»Da ist einer vom Rathaus dabei. Der dort«, er streckte den Arm aus, »der gerade so wild mit den Armen rumfuchtelt. Hab vorhin mit ihm gesprochen. Alles wie bei uns.«
»Und was jetzt?«
»Das ist die Frage: was jetzt? Wenn das einer weiß, ist ihm wahrscheinlich ein Nobelpreis sicher! Oder zwei.«
»Genau«, meldete sich Nussberger, aber nur, um sofort wieder in rauchendes Schweigen zu verfallen.
»Vielleicht, wenn wir wüssten, wie es anderswo aussieht, ob nur wir hier betroffen sind oder das ganze Land oder Europa …«
»… oder die ganze Welt …« Faust zog die Augenbrauen in die Höhe. »Daran möchte ich lieber nicht denken! Stellt euch vor, das Ganze hier ist keine lokale Geschichte, sondern geschieht weltweit, malt euch mal aus, was dann auf uns wartet!« Er schüttelte den Kopf und erhob sich.
»Was sollen wir dann deiner Meinung nach jetzt tun?« Mettmüller sah zu Faust auf. War das die entscheidende Frage? Faust wusste es nicht, wusste keine Antwort. Keiner wusste eine Antwort, egal auf welche Frage. Abwarten? Auf Hilfe hoffen? Die Ursache finden? Und dann?
»Ich denke, ob wir nun vom Schlimmsten ausgehen oder ob wir das Beste herbeiwünschen ist egal. Wichtig wäre, dass wir uns zusammensetzen, wir hier im Dorf. Außerdem könnte ich was zu trinken vertragen, ich bin völlig ausgetrocknet. Treffen wir uns in der Krone.«
Nussberger nickte, denn in der Krone, dem alten Gasthaus in der Ortsmitte, würde er eine Schachtel Zigarren bekommen.
»Meint ihr nicht, dass es dafür noch ein bisschen zu früh ist?« Bardo Schwab war, von den dreien unbemerkt, dazu gekommen.
»Bardo? Was machst du hier? Solltest du nicht an deiner Werkbank stehen?«
Bardo nickte.
»Hab es ja versucht, aber in Koblenz sieht es genau so aus wie hier.«
Er betrachtet das Trümmerfeld und schüttelte den Kopf.
Bardo, Enddreißiger und eigentlich Tischler, hatte vor Jahren den kleinen Betrieb, den ihm sein Vater hinterlassen hatte, gründlich ruiniert. Die Tischlerei wird dich immer ernähren, hatte ihm sein Vater oft genug gepredigt und damit nicht recht behalten. Zwar konnte Bardo arbeiten wie kaum ein Zweiter, sobald aber Papiere, Rechnungen und Termine mit ins Spiel kamen, setzte es bei ihm aus. Und so fand der Gerichtsvollzieher, als er eines Tages den Betrieb pfändete, neben einer wunderschönen Eckbank, an der Bardo gerade arbeitete, auch einen Abstellraum, in dem sich Rechnungen und Mahnungen in buntem Durcheinander mit Werbeprospekten und alten Tageszeitungen türmten. Seitdem hatte er einen Job in der Schweiz, in Koblenz, wo er in einer Industrietischlerei im Akkord bestimmte Einzelteile eines unbekannten Großen anfertigte. Er verdiente gut dabei und sein Schuldenberg wurde jeden Monat ein wenig kleiner.
»Punkt sieben standen plötzlich alle Maschinen still und die Lichter gingen aus. Als dann noch ein Flugzeug Richtung Zürich herunterkam, habe ich gemacht, dass ich wegkomme!«
»Also ist es überall das Gleiche.«
Bardo nickte. »Ich hatte Mühe, überhaupt noch zurückzukommen. Das mit den Flugzeugen scheint die Leute völlig aus der Bahn geworfen zu haben.«
»Na«, unterbrach ihn Faust, »unser Stromausfall, die toten Telefone und, nicht zu vergessen, die trockenen Wasserhähne, sind ja auch nicht schlecht, oder?« Faust versuchte zu lächeln, aber es wurde eher ein hilfloses Grinsen. Trotzdem verstanden die anderen.
»Wie sieht es auf den Straßen aus?«, wollte Mettmüller wissen. »Anne«, er zeigte zu einer Frau in der Gruppe der Diskutierenden hinüber, »ist vorhin aus Donaueschingen gekommen und meinte, dort herrsche das totale Chaos und es gäbe kaum noch ein Durchkommen.«
Bardo wusste, was Anne meinte. Er selbst war nur mit Mühe zurück über den Rhein gelangt. Die Fahrt durch Waldshut glich dann einer Odyssee, bei der er versuchte, jede bekannte Ampelkreuzung zu umschiffen und selbst für die Fahrt übers Land zurück nach Wellendingen, die nie mehr als fünfunddreißig Minuten dauerte, hatte er heute über zwei Stunden benötigt. Und das auch nur, weil er Schleichwege benutzte, die den meisten anderen unbekannt waren.
