre Nationalhymne der USA:
This land is your land
This land is my land
From California to New York Island.
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