„Na, dein Niklas ist ja ein ganz Süßer“, vernahm ich zur Linken die inzwischen vertraute Stimme von Mutter Gabi. „Kaum da, schon flirtet er mit Eslem“, lachte sie. „Hat er das von dir?“
„Ich flirte nicht mit Eslem“, antwortete ich. „Und Niklas flirtet ebenfalls nicht. Er baut ein Vertrauensverhältnis zur Mannschaft auf.“
„Und er schlägt ein tolles Rad“, sagte Gabi. Ich drehte mich zu ihr um. Was wollte die eigentlich von mir?
„Sag mal Gabi, ist euer Kindergeburtstag schon vorbei? Ich würde mich gerne auf das Spielgeschehen konzentrieren, um das Training im Anschluss zu analysieren.“
„Oh sorry“, entgegnete sie spöttisch. „Da will ich dich nicht stören. Hat schon ein hübsches Sträußchen beisammen, dein Kleiner.“
„Welcher von denen ist eigentlich deiner?“, wollte ich wissen. Doch die Frage beantwortete sich von selbst, als eines der Großmäuler, die zu Beginn lautstark den Ball gefordert hatten, zum zweiten Tor einschob und sich dafür von seiner Mannschaft feiern ließ.
„Hey … super, Oskar, toll gemacht!“, schrie Gabi ins Feld, applaudierte und pfiff bewundernd durch die Zähne. Das verzogene Alphatier mit dem Killerinstinkt gehörte demnach zu ihr.
Der Torschütze rannte auf seine Mutter zu, klatschte sich mit ihr ab und verschwand zurück aufs Feld. Auch mein Sohn freute sich für Oskar, begleitete ihn bei dessen Ehrenrunde und jubelte, als hätte er selbst und nicht der Chef des gegnerischen Teams ein Tor geschossen. Da wartete fraglos noch viel Arbeit auf mich.
Wenig später war das erste Training meines Sohns auch schon vorbei. Freudestrahlend, so viele neue Freunde – und Freundinnen – gefunden zu haben, kam Niklas auf mich zugelaufen und führte mir sogleich das Rad vor, das er dank Eslems Anleitung in der zweiten Halbzeit des Trainingsspiels perfektioniert hatte. Verhalten freute ich mich über seine kunstturnerischen Fertigkeiten und wollte unbedingt noch ein Wort mit dem Trainer reden, bevor sich der junge Mann wieder dem Büffet widmen konnte. Max sammelte gerade die Leibchen ein, ließ sich von zwei Kindern die Eckpfosten bringen und trottete dann gemächlich in meine Richtung.
„Ach, äh … Max, auf ein Wort“, rief ich ihn an.
„Na Niklas“, richtete er indes nicht an mich, sondern an den Spieler zu meinen Füßen das Wort, der Mühe hatte, die Schnallen seiner Sandalen zu schließen. „Wie hat’s dir denn bei uns gefallen?“
„Gut“, kam ebenso kurz wie pointiert die Antwort.
„Kommst du denn jetzt immer?“
Niklas nickte. Er hatte heute weiß Gott schon genug mit fremden Menschen geredet, da musste es auch eine zustimmende Geste tun.
„Ja prima, dann bis nächste Woche“, sagte Max und wollte schon weiterziehen, als ich ihn zurückhielt.
„Max, sag mal, müssen wir ernährungstechnisch noch auf etwas achten? Ausreichend Proteine und Kohlenhydrate vor dem Training?“
„Ach was, Niklas sollte nur vor dem Spiel nicht gerade einen BigMac essen, damit läuft sich’s nicht so gut.“
„Und macht ihr hier auch Laktattests? Oder sollen wir das beim Sportarzt veranlassen?“
Der Trainer sah mich an, als hätte ich ihn soeben aufgefordert, mit verbundenen Augen in den nahegelegenen U-Bahn-Schacht zu laufen.
„Laktattests? Ist das dein Ernst? Rot-Schwarz Dornbusch ist nicht der FC Bayern, und dein Sohn ist nicht sechzehn, sondern sechs. So was machen wir hier nicht. Die Kinder sollen erst einmal Spaß am Spiel mit dem Ball bekommen.“
„Ah ja, und deshalb spielt ihr Straßenverkehr.“ Meine Zweifel an der Kompetenz des Jugendtrainers wurden nicht eben weniger.
