Dann wechseln wir die Bahnsteigseite, weil der Fotograf den Imbiss in der Komplett-Ansicht im Hintergrund haben möchte und deshalb einen größeren Abstand braucht. Außerdem will er eine einfahrende Straßenbahn mit einfangen. Ich soll mich also auf den Straßenbahn-Bahnsteig stellen, in der einen Hand das Papptablett und in der anderen eine Pommes aufgepiekt in die Luft halten und sie wie ein richtiger Schriftsteller nachdenklich anschauen. Der Fotograf fährt dazu großes Gerät auf, Spiegelreflexkamera, Stativ, externer Blitz. Schon blitzt es los. Unzufrieden guckt er auf das Display. Wir brauchen noch einen Aufhellblitz. Der besteht aus einer großen weißen Leinwand, die auf einem etwa anderthalb Meter hohen Metallgerüst installiert und über irgendeinen Kasten mit roten und grünen Leuchtdioden mit dem Blitzgerät synchronisiert ist und dann noch zusätzlich ein bisschen mitblitzt.
Das alles ist, vorsichtig gesagt, nicht gerade diskret. Wir haben mitten auf dem Tram-Bahnsteig ein komplettes Fotostudio aufgebaut, es ist 18 Uhr, ein großes Gewimmel an Leuten steigt hier ein und aus, ich stehe natürlich allen im Weg. Die Leute drücken sich vor und hinter mir vorbei, leise fluchend, ärgerlich äugend, kopfschüttelnd, während Blitz und Aufhellblitz stroboskopartig durch die weit fortgeschrittene Dämmerung blitzen. Ich versuche, so ungerührt wie möglich inmitten des Tumults zu stehen, halte mein Tablett tapfer fest, starre extrem nachdenklich auf meine Pommes und schelte mich selbst einen Idioten, weil ich selbst jetzt den inneren Drang nicht abstellen kann, möglichst unauffällig wirken zu wollen.
Bald hat sich eine Gruppe migrantischer Teenager um uns versammelt, die kichern und uns mit ihren Handys filmen. Sie wollen wissen, was wir hier machen. Der Fotograf erklärt es. »Zeitung? Ich will auch in die Zeitung!«, ruft einer. Dann hüpfen sie giggelnd immer mal wieder ins Bild. Ich konzentriere alle meine Sinne auf das Pommesstäbchen auf meinem Pieker, das ich anschaue, als versuchte ich, es zu hypnotisieren. »Möselecken! Arschficken!«, schallt es vom anderen Bahnsteig begeistert zu uns herüber. Einer der Adolszenten ruft: »Ey, ich hab voll Starpotenzial, bring mich in die Zeitung.« »Dann musst du aber die Boulette hier essen«, versuche ich ihn abzuwimmeln. »Ist da Schwein drin?« »Ich glaub nicht mal, dass da überhaupt Tier drin ist«, mutmaße ich. »Da ist bestimmt Schwein drin!« »Wenn du in eine deutsche Zeitung willst, musst du auch Schwein essen.« »Verarsch mich nicht. Du isst das Ding doch selber nicht«, zeigt er sich jetzt als guter Beobachter, »du guckst nur nachdenklich auf deine Pommes, als wärst du so was wie ein Schriftsteller.« »Arschlecken!«, hallt ein fernes Echo.
Dann ist plötzlich Schluss mit dem Geblitze, verwirrt löse ich mich aus meiner Trance, die Menge um uns herum murrt leise und enttäuscht. Eine Straßenbahn fährt ein, zwei Minuten später stehen wir fast wieder allein auf dem Bahnsteig. Der Fotograf packt seine Ausrüstung ein.
Eine ältere Frau tritt an uns heran und zeigt auf mein Tablett: »Essen Sie das noch?« »Äh, also eigentlich ... eher nicht.« »Darf ich?«, fragt sie. »Ist aber schon kalt«, sage ich, als ich ihr das Tablett gebe. Sie erwidert nichts und beginnt umstandslos, das Zeug in sich hineinzuschlingen, während sie wortlos weiterzieht.