»Und wieso meinst du ist es zu früh, sich unten in der Krone zusammenzusetzen?«, wollte Frieder wissen.
Bardo zuckte nur mit den Achseln.
»Keine Ahnung, nur so ein Gefühl. Kann mir nicht vorstellen, dass da groß was bei rauskommt. Sind doch alle total daneben.« Frieder nickte. Total daneben – das traf es auf den Kopf, genau so fühlte er sich. Total daneben. Trotzdem hatte er Durst.
»Dennoch«, er stand auf, »versuchen kann man’s ja mal.«
»Genau.« Auch Eugen Nussberger erhob sich und räusperte sich geräuschvoll.
Schnell fanden sich vier Freiwillige, die mit ihren Autos durchs Dorf fuhren, hupten und die wenigen Daheimgebliebenen vom Treffpunkt unterrichteten. Punkt zwei im Gasthaus Krone. Eine Handvoll Unentwegter wollte die Hoffnung noch nicht aufgeben und im Trümmerfeld zwischen Hardt und Lindenbuck weiter nach eventuellen Überlebenden suchen, darunter Bubi. Die Bonndorfer brachen auf, um ein ähnliches Treffen in ihrer Stadt zu organisieren.
Faust, Nussberger und Mettmüller trafen als Erste in der dunklen und kühlen Gaststube ein. Der Wirt, Berthold Winterhalder, hatte die breite Ziehharmonikatür zum Nebensaal geöffnet und eilig die Stühle von den Tischen genommen.
»Glaubt ihr, es kommt überhaupt jemand?«
Seine Frage beantwortete sich schnell von selbst. Als hätten sie nur auf einen Ruf gewartet, strömten die Menschen aus ihren Häusern. Vor allem Frauen, die mit ihren Kindern zu Hause geblieben waren und Ältere, denen die Suche am Hardt zu anstrengend schien, sodass sie diese lieber den Jüngeren überlassen hatten, gierten nach Gesprächen und Informationen. Kurz nach zwei waren beide Stuben der Wirtschaft zum Brechen gefüllt. Frieder hatte es sich am Tresen bequem gemacht, vor sich bereits die zweite Flasche Bier.
Wellendingen besaß, seit es vor Jahren Teil der Gemeinde Bonndorf geworden war, weder einen eigenen Bürgermeister noch einen Ortsvorsteher, sodass jetzt keiner anwesend war, dem es von Natur aus zufiel, das erste Wort zu ergreifen. Schließlich erhob sich Pfarrer Kühne und im Saal wurde es still.
»Wir wissen nicht«, begann er, »was die Ursache all dessen ist, was in den letzten Stunden geschah.« Jakob Kühne, mit seinen zweiundvierzig Lenzen der jüngste Pfarrer, den die kleine Gemeinde bis dato hatte, wirkte gefasst und ungewöhnlich ernst. Wäre man auf der Suche nach dem Sinnbild des süddeutschen Dorfgeistlichen − hier hätte man ihn gefunden. Gemütlich und durch kaum etwas aus der Ruhe zu bringen, mit einem erheblichen Bauchansatz, gesund strahlenden roten Wangen und einer Nase, deren Röte und Größe davon erzählte, dass Pfarrer Jakob Kühne durchaus auch seine Erfahrungen im Bereich der weltlichen Genüsse hatte, stand er vor seinen Zuhörern und suchte die passenden Worte. »Aber um ehrlich zu sein«, er zögerte und kratzte sich am Hinterkopf, »um ehrlich zu sein, weiß ich weder was geschehen ist noch wie es weitergehen soll.« Unter seinen Zuhörern wurde es unruhig. »Aber vielleicht kann ein Gebet uns weiterhelfen. Ich weiß«, er hob beide Hände, um dem Murren, vor allem der Jüngeren, Einhalt zu gebieten, »ich weiß, dass ihr im Moment anderes im Kopf habt, aber haben wir heute nicht genug Schlimmes erlebt und genug Tod gesehen? Kann einer von euch einen klaren Gedanken fassen? Kommt, lasst uns zusammen beten, ich werde es auch kurz machen!« Damit faltete er die Hände vor seinem Bauch und senkte den Kopf.
»Herr, gib uns die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können und gib uns den Mut und die Kraft, Dinge zu verändern, die wir ändern können. Und wir bitten dich, gib uns die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Amen.«
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