Enttäuscht sah sich Elfi nach einer anderen Möglichkeit um, ihr Blick fiel auf den Kamin. Um eine Störung des Unterrichtes zu vermeiden, hatte man den Ofen, der im Winter die Klasse heizen sollte, so gebaut, dass das Feuer vom Gang aus betreut werden konnte.
Toni war nicht schlecht erstaunt, als aus dem Ofen plötzlich sein Name erklang. Er öffnete die Ofentür und erkannte Elfi, die ihm ein Paket Butterbrote durchreichte.
»Ich will dir helfen, Toni!«, flüsterte das Mädchen. »Was soll ich für dich tun?«
»Elfi«, wisperte er zurück, »das ist lieb von dir. Vater ist unschuldig, man müsste den wirklichen Wilddieb fangen. Aber da kannst du natürlich nichts dazu tun!«
»Das wirst du schon sehen!«, gab Elfi zurück, »Aber jetzt leb’ wohl, Toni, ich darf mich nicht erwischen lassen!«
Elfi lief durch das Dorf und wunderte sich, dass alle sie mit großen Augen anschauten. Ängstlich sah sie sich um; hatte man ihr Eindringen in das Schulhaus entdeckt? Doch niemand kam ihr nach.
Beim Dorfbrunnen wurde sie mit lautem Gelächter empfangen: »Ja, wie schaust du denn aus?!«
Elfi benützte den Brunnen als Spiegel und als ihr das eigene Gesicht entgegenblickte, verstand sie die Heiterkeit. Der Kamin hatte Spuren auf ihrem Gesicht hinterlassen. Nase, Wangen und Stirn waren schwarz von Ruß. Der Schaden war leicht behoben, Elfi tauchte ihre Hände in das klare Wasser und rieb sich das Gesicht ab, bis die Wangen noch röter waren als sonst. Viel schwerer würde es sein, die Spielgefährten zu ihrem Plan zu gewinnen. Das musste schon schlau angefangen werden.
»Passt einmal auf«, rief das Kind, »ich will euch ein Geheimnis anvertrauen, aber ihr müsst mir versprechen, es niemandem zu verraten!«
Geheimnisse verfehlten nie ihre Wirkung und so saß bald die fröhliche Gesellschaft mit gespitzten Ohren um Elfi herum, die sich an den Brunnenrand gesetzt hatte: »Also hört zu. Ich werde einen Wilddieb fangen.«
Um sie herum standen die Münder offen vor Staunen.
»Aber den haben sie doch schon eingesperrt!«, rief der dicke Fridolin.
»Sei still, das ist nicht der Richtige!«, widersprach Elfi heftig. »Der Waldhofbauer ist unschuldig, das weiß ich genau!«
»Woher denn?«, fragte Herta, ein Mädchen mit schönen, dunklen Locken.
»Das darf ich noch nicht sagen«, entgegnete sie, »aber ich wollte euch fragen, ob ihr mir dabei helfen wollt. Aber ich kann nur die brauchen, die keine Angst haben.«
Angst wollte keines haben, und so beratschlagten sie bald, wie die Aufgabe anzupacken sei. Noch lange wurde gewispert und geflüstert, sodass die Erwachsenen sich darüber wunderten, wie ruhig und brav die Kinder waren.
Als die Vesperglocken läuteten, ließ sich im Dorf kein Kind mehr blicken. Alle waren in den Wald gegangen und durchsuchten ihn nach Schlingen. Von einer feierlichen Ruhe war dort nichts zu bemerken, frohe Stimmen klangen auf, und zwischen den einzelnen Gruppen flogen lustige Neckereien und Scherzworte hin und her. Sie ließen keinen Busch unbeachtet und krochen in jedes Gestrüpp hinein, dafür war die Arbeit von Erfolg gekrönt. An drei Stellen hatten sich Fallen gefunden, in einer hing sogar ein Hase, schon von der Schnur erwürgt und manches Auge wurde dunkel vor Mitleid.
»Den Wilddieb sollte man auch in einer solchen Schlinge fangen!«, rief Fridolin empört. Und die Kinder stimmten ihm zu.
»In einer Schlinge nicht«, versetzte Kurt, der Sohn des Försters, schlau, »aber wie wäre es mit einer Falle?«
Die kleinen Leute machten ungläubige Gesichter.
»Wie willst du das machen?«, fragten sie, »und woher willst du eine Falle nehmen?«
»Mein Vater hat ein paar Fallen«, erwiderte Kurt, von seiner Idee begeistert, »ich hol’ eine her und stelle sie so auf, dass die Eisen in die Hand einschnappen, wenn jemand den Hasen nehmen will. Die Falle wird unter den Zweigen der jungen Tannensetzlinge versteckt, und außerdem kann der Wilderer ja nur in der Nacht kommen, wo es ohnedies finster ist.«
Seine Gefährten waren bald überzeugt. Die Stelle war zum Verbergen der Falle wirklich gut geeignet. Sie lag in einem Jungwald, durch den ein Wildwechsel zwischen den Bäumen zum Wasser führte, hohes Gras und Farnkraut bedeckten den Boden.
