Er hatte sich nach und nach vom eigentlichen Wrack wegfotografiert und war über das Feld den Spuren gefolgt, die der Rumpf in die Erde gegraben hatte. Und er nahm dabei die Kamera nur selten vom Auge.
Gepäckstücke lagen, im weiten Umkreis verstreut und zum Teil vollkommen unversehrt, neben Körper- und Wrackteilen. Und, wenn er zurücksah, ragte dort der flügellose Airbusrumpf in den Himmel, schwarz verbrannt, mit leeren Augenhöhlen, aus denen Flammen züngelten. Über allem trieben Schönwetterwolken durch den Maitag und Lerchen übertönten in einiger Entfernung bereits wieder die Geräusche des Infernos. Das waren Fotos!
Das Leben war so schön! Und manchmal auch gerecht. Eine Flugzeugkatastrophe hier, direkt vor seiner Haustür! Und er mitten dabei! Und diese Bilder! Wie viel würden sie wohl zahlen bei den Sendern? Er wollte die Bilder mehreren Sendern anbieten. Und abkassieren! Das war vielleicht die Chance seines Lebens! Nie wieder blöde Bewer bungsgespräche, nie wieder einen Wecker stellen und Schulbänke drücken! Denn diese Bildern, er streichelte die Canon wie einen Schatz, würden ihn mit einem Schlag berühmt machen! DIE VOLKER-FAUST-REPORTAGE! Nein, besser: BUBI-FAUST-REPORTAGE! ER FÄNGT AN, WO ANDERE AUFHÖREN! MIT BUBI FAUST SIND SIE NICHT NUR DABEI, SONDERN MITTENDRIN! So könnte es werden, nein, so würde es werden!
Bubi hatte weiter fotografiert, die Gigabyte-Speicherkarte setzte keine Grenzen, kannte kein Ende. Er fotografierte auch noch, als Dorfbewohner und Leute aus Bonndorf, die zu der Absturzstelle geeilt waren, begannen, nach Überlebenden zu suchen. Zweihundert waren es vielleicht, die sich zwischen die Trümmer wagten, zweihundert Frauen und Männer, die helfen wollten.
Bubi hatte keine Überlebenden gesehen. Na ja, fast keine. Eine Frau hatte gerufen. Geflüstert. »Hilfe.« Die Worte waren wie ein raschelndes Blatt gewesen. So leise, so unbedeutend. Bubi hatte kurz gestutzt und, das Wrack in seinem Sucher, eine atemberaubende Aufnahme geschossen.
»Hilfe!«
Etwas lauter. Eine Stimme!
Bubi hatte sich umgesehen und, zwischen Koffern, Taschen und halb unter einer großen Metallplatte begraben, eine Frau entdeckt, die noch festgeschnallt in ihrem Sessel saß. Sie blutete aus beiden Ohren. Eine Augenhöhle war leer. Mit dem anderen Auge sah sie zu Bubi hinüber und in ihrem Blick lag ihr Flehen um Hilfe. Ihre rechte Schulter war von einer Metallplatte zertrümmert und im Bauch steckte eine Stange, die bis zu ihrer Wirbelsäule eingedrungen war. Ihre Beine würde die Frau nie wieder benutzen können.
Bubi ging zu ihr. Aber nicht, um ihr zu helfen, um die Metallplatte anzuheben oder nach Hilfe zu schreien und zu winken, bis die anderen endlich kämen. Bubi kauerte sich neben sie und wartete, bis sie genau in die Linse seiner Kamera sah, dann drückte er ab und lächelte glücklich. Denn das Leben war schön.
Frieder Faust, Jürgen Mettmüller und Eugen Nussberger saßen etwas abseits von den anderen unter einer knorrigen Kiefer. Von hier aus hatten sie einen überwältigenden Blick auf Wellendingen und die sanften Wogen des Schwarzwaldes dahinter. Frieder Faust erkannte sein Haus. Es lag an einer kleinen Seitenstraße, nur wenig oberhalb des Ortskerns. Hier war er aufgewachsen, dort, wo früher die Ärmeren und Zugezogenen lebten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kamen selbst hierher, in den äußersten Südwesten Deutschlands, Flüchtlinge aus dem Osten und ein paar von ihnen waren in dieser Straße hängen geblieben. Eine Frau mit vier Kindern kam aus Ostpreußen, ihr Mann folgte erst acht Jahre später aus russischer Kriegsgefangenschaft und einer schier endlosen Odyssee quer durch ganz Deutschland. Er hatte seine Familie wiedergefunden, aber sie fanden nie wieder zueinander. Für die Kinder blieb er ein Fremder und für seine Frau nur noch der Schatten einer längst vergangenen glücklicheren Zeit. Er nahm sich zwei Jahre später das Leben. Der Mann war Frieder Fausts Großvater.