»Und?«, fragt der Fotograf mich, als er alles verstaut hat, »was meinen Sie? Geht es hier jetzt als Nächstes los mit der Gentrifizierung?« »Ich weiß nicht so recht«, sage ich, »immerhin hat der Imbiss zur Mittelpromenade jetzt richtiges Geschirr.«
Man wird ja immer nervöser allmählich. Freie Wohnungen gibt es auch im Wedding schon lange nicht mehr, die Mieten steigen unaufhaltsam, und jetzt hat auch noch die Bio Company eine Filiale in der Müllerstraße eröffnet. Bei uns gegenüber hat eine von amerikanischen Hipstern via Crowd Funding gegründete Micro Brewery namens Vagabund aufgemacht, direkt daneben laden langbärtelige, behornbrillte Zottelhipster in eine neue Kulturkneipe namens »Nussbreite«, die von donnerstags bis sonntags geöffnet hat und deswegen ihr Donnerstagsprogramm das »Nuss-Montagsprogramm« nennt, weil der Montag schließlich der erste Tag der normalen Woche ist und eben der Donnerstag der erste Tag der Nussbreiten-Woche, wie ich dem »Nussletter« entnehme, für den ich mich offenbar eingetragen habe, als ich da neulich nachts mal einen Nusslikör zu viel getrunken hatte.
Solche langbärteligen, behornbrillten Zottelhipster sind das also. Aber ich muss zugeben, dass es dort sehr schön ist. Wahnsinnig nette, junge Menschen, über die man natürlich leicht lästern könnte, weil sie erstens so jung und zweitens so nett sind und drittens auch noch anders aussehen als wir damals, als wir noch jung und nett waren. Mit dem Alter wächst allerdings die Einsicht in die wiederkehrenden Kreisläufe des Lebens, und man ahnt allmählich, warum wir in unserer Jugend fanden, dass die Älteren so seltsame Sachen sagen: dass die jungen Leute ja auch immer bescheuerter werden und so. Und jetzt ertappt man sich zunehmend dabei, wie man selbst genau solche seltsamen Sachen denkt wie die Älteren damals, aber mir bleibt noch ein Rest von Erinnerung an das, was ich damals zu so etwas gedacht habe, und der lässt mich vermuten, dass wir damals einfach Recht hatten und es tatsächlich scheiße war, was die Älteren gesagt haben und was ich heute fast gedacht hätte. Deswegen verbiete ich mir jeden lästerlichen Gedanken über das Aussehen der jungen, wahnsinnig netten Leute und rufe vielmehr generationenübergreifend dazu auf, alle Menschen zu ächten, die meinen, sich zum Aussehen anderer abfällig äußern zu müssen.
Folgt mir auf die Barrikaden gegen die Modediktate und Trendvorstellungen der Bescheidwisser, gegen die »Geht gar nicht«- und »Must have«-Sager! Und dabei ist es scheißegal, ob die »Geht gar nicht«- und »Must have«-Sager »geht gar nicht« und »must have« in den Kicherkolumnen neofeministischer Topcheckerinnen-Blätter oder im bieder-bräsigem Klassenbewusstsein irgendwelcher Mode-Blogs von Brigitte oder Welt-online sagen. Es ist doch ganz einfach: Wer meint, sich darüber mokieren zu müssen, wie andere sich anziehen oder welche Frisur sie tragen, ist ein spießiges Arschloch, ganz egal, ob er nun grün oder links wählt oder bei Pegida mitmarschiert. Und wo, wenn nicht im Wedding, sollte die Revolution gegen diese Modefaschisten beginnen. Sie darf nicht eher ruhen, bis sie alle am Kleiderhaken baumeln, die Stil-Kolumnistinnen und -Kolumnisten, ganz egal ob vom Missy Magazin , von Men’s Health , von der Gala oder der Bunten !
So sinnierte ich beim Nusslikör in der Nussbreite vor mich hin, während um mich herum junge, hübsche Frauen und Männer in fremdartigen Körperkluften und mit interessanten Hüten auf dem Kopf lachten, tranken und parlierten, auffallend oft auf Englisch.
Wie es überhaupt sehr rätselhaft ist, wo plötzlich all die englischsprachigen Menschen herkommen. Ich wohne seit 1991 im Wedding, und ich bin mir sicher, dass ich dort bis etwa 2010 nicht ein einziges Mal einen englischsprachigen Menschen irgendwo auf freier Wildbahn angetroffen hätte, so etwas gab es hier einfach nicht. Und jetzt hat mich neulich der türkische Dönermann beim weit-nach-mitternächtlichen Imbiss müde angesprochen mit: »Do you want Döner? Which sauce, Knoblauchkräuterscharf?« Ich habe ihn fassungslos angestarrt und vorsichtig »Aber ich bin es doch!« gewispert. Da hat er die Augen noch mal aufgemacht und gemurmelt: »Tschuldigung, Großer. Sind so viele mit Englisch hier jetzt. Überall Englisch. Hab ich vorhin ganz normal zu Kunde gesagt: willstu Döner? , hat der mich so voll komisch angeguckt, weißtu, und hat er gesagt: Do you have an English menu ?« Er schüttelte empört den Kopf.
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