Nach weiterem Stapfen stand er in einem flachen Wirbel aus Triebsand am Bug einer wunderschönen Nantucket Lance. Des einen Freud … Sie war etwa siebeneinhalb Meter lang und viel schicker als seine Miss Dotsy . Bens uraltes Boot besaß die klassischen, schwungvollen Chesapeake-Linien, gefertigt aus Bootssperrholz. Sie wurde von einem Atomic-Four-Motor angetrieben, einem bescheidenen Vierzylinder, der Rauch spuckte, ratterte und fauchte; und obwohl laut und schmutzig, war er so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. Bei Vollgas schaffte Miss Dotsy höchstens zehn Knoten. Und das mit der Strömung. Die Fiberglasrakete, die vor ihm auf dem Meeresboden lag, hatte eine Mittelkonsole und drei große Mercury 225-Pro-XS-Motoren am Heckbalken. Viel zu viel Leistung für solch ein kleines Boot. Dieses Schätzchen würde wie ein geölter Blitz davonflitzen und wäre bei Vollgas kaum unter Kontrolle zu halten. Es war nicht wirklich ein Rennboot. Es war ein Schlepper, ein modernes Schmuggelboot.
Diesem Punkt wurde Nachdruck verliehen, als Ben eine Art Fracht festgezurrt unter einer Plane entdeckte. Mit seinem alten Tauchermesser schnitt er einen der Gurte durch, entfaltete eine Ecke der Plane und hob sie an. Das Wasser trübte sich mit Schlick und es dauerte einen Moment, bis die Sicht wieder klar wurde. Ben erblickte einen Haufen gestapelter Boxen. Oder Munitionskisten? Er konnte sich bei dem schlechten Licht nicht sicher sein. Aber was auch immer, es war nun Bergungsgut. Sein Bergungsgut. Des anderen Leid. Vielleicht war etwas altes Erbsilber in den Kisten. Oder wenigstens interessanter Trödel, den ein Sammler bei der nächsten Auktion in Crumpton begehren könnte. Er zielte mit seiner Tauchlampe auf die nächste Kiste. Der Riegel, die Scharniere, die üblichen Schwachpunkte lagen alle im Inneren. Das war eigenartig, aber na gut. Vielleicht würden die Kisten selbst ein Sümmchen einbringen. Er bohrte mit der Messerspitze im Schloss herum. Kein Glück. Das Schlüsselloch war ein flacher Schlitz. Ben verdrehte das Messer kräftig. Es sprang mit einem knackenden Ping entzwei. Verdammt. Ein neues Messer war teuer. Ein weiterer Rückschlag angesichts seines Versuchs, Geld zu sparen. Vielleicht würde etwas aus seiner Küchenschublade in die Messerhülle passen.
Als Ben das abgebrochene Ende des Messers aus dem Schloss zog, beschlich ihn plötzlich eine vage Erinnerung. Die Rädchen in seinem Kopf begannen zu knirschen und zu kreischen, verzahnten sich dann schlussendlich miteinander und summten im Einklang.
Wie der tote Mann, so schien ihm auch das Boot seltsam vertraut. Obwohl Ben sich sicher war, das Boot tatsächlich noch nie zuvor gesehen zu haben, war es ihm an vielen langen Winterabenden als der Traum eines einzelnen Mannes beschrieben worden. Ein Vergnügungsboot, ja, aber mit genug Leistung, um ein Patrouillenboot der Natur- und Wasserschutzpolizei abzuhängen. Es war kein Arbeitsboot, zumindest nicht für gesetzestreue Arbeit. Es war der Traum eines armen Seemanns. Nicht wirklich praktisch und sicherlich bescheiden im Vergleich zu den Megajachten der Reichen und Impotenten.
Ja, Ben bemerkte die viel gepriesene Raymarine-Radarkuppel, die hoch auf dem Mast thronte. Und da saß die neueste Generation des Garmin-GPS. Gesonderte Treibstoffleitungen, Tanks, Ölabscheider und Batterien für jeden Motor. Check. Hochleistungs-Trimmruder von Lenco. Check. Viele weitere Spezialanfertigungen, Überflüssiges und Ausfallsicherungen, an deren Beschreibungen sich Ben erinnern konnte, lagen da vor ihm auf dem Grund. Der Mann, der so sehnsüchtig von diesem perfekten Schnellboot gesprochen hatte, war vor fünfzehn Jahren verschwunden. Ben wurde schlecht vor Entsetzen. Er hatte das verrottende Gesicht nicht wiedererkannt, aber er war dem wahr gewordenen Traum eines toten Mannes auf die Schliche gekommen.
Wachgerüttelt, die Müdigkeit und Kälte vergessen, bahnte sich Ben seinen Weg zu dem friedlich betenden Leichnam. Beim Gedanken an den Kontakt mit dem durchweichten Toten unterdrückte er einen Würgereiz und ergriff das Jackenrevers. Er las den ausgeblichenen Namen, der auf dem Stoffstreifen über der rechten Brusttasche gedruckt war. Nicht der richtige Name.
Ben kannte diesen Mann. Er fühlte es, aber er hatte keinen Beweis. Frustriert klaubte er die Brieftasche aus der inneren Jackentasche. Als seine Taschenlampe flackerte, wurde die kleine Schrift auf dem Führerschein ein- und ausgeblendet. Er schüttelte die Lampe kräftig. Der Lichtstrahl erhellte sich für einen Moment. Der Name auf dem Führerschein war auch nicht richtig und er unterschied sich von dem auf der Jacke. Tom Chase. Ein Alias vielleicht? Ben sammelte mehr Fragen als Antworten. Viel mehr Fragen als Austern.
