Ich kam mir deplatziert vor. Ich traute mich kaum, mich auf meinem Stuhl zu bewegen, weil ich Angst hatte, er bräche unter mir zusammen. Mich auf den Tisch aufzustützen, wagte ich aus demselben Grund erst recht nicht. Immerhin, die Last unserer beiden Teller trug er aber souverän. Denn auf den Tellern war ja praktisch nichts drauf.
Ich war mir nicht sicher, wie man so etwas richtig isst. Es war so wenig, dass man es im Grunde mit einem beherzten Gabelhieb hätte verschwinden lassen können. Das schien mir aber irgendwie unangemessen bei einem Gericht, das immerhin neun Euro fünfzig kostete. Ich kam mir sofort sehr ungehobelt, barbarisch geradezu vor. Ich stellte mir vor, wie die verkniffene Bedienung hinterm Tresen lauerte: »Aha! Der Fleischfresser stopft unsere von Kinderhänden in Südostasien aus handverlesenen Sojabohnenspitzen sorgsam zusammengespeichelten Vegan-Gnocchi einfach so achtlos in sich hinein, als wären sie ein blutiges Leichenteil. Bestimmt wird er nachher
lästern, dass es nichts Anständiges zu essen gab, und sich irgendwo eine Wurst holen!«
So einfach aber wollte ich es der Frau nicht machen. Also filetierte ich vorsichtig an meinen Pfannküchlein herum, mit der Sorgfalt eines Chirurgen, der versucht, bei der Krebsoperation das böse Gewebe von dem guten zu trennen. Der Veganer auf Probe mir gegenüber seufzte auf und griff zu seinem Handy. Er wischte ein paarmal darüber, dann gluckste er glücklich: »Pulled-Pork-Sandwiches!«, sagte er nur. Ich verstand nicht. »Ich habe neulich dermaßen Lust auf Pulled-Pork-Sandwiches bekommen, da habe ich mir einfach einen Schwung Bilder aus dem Netz runtergeladen. So habe ich sie immer ganz nah bei mir. Das hilft.« Mit träumerischem Blick strich er durch eine Galerie voller vor saftigem Fleisch überlaufenden Brötchen- und Brothälften. »Hier, sieht das nicht toll aus?« Er hielt mir eines vor die Nase. Traurig blickten wir anschließend auf unsere Teller. Ach, was soll’s, dachte ich, nahm die Gabel entschlossen in die Hand, und der vegane Gnocchi-Quatsch war verschwunden.
Sogleich eilte die Bedienung zu unserem Tisch: »Darf’s noch etwas sein?«, fragte sie hinterhältig. Eine Falle! Aber so leicht ließ ich mich nicht vorführen: »Nein, danke, ich bin restlos satt«, sagte ich ganz ernst, während der Freund versuchte, ein hysterisches Kichern zu unterdrücken. Dann zahlten wir und gingen. Vielleicht war ja jetzt in der Micro Brewery ein Plätzchen frei für uns.
Die Spanier, die kürzlich bei uns im Haus eingezogen sind, kamen uns auf der Seestraße entgegen und begrüßten mich fröhlich mit den Worten: »Ey, wart ihr wirklich in dem Veganerschuppen? Ihr seid ja krass!« Ich wies entschuldigend auf meinen Freund, der mich böse anguckte. Aber diesmal passten wir in die Micro Brewery, und nach ein paar vorzüglichen IPAs war jeder Groll vergessen.
Als wir wieder herauskamen, es war nach zwei, wurden wir von Rauchschwaden umhüllt, die uns das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Es roch nach Grill. Ich war verwundert. Aber tatsächlich: unser Spätkauf! Yusuf, der Chef dort, hatte in dieser lauen Frühlings-Wochenendnacht einfach so einen Elektro-Grill mitten auf den Bürgersteig gestellt und verkaufte nun Bratwürste und Nackensteaks an die trunkenen nächtlichen Flaneure. Ich stellte mich fröhlich an, mein Freund strich derweil traurig über das Display seines Telefons.
Vor mir in der Schlange stand eine hagere Frau. Sie kam mir bekannt vor, ich guckte noch einmal hin: tatsächlich. Es war die Bedienung vom Lichtsauger, die sich gerade ein wunderbar duftendes Nackensteak vom Grill reichen ließ und sogleich beherzt hinein biss. Sie sah sehr vergnügt dabei aus. Ich war es auch sogleich. Sie grüßte mich freundlich kichernd, als sie an mir vorbeiging. Und eigentlich, das sei an dieser Stelle dann doch zugegeben, waren die Gnocchis vom Lichtsauger wirklich verdammt lecker.
Der Unheil verkündende Zettel in der Postmappe des Sohnes drohte an, dass über die kommende Klassenfahrt zu sprechen sei. Deswegen werde ein Elternabend einberufen. Herrjeh, dachte ich da, was soll das denn? Wenn Klassenfahrt ist, würde doch ein Zettel, auf dem alles draufsteht, völlig reichen: wann geht’s los, wann müssen wir sie wo wieder abholen hinterher, und gut is’. Aber nein, wir werden einen ganzen Abend lang gründlich durchinformiert. Und müssen alle möglichen Entscheidungen treffen.
