Das war ein großer Tag für die Jugend, sie hatte ihr Ziel erreicht, Toni war frei, die Unschuld des Waldbauern bewiesen. Der Kirschhofbauer gestand, dass er schon lange gewildert hatte und schließlich Tonis Vater in den Verdacht bringen wollte. Deshalb hatte er auch das belastende Material versteckt. Er hatte gehofft, auf diese Weise leicht eine Wiese erwerben zu können, auf die er ein Auge geworfen hatte und die der Waldhofbauer nie verkaufen wollte. Als dann alles gelungen schien, gedachte er das Wild seinem Abnehmer in der Stadt zu bringen und das Gerät weiter unten im Bach zu versenken, da er nun seine gefährliche Tätigkeit aufgeben wollte. Der Waldhofbauer wurde freigelassen, alle waren freundlich zu ihm und wollten das gutmachen, was sie ihm angetan hatten.
Die Kinder aber standen bis zum Einbruch der Dunkelheit um den Dorfbrunnen herum und besprachen ihre große Tat.
»Woher hast du denn eigentlich sicher gewusst, dass Toni und sein Vater unschuldig sind?«, wandte sich schließlich der dicke Fridolin an Elfi.
»Woher ich das gewusst habe?«, wiederholte das Mädchen nachdenklich, »Ich glaube, ich habe es gewusst, weil ich Toni gern habe.«
Nun wurde die Kleine doch verlegen, da es alle gehört hatten, doch Toni ergriff sie an der Hand, und die Kinder eilten fort, heimwärts, dem Walde zu …
Entstehungsdatum ca. 1946–1950
Schon lange leistet sie mir gute Dienste – eine einfache Kamera, wie man sie für wenig Geld in jedem Fotogeschäft kaufen kann. Ich pflege meine Filme in einer engen Dachstube, die ich als Dunkelkammer eingerichtet hatte, selbst zu entwickeln und habe bereits eine erkleckliche Anzahl von guten Aufnahmen gesammelt.
Eines Abends – Marga war bei mir gewesen, hatte mich aber schon früh verlassen – ging ich noch in den Speicherraum, um den Film zu wechseln. Nachher erinnerte ich mich, dass ich dabei aus Versehen den Kameraverschluss geöffnet hatte, maß dem aber keine Bedeutung zu, da sowieso Rotlicht eingeschaltet war.
Als ich den Film dann aber aus dem Fixierband nahm, musste ich ärgerlich feststellen, dass die letzte Aufnahme doch gelitten hatte, sie war etwas verschleiert. Trotzdem fertigte ich die Positive an.
Wer beschreibt nun mein Erstaunen, als sich der Schleier als ein überlagertes Bild Margas entpuppte. Deutlich konnte ich sie erkennen, aber nicht sie allein: Neben ihr stand Walter, dessen Interesse für Marga mir schon lange aufgefallen war. Und nicht nur das: Sie hatte auch ihren Arm in den seinen gelegt …
Ich sprach nichts über diesen unerklärlichen Vorfall, doch er beschäftigte meine Gedanken noch lange und beunruhigte mich. Dennoch hätte ich ihn wahrscheinlich vergessen, wenn ich nicht auf Kurt aufmerksam geworden wäre.
In mir machte sich stets eine leichte Nervosität bemerkbar, sooft ich ihn mit Marga zusammen sah. Es lag etwas Eigenes in ihren Blicken, wenn sie einander ansahen, und obwohl ich keinen greifbaren Grund hatte, reimte ich mir diese und jene Beobachtung zusammen und litt darunter.
Eines Nachmittags wartete ich vergebens auf Marga. Eine sich stündlich steigernde Unruhe erfasste mich. Da kam ich plötzlich auf eine List: Ich nahm meinen Fotoapparat, ging in die Dunkelkammer, dreht das Rotlicht auf und drückte den Auslöser herunter. Unverzüglich entwickelte ich den Film. Als er endlich fertig war und ich ihn gegen die Lampe hielt, sah ich darauf Kurt und Marga. Sie saßen auf einer Bank, seine Hand ruhte auf ihrer Schulter …
Das erste Mal konnte es noch ein Zufall sein, das nochmalige Auftreten der Erscheinung überzeugte mich aber davon, dass hier andere Dinge mitspielten. Und als ich Marga direkt fragte, was sie an jenem Tag mit Kurt zu tun gehabt hätte, leugnete sie das Beisammensein nicht. Doch sie fand eine glaubwürdige Erklärung.
