Sanft zog er ihn zur Kette hin, streichelte über seinen Rücken und ging dann wieder zu Bett. Bald war er vor Müdigkeit eingeschlafen.
Inzwischen hatte Elfi, das Kind des Nachbarn, ein seltsames Erlebnis. Längst schon schlief das Mädchen tief und traumlos in seinem Bett. Das Fenster war offen, doch der sanfte Wind, der mit den Vorhängen spielte, konnte es nicht stören. Plötzlich aber klangen Schritte auf, Äste brachen und lautes Hundegebell weckte das Kind. Verwirrt setzte es sich auf und rieb die Augen. Der Lärm kam aus dem Wald und näherte sich immer mehr dem Haus. Elfi lief zum Fenster, von wo sie direkt in den Wald sehen konnte – ihre Kammer lag an der Hinterseite des Gebäudes.
Zwischen den Stämmen erschien nun ein Mann, er wehrte sich verzweifelt gegen einen großen Hund, der ihn immer wieder ansprang. Elfi erkannte beide: der Mann war der Kirschhofbauer und der Hund war Tasso vom Waldhof – wie oft hatte sie mit ihm gespielt. Dass das Tier so bös sein konnte! Doch die Kleine hatte keine Angst. Schnell warf sie einen Mantel um und eilte durch die Hinterpforte hinaus.
»Pfui, Tasso, lass doch los!« rief Elfi. »Wirst du aufhören! Geh schon!« Sie hielt den Hund am Halsband fest, und wirklich ließ er von seinem Opfer ab. Er kannte das Mädchen und ließ sich beruhigen. Der Bauer war, ohne ein Wort zu sagen, wieder verschwunden.
Das Kind schüttelte erstaunt den Kopf und wandte sich wieder dem Hund zu: »Lauf nach Haus’, Tasso, komm, sei brav!«
Es gab ihm einen Klaps und wirklich trottete der Hund in Richtung zum Waldhof davon. Elfi dachte nicht weiter über das Geschehen nach, sondern legte sich gleich wieder in sein Bettchen, gähnte noch einmal und war auch schon eingeschlafen.
Ein strahlend schöner Morgen zog herauf. Tiefblau wölbte sich der Himmel über den Wipfeln, einige Vögel zogen hoch droben ihre Bahn. Überall glitzerte und blitzte es, es waren Tautropfen, an denen sich das Sonnenlicht brach.
Toni war schon zeitig auf den Beinen. Es war seine Aufgabe, das Vieh zu füttern, die Kuh auf die Weide zu bringen, das Pferd zu striegeln. Sein Vater arbeitete schon auf dem zwar kleinen, aber gepflegten Feld, das ganz von Wald umgeben auf der Lichtung neben dem Bauernhaus lag.
Toni holte eben Holz aus dem Schuppen und legte es zum Trocknen in die Sonne. Als er einige Scheite aus einer dunklen Ecke des Schuppens hervorzog, hörte er etwas klirren. Verwundert schaute er nach und zog eine Schnappfalle hervor, dahinter fanden sich Schlingen, ein großes blutiges Messer, und ganz hinten lag noch ein frisch abgezogenes Hasenfell. Toni war zutiefst erschrocken.
Des Vaters nächtlicher Ausflug fiel ihm ein, die bösen Gerüchte schienen sich zu bestätigen. Dennoch konnte er es nicht glauben. Er musste jetzt mit seinem Vater sprechen, doch als er hinauslief, durchzuckte ihn ein neuer Schreck: Drei Gendarmen sprachen gerade mit seinem Vater am Waldrand und einige Neugierige standen dabei. Nun setzten sich alle in Richtung auf das Haus in Bewegung. Toni lief hinzu, so schnell er konnte, er hatte ein ungutes Gefühl.
»Euer Haus wird durchsucht!«, rief ihm ein Junge entgegen, die naseweisen Kinder mussten natürlich auch dabei sein. Toni blickte ängstlich zu seinem Vater auf, doch der sah äußerst ruhig und gefasst aus.