Es war das Foto auf dem Führerschein, das Ben den Atem verschlug. Blasen stiegen nicht länger aus seinem Atemregler, als sich seine Nackenmuskeln wie eine Schlinge zusammenzogen. Er richtete sein schwindendes Licht auf das Bild, um sicherzugehen. Die gesamte Welt verschwamm vor seinen Augen. Er klappte die Brieftasche zu, zog die Rettungsweste nach unten und enthüllte das Gesicht des Kadavers vollständig. Ein totes Auge wurde von den maritimen Marodeuren konsumiert. Nun war es eine halb geschlossene Augenhöhle. Das andere Auge, das rechte, blickte ihn glänzend und unerbittlich an. Ben dachte, dass er die verräterische Narbe erkannte, die von der Stirn über das Auge bis runter zur Wange verlief.
So viel Zeit war vergangen. Zu viele Fragen und Wahrheiten würden nun für immer unausgesprochen bleiben. So hätten die Dinge eigentlich nicht enden sollen. Odysseus, der Krieger, hatte es nach so langer Zeit beinahe nach Hause geschafft.
Mit einem Male spürte Ben wieder die Kälte. Sein Körper schmerzte vor Traurigkeit und er hörte das Todesrasseln der Hoffnung in seinem Herzen. Alles, was durch den Kummer in den Tiefen seiner Seele an seinen gefrorenen Verstand drang, war die Begrüßung eines Jungen aus alten Tagen. »'n Abend, Paps.«
Maynard Chalk ließ sich von ihr nichts vormachen. Und er hasste sie mit fiebriger Leidenschaft. Mit übermenschlicher Anstrengung unterdrückte er den Drang, ihr gleich hier im Flugzeug die Kehle zu durchtrennen. Die Menschen hinter dem Vorhang, einschließlich ihrer Gehilfen und einer Handvoll Journalisten, wussten, dass Senatorin Lily Morgan, (R) Wisconsin, alles andere als die liebliche Großmutter war, die sie vorzugeben schien. Ihr weißes Haar war zu einem flaumigen Dutt gezerrt, ihre matronenhafte Figur und die rosafarbenen Apfelbäckchen verleumdeten ein skrupelloses Wesen, das nur von sehr Wenigen außerhalb der Mixed Martial Arts geteilt wurde. Ihr kleiner Zirkel gleich gesinnter Soziopathen beinhaltete Chalk, der sich in dem breiten Ledersessel neben ihr rekelte. Er tröstete sich selbst. Er musste so schnell wie möglich wieder nach Washington zurück, doch er konnte genauso gut die Mitfluggelegenheit mit der privaten Bombardier Challenger 605 der Senatorin nutzen. Chalk war Senatorin Morgans Mädchen für alles, aber nur noch für kurze Zeit. Der wahre Preis des Fluges bestand darin, dass er es über sich ergehen lassen musste, von ihr durch den Kakao gezogen zu werden. Sie war wegen irgendetwas stinksauer, und dies war ein weiteres ihrer nervigen, geheimen Treffen, die es auszuhalten galt. Reine Zeitverschwendung. Gemäß ihres verschwiegenen Protokolls hatte er ihren Jet in Milwaukee betreten, lange bevor sie das Flugfeld erreichte, damit sie ja nicht gemeinsam von der Presse gesehen wurden. Am Ende des Fluges nach D. C. würde Chalk eine ganze Stunde im dunklen, kalten Flugzeug warten müssen, bis die Limo der Senatorin und jegliche Reporter den Flughafen verlassen hatten. Was zwischen Start und Landung geschah, war für Chalk normalerweise die reinste Hölle. Senatorin Morgan nannte es aufmunternde Worte. Die angesehene Dame aus Wisconsin zischte: »Es macht die Runde, du wärst zurzeit nicht gerade in Bestform und dass mit dieser Operation etwas nicht stimmt. Läuft denn alles, wie es soll? Spuck schon aus. Ich will einen Lagebericht. Nennt ihr durchgeknallten Vietnam- Landeier das nicht so?« Chalk würde die Fünfziger bald hinter sich lassen und im Moment fühlte sich jedes seiner Lebensjahre zehnmal so lang an. Er hatte der Senatorin vor vielen Jahren geholfen ins Amt zu kommen, erst auf lokaler und dann auf nationaler Ebene, indem er entscheidende Bezirksmeldungen vereitelt hatte. Verdeckte Operationen waren schließlich sein Hauptgeschäft. Dank Chalk hatte die Senatorin nun genug Schlüsselpositionen in diversen Komitees inne, um jeden Tag der Woche Hinterzimmergeschäfte vom Typ Iran-Contra-Affäre abzuwickeln. Als Gegenleistung beteiligte sie ihn am Gewinn. Aufträge wie diese waren sein tägliches Brot seit seinen Seelen zerstörenden Touren in Südostasien als Geheimagent von Air America. Im Laufe seiner dubiosen Tätigkeiten hatte er für sieben US-Präsidenten dafür gesorgt, dass sie gewisse Sachverhalte glaubhaft abstreiten konnten. Heimlich, still und leise erledigte er all die verräterische Flickarbeit, die jedes moderne Staatsschiff über Wasser hielt. Neben Chalks Truppe sahen die Söldner von Winedark Inc. wie unfähige Schlappschwänze aus.
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