Drei der vier Kinder verließen Wellendingen, nur Frieder Fausts Vater, der Älteste, blieb. Eine kleine Witwenrente und acht Kühe ernährten ihn und seine Mutter. Als Fausts Eltern heirateten und seine Mutter rasch nacheinander drei Kinder gebar, reichte, was die kleine Landwirtschaft abwarf, vorn und hinten nicht mehr. Frieder, jüngster Spross, musste die abgetragenen Kleider seiner Schwestern tragen, nach der Schule mit im Stall helfen und während der Erntezeit blieb er dem Unterricht ganz fern. Für Freundschaften blieb wenig Zeit und an den spärlich gesäten Tagen, die er zur freien Verfügung hatte, war er der Prügelknabe der anderen. Selbst heute, mit Ende vierzig, hört er noch das hämische Lachen.
»Frieder heißt er und in die Hosen scheißt er!«
»Aber ich mach doch gar nicht in die Hosen!«
»Die sehen aber so aus.« Und lachend und grölend waren sie durchs Dorf gezogen und hatten sich über ihn lustig gemacht. So hatte er gelernt, dass er allein war. Und er hatte gelernt, dass er den anderen nur dann etwas bedeuten konnte, wenn er mehr hatte als sie, wenn er es zu etwas brachte. Er schaffte mit Mühe die Hauptschule und ging im nahen Bonndorf in die Zimmermannslehre. Hier lernte er Hände und, welch überraschende Erfahrung, seinen Kopf zu gebrauchen. Er liebte es bald, seinen Händen bei der Arbeit zuzusehen und er liebte den Anblick eines fertigen Hauses, von einem Dachstuhl aus seinen Händen gekrönt.
Nach seiner Gesellenzeit wollte er den Ort verlassen, der für ihn zum Synonym für Armut, Demütigungen und sadistische Kinderstreiche geworden war. Aber irgendwie hatten ihn die Angst vor der Welt da draußen und der Wunsch, seinen Feinden aus Kindertagen zu beweisen, wozu er fähig sein könnte, in Wellendingen gehalten. Und so riss er nach dem Tod seiner Eltern den alten heruntergekommenen Hof ab und ersetzte ihn durch einen protzigen Neubau. Seitdem haben die Spötteleien aufgehört und so etwas wie Achtung meinte er in den Stimmen der anderen zu hören, wenn sie mit ihm über das Wetter oder die letzte Feuerwehrübung sprachen. So, wie er es sich jahrelang erträumte, hatte das Dorf den kleinen Verlierer in hastig abgenähten Mädchenkleidern vergessen. Ebenso den begriffsstutzigen Jungen, der er einmal war und der stets nach Kuhstall roch. Vergessen.
Aber er hatte nichts vergessen.
Frieder war jetzt geachtet. Die Menschen blieben vor seinem Haus stehen und mehr und mehr wurde er bei neuen Bauvorhaben im Ort und der Umgebung zu Rate gezogen oder auch gleich mit dem Projekt beauftragt. Frieder Faust war jetzt ein angesehener Mann.
Hände und Gesichter der Männer waren schwarz und glänzten von Ruß und Schweiß. Sie hatten jetzt über drei Stunden nach Überlebenden gesucht, aber bis auf eine grässlich verstümmelte Frau, in der bereits kaum noch Leben war, als Bubi sie fand und um Hilfe rief, nichts gefunden. Es war ein Wunder, dass die Frau überhaupt noch atmete.
»Meinst du, wir hätten ihr helfen können, wenn Bubi sie ein, zwei Stunden früher entdeckt hätte?« Mettmüller, dem der steile Sinkflug des Airbusses am Morgen als Erstem aufgefallen war, blinzelte in die Sonne. Er wirkte müde und die kurzen, roten Haare des Dreißigjährigen klebten nassgeschwitzt am Kopf.
Faust hob unwissend die Hände. »Keine Ahnung. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Jetzt ist es eh zu spät. Und wer hätte ihr helfen sollen?« Gewohnheitsmäßig kramte er den Flachmann hervor und setzte an. Aber die Flasche war leer.
»Habt ihr eine Idee, was hier eigentlich los ist?« Mettmüller sah zu Faust und zu Nussberger, der an seiner Zigarre zog. »Sollten wir nicht jemanden nach Bonndorf schicken? Vielleicht wissen die im Rathaus etwas oder haben wenigstens noch ein funktionierendes Telefon?«
Faust schüttelte den Kopf und zeigte auf eine kleine Menschengruppe, die in zwanzig Metern Entfernung miteinander diskutierte.
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