»Nein, nein!«, jammerten die beiden. »Nein! Wir wollten nur …«
»Was?!«
»Na ja … Dein Plan mit dem Strom …«
»Ist ein Scheißplan.«
»Eh …, ja. Irgendwie.«
»Als wenn mir das nicht schon selber klar geworden wäre«, sagte Heinz, drehte den Wasserhahn auf und begann sich das Blut vom Gesicht zu waschen. »Aber es gibt einen neuen Plan.«
»Oh! Ah!« und »Toll!«, machten die Scherben.
»Immerhin weiß ich, wo der Kifferkönig wohnt. Und weiß, dass er nächtliche Gesellschaft nicht ab kann. Schon gar nicht in seiner Jägerhütte. Hinfahren, abends, abwarten, bis seine Jünger und seine Mädels sich vom Acker gemacht haben. Anklopfen, ‚Hallo, Sallinger’ sagen, ihm das Ding hier in den Hals rammen«, er hielt den Sternschweif hoch, »ein bisschen ‚Hippies raus!’ und ‚Scheiß-Kiffer!’ und ‚Kinderschänder!‘ und ein paar Hakenkreuze an die Wände malen und weg.«
»Wow!«, machten die Scherben.
»Seht ihr«, sagte Heinz zufrieden. »Ein bisschen Grips, ein bisschen Fantasie, ein gutes Stöffchen – und schon kriegt man alles hübsch in den Griff.«
Er wollte gerade anfangen, sich im Beifall seiner Spiegelgeister zu suhlen, als es von draußen an die Badezimmertür bollerte.
»Mensch, Heinz, was machste’n so lang da drinnen?! Ich krieg’ den flotten Otto!«, rief einer seiner beduselten Wohngenossen.
» Ich krieg’ den Bayrischen Verdienstorden!«, schrie Heinz zurück und bekam einen Lachanfall.
München, Dienstag, 22. Juli 1986
Natürlich bekam Bruni mehrere eindeutige Angebote auf dem Weg zum Studio – der Bayrische Rundfunk liegt gleich neben dem Münchener Hauptbahnhof. In einem Fall hatte sie ziemliche Mühe, Emerson davon abzuhalten, sich mit zwei Max-Strauß-Doubles in Trachtenkleidung zu prügeln, die, vielleicht aufgrund von Sprachverständigungsschwierigkeiten, absolut nicht einsehen wollten, dass sie an der falschen Adresse waren. Nach dem Motto »Die is’ schwarz, die is’ jung, die is’ schön, die läuft am Bahnhof rum – also muss sie doch ’ne Nutte sein!« wollten sie schon anfangen, Bruni in die Zange zu nehmen, als unser Keyboarder dazwischen ging.
»Verpisst euch, ihr Saftärsche!«, sagte er freundlich zu ihnen.
»Wos is’?«
»Abflug!«, sagte Emerson und wedelte mit den Händen.
»Schleich di, Gammlbruada!«, erwiderte der eine und gab ihm einen Stoß vor die Brust. Emerson schnappte ihm im Rückwärtsgang das grüne Hütchen vom Kopf, mit Gamsbart und allem, und ließ es auf die Straße zwischen die fahrenden Autos segeln.
»Jo, Herrschaftszeit’n!«, schrie der ehemalige Hutträger und lief violett an.
»Ja, hier«, sagte Veedelnoh und stand plötzlich neben ihm.
»Hier auch«, sagte ich und stellte mich neben den anderen.
»Und hier«, brachte sogar Oblong einen fast vollständigen Satz zustande und tippte beiden von hinten auf die Schultern. Sie drehten sich um, erst wütend, dann ließen sie verdutzt die Kinnladen sinken. Man muss vielleicht dazusagen, dass Oblong sich fein gemacht hatte, fürs Fernsehen. Er trug einen violett und gold gestreiften Kaftan aus glänzender Seide, darunter weiße Cowboystiefel mit zehn Zentimeter hohen Absätzen und darüber, über sein mächtiges Tönnchen von Wampe gespannt, einen abgewetzten Patronengurt aus dunkelbraunem Leder, in dessen Schlaufen vierundzwanzig Minifläschchen diverser Kräuterschnäpse steckten. Von Apfelkorn bis Zwetschgenwasser. Auf seiner frisch rasierten und blank polierten Glatze thronte ein drei Nummern zu kleiner blauer Strohhut, in dessen gelbem Hutband das berühmte Playgirl -Photo vom nackten Burt Reynolds prangte. Und natürlich war der Kaftan nicht längs-, sondern quergestreift – von wegen: Längsstreifen machen schlank …
Ich trug meine übliche Tourmontur – rotbraune Lederhose mit silbernen Gaffa-Tape-Flicken, schwarzbraune, verschlissene Lederjacke über einem karierten Holzfällerhemd, die Haare offen bis zu den Brustwarzen, wo sie sich mit den Enden meines Backenbarts trafen.
