Abb. 1: Pflügende Bauern und spielende Kinder; Holzschnitt von Ernst Würtenberger. – In: Schweizerland 5 (1919) H. 9/10
Als die Landraub der VäterVäter endlich ihre Feldarbeit beendet haben, pflügen beide, jeder auf seiner Seite, eine stattliche Furche vom verwilderten Acker ab und schlagen sie in stiller Übereinkunft ihrem Eigentum zu, ohne dass der eine das Unrecht des anderen wahrnehmen will.
Streit der Väter (S. 11–30)
Dieser unscheinbare, einmal jährlich begangene Frevel, der den mittleren Acker allmählich zu einem langen, schmalen Band schrumpfen lässt, wiederholt sich so lange, bis endlich das Reststück zur Versteigerung des mittleren AckersVersteigerung kommt. Die einzigen ernsthaften Bieter sind die beiden Anlieger, wobei Manz es schließlich erwirbt.
Marti hat allerdings kurz zuvor aus dem unteren Teil des Versteigerungsobjekts noch einen auf den ersten Blick unscheinbaren Zipfel herausgepflügt und diesen seinem Feld zugeschlagen. Da er nun nicht bereit ist, diese das Auge störende Unregelmäßigkeit wieder rückgängig zu machen, und Manz keineswegs auf das herausgeschnittene Dreieck und SteinpyramideDreieck verzichten will, belastet dieser beim Säubern seines neu erworbenen Grundstücks das strittige Eckchen Land mit all den Steinen, die beide Bauern von jeher während des Umpflügens ihrer Äcker auf das herrenlose Anwesen geworfen haben. Diese aus Rache von Manz auf dem Dreieck errichtete Steinpyramide ist der Ausgangspunkt für langjährige gerichtliche Auseinandersetzungen zwischen den zwei Bauern, die nicht eher ruhen, bis sie ihre Familien zugrunde gerichtet haben. Um mit den zwei Prozessführenden ihren Spaß zu treiben oder in ihre eigene Tasche zu wirtschaften, helfen ›Berater‹ aus dem nahen Seldwyla kräftig mit, durch falsche Ratschläge die Streitenden vollends in den Ruin zu treiben.
Schließlich ist Manz der Erste, der völlig Verarmung und Verwahrlosungverarmt sein Anwesen aufgeben und das Heimatdorf verlassen muss, um notgedrungen in Seldwyla eine abgewirtschaftete Kneipe zu übernehmen, ohne damit die weitere Verarmung seiner Familie und die zunehmende Verwahrlosung seiner Persönlichkeit aufhalten zu können. Der Rivale Marti hält sich nach wie vor auf seinem Hof, da er nach dem Tod seiner Frau, die frühzeitig aus Scham und Kummer gestorben ist, nur für sich und seine anspruchslose Tochter aufkommen muss, sodass er weniger verbraucht als die dreiköpfige, mehr zur Prahlerei neigende Familie Manz.
Nach zwölf Jahren sind beide Bauern ganz unten angekommen, und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich mit Beim FischenFischfang das Allernotwendigste zum Leben zu beschaffen und zugleich mit stundenlangem Angeln den Tag totzuschlagen. Nach wie vor haben die Männer allein im Kopf, was man dem verhassten Gegner Böses anhängen oder besser noch, wie man ihn vollends in den Abgrund stoßen kann.
Leidtragende des endlosen Streits zwischen beiden Familien sind die Leidtragende KinderKinder. Sali ist nun ein ansehnlicher junger Mann im Alter von 19 Jahren, aber ohne eigentliche Erziehung, vor allem aber ohne Ausbildung und Arbeit; Vrenchen ist ein 17-jähriges außergewöhnlich schönes Mädchen, das das unaufhaltsam zerfallende Familienanwesen, so gut es geht, selbstlos zusammenzuhalten versucht.
Beide Kinder haben sich aus den Augen verloren und sehen sich nach langer Zeit im Beisein ihrer Väter beim Fischfang an einem Bach erstmals wieder. Als die Streithähne nach lauten Beschimpfungen sich auf einem schwankenden Auf dem StegSteg auch noch zu schlagen beginnen, sodass knapp über dem Wasser mitten in einem Gewitter ein Kampf auf Leben und Tod einsetzt, bringen Sali und Vrenchen mit vereinten Kräften die außer sich geratenen Männer auseinander, obwohl sie eigentlich ihren Vätern haben beistehen wollen. Als sie auseinandergehen, geben sich beide Kinder sogar, von den Alten unbemerkt, schweigend die Hände.
