Knocker Ellis stellte den Kompressor aus, wickelte den Luftschlauch zu einer ordentlichen Rolle und zog die Kiste an Bord. Ellis schaute missbilligend auf den halb leeren Korb, sagte aber nichts. Und er erwähnte auch nicht die komischen Schlüssel, die von Bens Hals baumelten. Das war seine Art. Er sortierte schnell die wenigen Austern unterhalb der Vorschriftsgröße aus und warf sie wieder ins Wasser. Dann wanderte sein Blick zu den Wolken, die die Ausläufer von Polly ankündigten, dem nächsten Sturm, der sie ersäufen wollte. Er hielt immer ein wachsames Auge auf Sturmböen oder Luftwogen, die in der Bucht so plötzlich auftauchen konnten. Da Ben auf dem Meeresboden die Austerngrößen sehr gut selbst einschätzen konnte, bestand der Großteil seiner Arbeit darin, den Luftkompressor und den Bootsmotor zu pflegen. Ben versuchte, entspannt zu wirken. Was sollte er dem Mann erzählen, falls überhaupt? Er musste etwas sagen, wenigstens, um den schlechten Fang zu erklären. Ben griff in seinen Leinenbeutel und zog einen kleinen Block Pinienholz hervor, aus dem er zurzeit eine Stockente schnitzte. Er betrachtete das Holz genau, bevor er das rasiermesserscharf geschliffene Schnitzmesser zur Hand nahm. Aus irgendeinem Grund war die letzte Ente, die er kreiert hatte, mit einem dämlichen Grinsen herausgekommen, das eher an eine Disney-Figur erinnert hatte, als an irgendetwas Natürliches. Ellis schaute ihm zu.
Ohne seine Augen von dem hölzernen Vogel zu nehmen, log Ben: »Hatte 'nen Wadenkrampf.«
Knocker Ellis drehte sich um und checkte mit einer schwieligen, nackten Hand den glühend heißen Ölstab des Vierzylindermotors. Es kam selten vor, dass er den Mund aufmachte. Seine Haltung allein sagte: Kauf ich dir nicht ab. Ben wusste, dass er nicht umhinkam, Ellis einzuweihen. Von Rechtswegen hatte er genauso viel Anspruch auf einen Teil des Bergungsguts wie auf einen Teil des Austernfangs. Ben betrog niemals einen Freund, aber was war Ellis für ihn eigentlich genau? Bens Vater hatte ihm bedingungslos vertraut. Das war fünfzehn Jahre her. Wie Ben gerade erfahren musste, konnte bereits in fünfzehn Sekunden so viel passieren, dass es das Leben eines Mannes veränderte, ganz zu schweigen von fünfzehn Jahren. Er schabte einen hauchdünnen Holzspan vom Schnabel der Ente. Der Kringel segelte in der auffrischenden Brise davon.
Für Ben war dieses Gold ein letztes Vermächtnis seines Vaters. Natürlich ahnte er, dass es seinem Vater vermutlich nicht rechtmäßig gehört hatte, aber Besitz war neun Zehntel des Gesetzes. Die Frage blieb unterdessen, für wen war das Geschenk wirklich beabsichtigt gewesen? Nur für Ben? Für jeden auf Smith Island? Vielleicht war dieses Vermögen eine Rückzahlung für hundert Jahre schwerer Verluste, die Bens Familie und Nachbarn erleiden mussten. Im Jahr 1900 verbot die Lacey-Verfügung, ein frühes Gesetz im Eifer gut gemeinter Naturschutzbemühungen, seinen Ururgroßvätern, Wasservögel über die Staatsgrenzen hinweg zu verkaufen. Als dieses Gesetz weder den Appetit noch die Jagd auf Enten und Gänse eindämmen konnte, wurden ihre großkalibrigen Vogelflinten im Jahr 1910 von der Regierung konfisziert, weil sie immer noch zu effektiv waren. Wo die Inselbewohner einst genug Wasservögel erlegt hatten, um die Ostküste zu versorgen, waren sie nun auf Eigenbedarfsjagd mit kleineren Flinten beschränkt. Als wäre das noch nicht genug gewesen, wurde das Hauptjagdgebiet seiner Leute 1954 von der Naturschutzbehörde geschluckt und dem staatlichen Wildtierschutzgebiet im Norden zugefügt, was aus ehrlichen Männern Wilderer machte, falls magere Zeiten sie zwangen, in ihren alten Revieren zu jagen.