Schon geht es los. Taschengeld. Die Kinder sollen ihr Taschengeld in einem Briefumschlag mit Namen drauf mitbringen. Der wird dann bei den Lehrern abgegeben. Wenn sie sich am Kiosk in dem Schullandheim etwas kaufen wollen, können sie sich das Geld wieder abholen. So ist gewährleistet, dass es nicht verloren geht. Und natürlich, wir sind schließlich eine Weddinger Grundschule, dass die lieben Kleinen sich nicht gegenseitig überfallen, um an die Kohle der anderen zu kommen. Eine zweifellos sinnvolle Einrichtung.
Doch die Miteltern schauen sich ratlos an. »Aber wieviel?«, flüstern sie verunsichert. »Wie, wieviel?«, werfe ich irritiert ein, »einen Umschlag halt.« »Aber wir müssen doch wissen, wieviel Geld da rein soll!« Ach, es ginge ja nur darum, am Kiosk mal ein paar Süßigkeiten zu kaufen, fünf oder zehn Euro würden für die fünf Tage völlig ausreichen, erklärt der Lehrer. Die Miteltern gucken nun noch verunsicherter, es zischelt und tuschelt gar ärgerlich bis erregt: »Aber dann hat ja ein Kind fünf Euro dabei und das andere zehn!«, faucht eine Mutter. In der Tat. So wird es am Ende kommen, denke ich. Man könnte sagen: wie es halt so ist im Leben. Und in der Schule. Da haben auch einige Kinder Taschengeld dabei und kaufen sich nach Schulschluss im Spätkauf gegenüber Sammelkarten, und die anderen nicht. Die einen haben Handys, die anderen nicht. Die einen haben Väter, die anderen nicht. So geht es eben zu da draußen.
Aber nicht auf der Klassenfahrt. Erregte Debatten folgen. Ich seufze. Schnell bilden sich zwei Lager: Die Budgetisten gegen die Kapitalliberalen, scharfe Wortgefechte folgen. Ich schaue fassungslos auf die Uhr. Seit einer halben Stunde diskutieren hier dreißig erwachsene Menschen miteinander, ob die Kinder nun alle gleich viel Taschengeld mitnehmen sollen oder nicht. Die Stimmung wird zunehmend gereizt, in einer Kampfabstimmung setzen sich die Budgetisten knapp durch. Auch gut, Hauptsache, wir müssen über den Quatsch nicht weiter reden, denke ich.
Aber zu früh gefreut. »Gut, also: Alle nehmen gleich viel Taschengeld mit. Aber: wieviel denn nun?«, fragt eine Mitmutter, und sofort brechen erneute Tumulte aus. Fünf oder zehn Euro, das ist hier die Frage. Mit offenem Mund verfolge ich staunend, dass man sich dazu eine engagierte Meinung bilden kann: »Fünf Euro sind ein Euro pro Tag, das ist doch eine sehr logische Einheit, damit können die Kinder gut umgehen.« »Zehn Euro sind zwei Euro am Tag, da lernen sie gleich viel besser, auch mal mit ›geteilt durch‹ zu rechnen.« »Zehn Euro ist viel zu viel. Dann kaufen sie sich dafür nur Gummibärchen und kriegen Bauchweh.« »Fünf Euro ist viel zu wenig, ist doch klar, dass sie sich dann nur Gummibärchen kaufen, was anderes kriegt man dafür ja gar nicht.« Die Hilfspaketverhandlungen mit Griechenland waren ein Dreck dagegen. Hier werden gerade Feindschaften fürs Leben geschlossen. Ich schaue auf die Uhr: sechzig Minuten. Am Ende einigen wir uns auf sieben Euro fünfzig. Das kann zwar kein Mensch auf fünf Tage verteilen, aber die Kinder sollen ja auch lernen, insgesamt mit ihrem Budget umzugehen.
Womit allerdings die nächste Front sofort eröffnet ist: »Dürfen die Kinder denn Süßigkeiten von zu Hause mitbringen?«, fragt ein Vater, der bei mir schon als notorischer Querulant unter verschärfter Beobachtung steht. Ich muss unbedingt herausfinden, zu welchem Kind der gehört, damit ich meines davor warnen kann, sich ja nicht mit dem Blag von diesem Vollidioten anzufreunden. Einige Eltern heulen auf, als habe sich gerade ein stadtbekannter Kinderschänder als Aufsichtsperson für die Fahrt vorgestellt. Süßigkeiten mitgeben? Womöglich schon für die Busfahrt? »Dann haben einige Kinder total viel dabei und die anderen gar nichts, das ist ungerecht«, quiekt es, und: »Dann beschmieren die die Sitze im Bus, und wir müssen am Ende die Reinigung bezahlen«, aber auch: »Ich lasse mir doch nicht vorschreiben, was ich meinem Kind in die Frühstücksdose packe, so weit kommt das noch.«
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