Salis Steinschlag (S. 30–44)
Schon am folgenden Tag finden Sali und Vrenchen wie von selbst wieder zusammen. Ihr Stelldichein verabreden sie da, wo sie schon als Kinder zusammen gespielt haben, nämlich an jenem umstrittenen Ackerzipfel zwischen den beiden Feldern. Unversehens aber begegnen sie hier dem schwarzen Begegnung mit dem schwarzen GeigerGeiger. Nicht nur dessen unerwartetes Auftreten und unheimliches Aussehen, sondern auch die von ihm nun ausgesprochene Schuld der Eltern an seinem Unglück stören beträchtlich die Wiedersehensfreude der Kinder. Zudem beschwert die Prophezeiung des Landstreichers, er werde gewiss noch den Tod des jungen Paares erleben, das Beisammensein.
Wieder allein, vergessen Sali und Vrenchen vorübergehend alles Unglück, während sie mitten im reifen Korn Zärtlichkeiten austauschen. Als aber Vrenchens Vater die beiden aus dem Kornfeld kommenden Kinder entdeckt und er seine Tochter misshandelt, schlägt Salis TatSali ihn halb aus Angst, halb im Jähzorn mit einem Stein der ehemals von Manz errichteten Steinpyramide nieder. Er verletzt Vrenchens Vater dabei so schwer am Kopf, dass dieser für immer seinen Verstand verliert.
Liebe und Tod der Kinder (S. 44–80)
Vrenchen verschweigt hartnäckig, wie es zu Martis Verletzung gekommen ist, sodass Salis Schuld unentdeckt bleibt. Nachdem sie fast zwei Monate lang den Vater aufopferungsvoll gepflegt hat, weist man ihn auf Gemeindekosten in eine geschlossene Marti zu den GeistesgestörtenAnstalt in der Hauptstadt des Landes ein, wo Marti den Rest seines Lebens verbringen muss; denn Haus und Hof sind überschuldet und müssen geräumt werden.
Als schließlich Vrenchen den Vater auf dessen letzter Reise begleitet hat, verbringt sie erstmals mit Sali den Abend in dem heruntergekommenen Sali zu Hause bei VrenchenHaus, das das Mädchen nur noch zwei Tage bewohnen darf. Wie vor zwölf Jahren draußen auf dem verwilderten Acker schlafen beide Kinder friedlich nebeneinander ein, nur dieses Mal nicht in der mittäglichen Septembersonne, sondern abends auf dem warmen Küchenofen, dem einzigen Gegenstand, der in dem bereits leer geräumten Haus noch Wärme spendet. Den beiden unglücklich Verliebten wird während ihres Beisammenseins aber völlig klar, dass Salis Tat und deren Folgen eine gemeinsame Zukunft endgültig verstellt haben, sodass eine Trennung für immer unumgänglich ist.
Was Sali und Vrenchen sich schließlich zugestehen, ist ein einziger Gemeinsamer SonntagSonntag, an dem sie alles das durchleben möchten, was einem Liebespaar sonst in einer langen glücklichen Brautzeit vergönnt ist. Wie vor zwölf Jahren ist auch dieser Tag wiederum ein sonniger Herbsttag, an dem nun frühmorgens Vrenchen zusammen mit Sali das elterliche Anwesen verlässt, sodass sie von jetzt an ohne Unterkommen ist. Auch Sali nimmt in einer eigenartigen Stimmung von zu Hause Abschied. Zudem hat er tags zuvor noch seine Uhr mitsamt Kette versetzt, auf Vrenchens Wunsch ein Paar Tanzschuhe für das Mädchen besorgt, und so ziehen beide, einem glücklichen Brautpaar gleich, übers Land. Sie haben nur einen Wunsch: ein einziges Mal glückselig miteinander tanzen zu können, bevor sie dann auseinandergehen wollen.
Nach einem feinen Frühstück in einem Landgasthof essen sie als ein angesehenes Auftreten als HochzeitspaarBrautpaar im nächsten Ort zu Mittag und besuchen die Kirchweih in einem dritten Dorf, wo Sali ein kleines Lebkuchenhaus für seine heimatlose Vrenchen ersteht und die beiden Kinder auch noch heimlich Ringe füreinander erwerben. Da die Festbesucher sie aber bald als die Nachkommen der zwei verfeindeten und verkommenen Bauernfamilien erkennen, Vertreibungfliehen sie verschämt und verstört vor den sie umringenden Gaffern.
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