Zu den beiden Aufnahmen, die ich immer wieder aus der Schreibtischlade hervorholte und mit klopfendem Herzen anstarrte, gesellten sich noch einige weitere: Marga mit Willi, dann wieder mit Kurt, dann mit einem, den ich nicht kannte. Sie gaben mir aber keinen Grund, Marga zur Rede zu stellen, ich konnte sie nicht in einen Käfig sperren. Dennoch plagte mich die Eifersucht unerträglich, und ich schwankte unablässig zwischen Hoffnung und Zweifel.
Ich glaube, ich habe mich verändert, seit ich die wunderbaren Eigenschaften meiner Kamera erkannt habe. Ich konnte Marga nicht mehr so unbefangen gegenübertreten wie früher, doch sie merkte scheinbar nichts davon. Und wenn wir länger beisammen waren, wurde alles wieder wie früher. Bis zum gestrigen Tag.
Wir feierten Günters Geburtstag. Bis nach Mitternacht tanzten wir, der Wein steigerte die Stimmung bis zum Übermut. Dann war Marga plötzlich verschwunden. Und mit ihr Günter.
Ich suchte überall. Drang in alle Räume des Hauses ein. Tappte im dunklen Garten umher. Dann drehte ich mich um und rannte nach Hause. In der rotbeleuchteten Dunkelkammer verknipste ich einen ganzen Film. Mit zitternden Händen steckte ich ihn in die Entwicklerdose und wartete. Wartete wie im Fieber. Beim ersten fahlen Licht des Morgens hielt ich die Negative in den Händen …
Marga, was hast du mir angetan? Ich weiß, ich hab’ kein Recht auf dich, aber hast du alles vergessen, was zwischen uns war?
Doch das hat jetzt alles keinen Sinn mehr. Es ist vorbei. Ich kann es aber nicht fassen. Hätte ich die Kamera nicht gehabt, dann wüsste ich nichts und alles wäre beim Alten. Du würdest schweigen, und ich könnte noch glücklich sein. Doch der Fotoapparat hat alles zerstört.
Oder sollte er mich diesmal getäuscht haben?
Entstehungsdatum ca. 1946–1950
Der Professor saß in seinem Zimmer und schrieb.
Ein Student trat ein und bat den verdienten Mann, ihn zu einem Kolloquium zuzulassen.
»Ich prüfe jeden Dienstag von acht bis zwölf«, nickte der alte Herr freundlich, »melden Sie sich nur beim Portier an.«
»Verzeihen Sie, Herr Professor«, dienerte der Student, »vormittags ist es mir überhaupt unmöglich, dürfte ich vielleicht untertänigst bitten, einen Termin zu etwas späterer Zeit …«
»Gut, gut, vielleicht geht es mir Samstag um eins aus, ich bleibe dann etwas länger hier …«
»Pardon«, unterbrach der junge Mann, »mir wäre es erst um fünf Uhr möglich, ich wohne auswärts und …«
»Schon recht«, gewährte der Professor, »ich werde halt in Gottes Namen um fünf Uhr herkommen.«
Der Prüfling dankte ihm und entschwand.
Samstags um dreiviertel sechs wartete der Professor noch und machte sich zum Gehen bereit. Da klopfte es, atemlos stürzte der Student herein und entschuldigte sich wortreich.
»Nun, dann kommen Sie herein«, seufzte der Professor, und die Tür schloss sich hinter den beiden.
Nach einer guten halben Stunde verabschiedete sich der Hörer, der alte Lehrer aber trat kopfschüttelnd zu seinem Assistenten und erzählte:
»Einen ganzen Samstagnachmittag habe ich heute geopfert, eine Stunde habe ich warten müssen, und endlich sehe ich, dass der Kandidat ganz unvorbereitet war. Da sage ich zu ihm: Sie können ja gar nichts, bereiten Sie sich lieber noch zwei Wochen vor und kommen Sie dann wieder. Da antwortet er: Das kann ich nicht, ich brauche das Zeugnis schon nächste Woche für die Staatsprüfung. – Nun sage ich, dann gebe ich Ihnen halt ein ›ausreichend‹, um endlich Schluss zu machen. Da meinte er: Ich muss aber mindestens ein ›gut‹ haben, Herr Professor, sonst nützt mir die Prüfung gar nichts; bitte, stellen Sie mir doch noch eine Frage. Nun, ich gebe ihm noch eine ganz leichte Aufgabe, und wieder redet er herum und weiß nichts rechtes. Da sage ich schließlich: Na, ich schenke Ihnen halt ein ›gut‹, weil sie mir ja früher doch keine Ruhe geben. Und als ich jetzt zusammenpacke und gehen will, komme ich darauf: Meinen Bleistift hat er auch noch mitgenommen.«
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