»Zertretet das Gras nicht«, rief ein Mädchen, »sonst merkt man, dass jemand hier war.«
Die Schar zog sich etwas zurück, Kurt lief mit zwei anderen Jungen zur Försterei, um ungesehen die Falle zu holen. Bald erschien er wieder, und alles wurde so vorbereitet, wie es geplant war. Dann aber beeilten sich die Kinder nach Hause; es war mittlerweile schon spät geworden, die Blumen hatten ihre Kelche geschlossen und die Schatten der Bäume dehnten sich lang über den Boden hin.
Ein frischer Morgen hatte die Nacht verdrängt, die Sonne zerriss langsam den Nebelschleier über dem Boden. Noch war es kühl und taufeucht, doch die Jugend konnte dies nicht daran hindern, in den Wald hinauszulaufen. Sie konnte es kaum erwarten, sich vom Erfolg ihrer List zu überzeugen und stellte sich einen bärtigen Wilderer in der Falle sitzend vor. Die Stelle im Jungwald lag aber verlassen da, weder der Hase noch die Falle waren noch zu finden.
Die Gesichter wurden lang, doch Elfi rief: »Hurra, jetzt erwischen wir ihn!«
»Wieso?«, fragte es zurück.
»Er war doch sicher hier«, triumphierte Elfi, »sonst müsste doch die Falle noch da sein, bestimmt ist er hereingekommen. Wir müssen nur jemand finden, der an der Hand Eindrücke von den Zacken der Falle hat!«
Die Kinder schöpften Hoffnung.
»Wir müssen bei allen im Dorf nachschauen!«, rief Fridolin. »Fangen wir gleich an!«
Die junge Gesellschaft teilte sich in Gruppen, denen einzelne Dörfler zugeteilt wurden, um verdächtige Hände an ihnen festzustellen. Mit Feuereifer machten sie sich ans Werk.
Kurt rief noch schnell: »Am Dorfbrunnen treffen wir uns!«
Die gestellte Aufgabe sah sehr einfach aus, war es aber durchaus nicht, wie sich bald herausstellte. Viele Männer bekamen Gelegenheit zur Verwunderung über das seltsame Benehmen der Kinder, denn nicht immer gelang es diesen, die Hände unauffällig anzusehen. Eine harte Nuss gab ihnen der Kirschhofbauer zu knacken auf. Er hatte seine Fäuste in den Hosentaschen versenkt und machte keine Miene, sie wieder hervorzuziehen. Mit missmutigem Gesicht strich er vor seinem Hof hin und her. Die Kinder beobachteten ihn unablässig, aber vergeblich.
»Er muss doch einmal die Hände aus den Taschen nehmen«, rief Elfi schließlich verzweifelt, »wenn er es nicht freiwillig tut, dann müssen wir ihn dazu zwingen!«
»Aber wie?«, fragte es durcheinander.
Die Kinder dachten nach. Sie hatten sich nach und nach im Garten des Sägemüllers, der an das Anwesen des Kirschhofes grenzte, versammelt, fast alle hatten ihre Aufgaben schon gelöst. Über die Steinmauer des Gartens, hinter herabhängenden Zweigen der Obstbäume verborgen, konnten sie das unruhige Wandern des Bauern gut beobachten. Quer durch den Garten schlängelte sich der Bach, der das Sägewerk betrieb. Franz, der Knecht des Müllers hatte eine Angel ausgeworfen, um einige Forellen zu fangen. Und dies gab Fridolin einen Gedanken ein.
»Ich weiß etwas!«, rief er leise. »Wir angeln seinen Hut!« Und flüsternd setzte er seine Idee auseinander.
Gerhard, der Sohn des Sägemeisters lief über einen Umweg in die Werkstatt der Mühle, aus der das Kreischen der Kreissäge klang, und rief vom Fenster aus: »Franz, du sollst zum Vater kommen, er braucht dich einen Moment.«
Nicht gerade erfreut erhob sich der Forellenjäger, er ließ die Angel liegen und stapfte langsam ins Haus. Darauf hatten aber die Kinder gerade gewartet. Als er nach einer Minute schimpfend wiederkam, war die Angel nicht mehr zu finden, so sehr er auch danach suchte.
Der Kirschhofbauer stand gerade unweit der Mauer an ein Gitter gelehnt und sah mit ärgerlichem Gesicht dem Vieh beim Weiden zu. Plötzlich spürte er einen Ruck am Kopf, als wenn ein Windstoß seinen Hut entführen wollte. Unwillkürlich versuchte er ihn festzuhalten, die Kopfbedeckung schwebte zu seinem Erstaunen frei über ihm in der Luft, doch als er danach greifen wollte, hob sie sich langsam und verschwand hinter der Gartenmauer.
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