„Das dient dem spielerischen Trainieren der Antrittsschnelligkeit und der Reaktionsfähigkeit. Glaub mir, das hat alles seinen Sinn. Schönen Tag noch euch beiden … und bis Donnerstag.“
Damit ließ er mich stehen. Laktattests brabbelte er leise vor sich hin, als er kopfschüttelnd Richtung Geburtstagsgesellschaft schlenderte und ich mir meinerseits überlegte, ob ein Vereinswechsel bereits möglich wäre, wenn man noch gar kein Mitglied des Vereins geworden war. Doch als Niklas aufsprang, um sich eigens bei Eslem zu verabschieden und sich mit ihr für nächsten Donnerstag verabredete, beschloss ich, Max und Rot-Schwarz eine zweite Chance zu geben. Antrittsschnelligkeit , ging es mir durch den Kopf. Dafür, mein lieber Trainer, brauchte man Stollenschuhe. Aber das schien hier ja keinen zu interessieren.
Eine Woche später fanden sich mein Sohn und ich wieder pünktlich auf dem Trainingsgelände ein. Niklas rannte sogleich zu Eslem und präsentierte ihr stolz die Turnschuhe mit Noppen, die ihm seine Eltern am Tag nach dem Probetraining gekauft hatten. Damit sollte sich auch das Gänseblümchenpflücken erledigt haben, hoffte ich.
Auch Max war bereits anwesend und versammelte in Ermangelung eines Kuchenbüffets die Mannschaft um sich. Es schien, als funktionierte der Trainingsbetrieb heute disziplinierter als beim letzten Mal. Das Einzige, was mir missfiel, war die Einteilung der Mannschaften. Der Trainer ließ vier gegen vier spielen, sechs Feldspieler und zwei Torleute, der Rest musste sich mit einer Zuschauerrolle begnügen. Zum Rest gehörte auch Niklas, der seine Freundin Eslem anfeuerte, die in der Abwehr der leibchenlosen Mannschaft zugange war.
„Da seid ihr ja wieder. Wie schön“, hörte ich eine vertraute Stimme neben mir. „Wo ist denn Niklas? Ah da, neben dem Platz. Ich sehe ihn.“
„Heute kein Streuselkuchen?“
„Nein, das machen wir nicht jedes Mal. Nur, wenn eins der Kinder Geburtstag hat oder einer der Mamas und Papas gerade Lust hatte zu backen. Du siehst aber nicht richtig begeistert aus? Ist irgendwas?“
Ich zeigte Richtung Spielfeld, wo ich seit dem Anpfiff ein munteres Hin und Her der sechsköpfigen Spielertraube mal nach links, dann wieder nach rechts beobachten musste. Kein Deut von Spieltaktik war erkennbar. Und von meinem Sohn erst recht nichts. Er zog es vor, auch ohne Eslem an seinem Rad zu arbeiten, ein erster einhändiger Versuch war jedoch misslungen.
„Wie soll aus der Mannschaft etwas werden, wenn der Coach seine besten Spieler nicht einsetzt?“, fragte ich.
„Ach, das ist es? Keine Angst, dein Niklas wird noch spielen. Max wechselt die Kinder immer durch, so kommt jeder mal zum Einsatz.“
„Und warum spielt Oskar von Anfang an?“ Offenkundig war Gabis Sohn der Spielführer der Leibchen und kommandierte seine Mannschaftskameraden gerade vors gegnerische Tor.
„Oskar ist einer der Stützen der Minis. Beim letzten Turnier hat er elf Tore geschossen. Aber auch er wird manchmal ausgetauscht“, beruhigte mich Gabi. „Nur beim Turnier, da spielt er meistens durch. Er ist unsere Zehn, der Mittelfeldmotor und Kapitän der Bambinis.“
„Die Zehn, hm? Na, dann solltest du erst mal Niklas am Ball erleben, aber dazu müsste er halt eingewechselt werden. Maaax?“, rief ich, doch der Trainer hörte nicht. Er tippte konzentriert auf seinem Handy.
„Viel Glück“, ließ Gabi mich stehen, gesellte sich zu ein paar anderen Müttern und feuerte ihren Sohn lautstark an, damit er mit ihrer Unterstützung seinen Torrekord brechen konnte.
Als Max auch auf erneutes Rufen nicht reagierte, beschloss ich, die Sache in die Hand zu nehmen und machte mich auf den Weg zum kompetenzverminderten Trainernachwuchs.
„Max, ich möchte, dass du Niklas einwechselst“, formulierte ich ohne jeglichen Groll und vollkommen sachlich mein Anliegen. „Niklas braucht Praxis, sonst verkümmert sein Talent.“
„Hallo“, begrüßte mich Max und steckte das Handy weg. Wurde auch Zeit. „Du bist Niklas’ Vater, richtig?“ Natürlich war ich Niklas’ Vater, wer sonst? „Niklas kommt gleich rein, ich will den Teams nur ein bisschen Zeit geben sich zu finden. Sie sind meine Stammspieler beim nächsten Turnier.“
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