Veedelnoh hatte sich zur Feier des Tages in einen schick schimmernden dunkelgrauen Anzug geworfen, darunter leuchtete ein hellgrünes T-Shirt, auf dem um einen fetten rosigen Pimmel herum in grün schattiertem Rot Ich treffe auch im Stehen! stand. Seine wilden Locken wurden gekrönt von einer blauen Badekappe, an der ein Dutzend abgeschnittener roter und weißer Spiralkabel baumelte.
Und Emerson hatte sich mal wieder in seinen uralten KVBler gezwängt, die blaugraue Uniform seines Großvaters, der Straßenbahnschaffner bei den Kölner Verkehrs-Betrieben gewesen war. Mit Mütze über dem Afro, mechanischem Geldzählautomaten vor der Brust, Fahrkartenzange und allem. Ach ja, und knallrote, wadenhohe Boxerstiefel mit offenen gelben Schnürsenkeln.
Gegen uns wirkte Bruni geradezu schlicht – ein schneeweißes Herrenoberhemd und weiße Riemchensandalen war alles, was sie trug, ihre Glatze war auf Hochglanz poliert, wie immer. Als sie am Morgen in den Bus gestiegen war, hatte ich erst nach Luft geschnappt, dann schleunigst meine Beine übereinander geschlagen und schnell aus dem Fenster geguckt – wie ein Kind, das etwas Verbotenes gesehen hat.
»Pfüat’s ei«, sagte sie zu ihren Verehrern, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab beiden ein Küsschen auf die Wange. Nicht ohne ihnen kurz gegen den Hosenstall zu schnipsen. Daraufhin kriegten sie ihr Maul überhaupt nicht mehr zu.
»Ich dachte, Kiffen macht friedlich«, sagte ich zu Emerson im Foyer des Funkhauses.
»Und wie«, sagte er. »Aber ich hatte heute erst einen.«
Stuttgart, Dienstag, 22. Juli 1986
» Du wirst ja wohl hoffentlich die Klappe halten«, sagte Heinz zu dem funkelnagelneuen, dreitürigen Allibert, den er sich und seiner Wohngemeinschaft spendiert hatte. Scherben bringen Glück, hatte er sich nach seinem ersten Schrecken gedacht, allerdings erst, nachdem er sich mit Hilfe einer weiteren Dosis von Schneidereits Stöffchen von diesem Schrecken erholt hatte. Er hatte zwei Straßenportiönchen des Heroins abgepackt, mit etwas Milchpulver auf beeindruckendes Format gestreckt und an eine alte Freundin verkauft. Eine misstrauische alte Freundin. Sie hatte erst die angefeuchtete Spitze ihres kleinen Fingers in eins der Päckchen gesteckt und dann eine Weile an dem Finger genuckelt, ehe sie verwundert die Augen weitete und gleichzeitig versuchte, den Kopf zu schütteln und zu nicken.
»Astrein, ey! Hätt’ ich gar nich’ von dir gedacht, ey, Heinzi …« Dann hatte Bella ihn »auf eine Zigarette« auf den Balkon geschickt und hinter ihm die schweren blauen Vorhänge zugezogen, damit er nicht mitbekam, wo sie ihre Kohle gebunkert hatte. Als hätte er das nicht schon vor Jahren herausgefunden. Als hätte ihn das in diesen Jahren nicht schon zweimal vor einem kalten Entzug gerettet. Was sie nicht einmal gemerkt hatte, weil die Schatulle hinter den Stricksachen und dem Ende der 60er Jahre angefangenen kanariengelben Pullover bis zum Rand voll gepackt war mit zerknüllten Scheinen – sie bekam jeden Monat ein ganzes Bündel von ihrem Alten, der am Großmarkt einen Stand mit Lammfleisch betrieb. Dem ging’s gut, die türkische Gemeinde in München wuchs und wuchs; also ging’s auch Bella gut.
Ergo hatte Heinz brav seine Kippe geraucht und bloß still in sich hinein gegrinst – was wusste man schon, wann man dieses Wissen noch einmal gut gebrauchen könnte.
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