Heutzutage waren mehr als achtzehn Quadratkilometer tabu für die Inselschützen, angefangen in Sichtweite ihrer eigenen Haustüren. Als Wasserverschmutzung und Krankheiten durch Abflusswasser der Landwirtschaft und Überbauung von Eigentumswohnungen an den Küsten der Chesapeake Bay die Fisch-, Blaukrabben-, Austern- und Muschelbestände töteten, da weite Teile der Bucht zu sauerstoffarmen Todeszonen wurden, in denen nichts leben konnte, waren es Ben und seinesgleichen, die ihre Arbeitssaison kürzen mussten, damit die Fischerei überleben konnte. Wieder einmal wurden sie beschuldigt, zu effizient zu sein. Man vergaß gerne, dass Bens Verwandte in jedem Krieg des zwanzigsten Jahrhunderts für eine Regierung gekämpft und geblutet hatten und gestorben waren, die entschlossen schien, sie verhungern zu lassen. Ben selbst hatte mit Auszeichnung gedient.
Zwei weitere Schnitte von Bens Messer entlang des hölzernen Entenschnabels. Er war schon näher an der richtigen Form, aber irgendetwas stimmte noch nicht. Nein. Ben entschied, dass er das Gold nicht zurückgeben würde, wer auch immer es vor seinem Vater besessen hatte. Nicht, solange es ein wenig von dem Leid auf Smith und Tangier Island lindern konnte. Sicherlich nicht, solange Bens Vater ertrunken ein paar Meter unter ihm trieb. Nicht, solange Ben Luft holte.
Ein weiterer Schnitt mit dem Messer. Der Entenschnabel stimmte immer noch nicht. Ben wurde klar, warum er es hinauszögerte, Ellis über seinen Fund zu informieren. Solange Ben der Einzige blieb, der wusste, wo Dick Blackshaws Leiche war, hatte er mit seinem Vater eine düstere Vertrautheit im Tod gefunden, die ihnen im Leben lange gefehlt hatte. Sagte man jemand anderem, dass Dick Blackshaw tot war, sprach man die Worte auch nur zu einer anderen Person, so wurde die entfernte Wahrheit plötzlich real.
Lonesome George, ein halbzahmer Kanadareiher, segelte auf breiten Schwingen heran und beanspruchte seinen Ich-bin-der-König-der-Welt! -Posten auf Miss Dotsys Bug. Die gewiefte, majestätische Kreatur kannte Ben und Knocker Ellis als leichte Opfer. Er schnorrte täglich Almosen in Form von frisch aus der Schale gelösten Austern. Ellis nahm eine aus dem mageren Fang. Er hebelte sie flink mit dem Messer auf und ließ das zuckende Fleisch nach vorne schnellen. Lonesome George schnappte es sich mitten in der Luft, ruckte zweimal seinen Kopf, um den Happen in seinem Schnabel zu positionieren, und schluckte runter. Trotz eines heiseren Schreis, einem Zucken seines Brustgefieders und einem bettelnden gelben Auge gab Ellis dem fliegenden Schmarotzer danach nichts mehr. Ben stählte sich selbst, brachte es zur Sprache. »'n paar Probleme da unten.«
Knocker Ellis nickte, schien so was erwartet zu haben. Der große Mann wartete stumm darauf, dass Ben weitersprach.
»Der Sturm hat ein Boot versenkt. Da unten bei dem Austernfelsen. Nantucket Lance. Schönes Boot.«
Knocker Ellis dachte kurz nach. »Tuckets sinken nicht.« Diese drei Worte ließen den langatmigen Fidel Castro stumm erscheinen.
Ben kämpfte mit der Überraschung, Ellis so gesprächig zu erleben. Und Ellis hatte recht. Wie hatte Ben das übersehen können? All die Anzeigen und die Fernsehwerbung für die Nantucket Lance prahlten mit ihren geschlossenen Flotationskammern. Der Hersteller zersägte in einem Demonstrationsvideo den Rumpf auf einem See erbarmungslos in kleine Abschnitte, doch jedes Stück blieb über Wasser. Die Anzeigen waren erstaunlich und sicherlich überzeugend. Dennoch lag da ein unsinkbares Boot auf dem Grund der Chesapeake Bay. Und wieso trieb ein ertrunkener Mann mit einer einwandfreien Rettungsweste im Schlamm bei diesem Boot? Vielleicht war die Weste doch nicht ganz einwandfrei. Ben wollte es beim nächsten Tauchgang überprüfen.
Er schob die letzte Frage beiseite. »Ich weiß, was ich gesehen hab.« Anstatt seinen Verlust zu enthüllen, sprach er lieber den Gewinn an. »War nich' allzu viel Ladung.«
Knocker Ellis schaute ihn kritisch an. »So? Wie groß?«
»Siebeneinhalb Meter vielleicht. Mittelkonsole. Drei 250er-Mercurys. Könnte ein hübsches Sümmchen erzielen.«
Knocker Ellis kommunizierte für einen Moment mit seinem inneren Taschenrechner. »Müssen an die zweieinhalb Tonnen Ladung sein.« Er schüttelte den Kopf und lächelte leicht, als bewunderte er etwas, das Ben nicht verstehen konnte.
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