»Schauen Sie nur genau nach«, sagte er fest, »ich habe nichts zu verbergen.«
Ein Gendarm stellte sich an die Tür, die anderen betraten das Haus und begannen alle Ecken zu durchwühlen, die Zuschauer warteten im Hof und debattierten über Schuld und Unschuld des Waldbauern.
Auch der Besitzer des Kirschhofes war dabei. Er beteiligte sich nicht an den Gesprächen, trat aber jetzt zum Wächter an der Tür und sagte beiläufig: »Es ist doch unwahrscheinlich, dass ihr im Haus etwas findet! Schaut doch lieber in den Ställen nach, oder in dem Schuppen dort hinten!«
Der Gendarm antwortete kurz: »Es wird alles durchsucht. Und wenn etwas da ist, dann finden wir es.«
Toni hatte dies mitangehört und war nun dem Weinen nahe. Wenn der Schuppen durchsucht wurde, dann war alles aus und sein Vater würde eingesperrt. Und noch dazu durch seine Schuld, denn er hatte die verdächtigen Geräte gerade hervorgekramt, sie lagen offen im Schuppen. Das musste verhindert werden! Unbemerkt machte er sich davon und begann das Wildererwerkzeug durch das hintere Fenster der Hütte auszuräumen, da das vordere Fenster und die Tür vom Hof aus zu beobachten waren.
Obwohl der Gendarm die Leute aufforderte, sich zu entfernen, gaben diese ihre Belagerung nicht auf. Die Kinder sprangen im Hofe herum, die Hühner gackerten aufgeregt und der Hund riss an der Kette. Ein Schmetterling verwirrte sich in den Hof, ein Junge jagte ihm nach und versuchte ihn zu haschen. Dabei gelangte er hinter den Schuppen; gerade verschwand Toni mit der Falle im Gebüsch, an der Hinterwand lagen Schlingen und das Hasenfell. Das Kind, das dies beobachtet hatte, lief aufgeregt zu den anderen.
»Ich hab’ etwas gesehen!«, sprudelte es hervor. »Toni versteckt eine Falle im Wald, dort hinter dem Schuppen!«
Toni war gerade dabei, den Rest zusammenzupacken, als ein Polizist, verfolgt von den Sensationslustigen, hervorstürzte und ihn am Schopf erwischte.
Die Schuld des Waldhofbauern schien erwiesen, zwei Gendarmen führten ihn ab. Der Eingang wurde versiegelt und Toni, den man für mitschuldig hielt, sollte unter Aufsicht gestellt werden; zu spät wurde bemerkt, dass er sich in dem Wirbel davongemacht hatte.
Bestürzt und ziellos irrte Toni im Walde umher und wich ängstlich jedem Menschen aus. Er merkte nichts von der Schönheit der Natur, die ihn umgab. Rot und lockend leuchteten duftige Waldbeeren vom Boden auf, bunte Pilze standen in Gruppen beisammen. Manchmal summte ein dicker Käfer über den Heidelbeerstauden, es roch nach lockerer Walderde und Harz, das an manchen Stellen aus Ritzen in der Rinde der Tannen und Fichten hervorquoll.
Toni rannte ohne Verweilen weiter. Schließlich gelangte er an den Friedhof, wo er sich erschöpft am Grab der Mutter niederkauerte. Sie wäre die Einzige gewesen, die noch hätte helfen können, doch sie lebte ja nicht mehr. Toni spürte eine Träne an seiner Wange herunterrinnen; er starrte den Hügel an, der seine Mutter bedeckte – jetzt erst bemerkte er frische Blumen auf dem Grabstein.
Es war ein Strauß Nelken und das Kind erinnerte sich: Das waren doch die Nelken, die gestern auf dem Küchentisch gestanden waren! Und noch etwas fiel ich ein: Nur Vater konnte sie gebracht haben, er musste in der Nacht auf dem Friedhof gewesen sein. Sein nächtlicher Ausflug hatte also nichts mit Wilderei zu tun und Toni wusste auf einmal ganz sicher: Sein Vater war unschuldig.
Neue Hoffnung stieg in ihm auf, es würde sich schon ein Ausweg finden. Es war dem Buben, als wenn die Mutter selbst geholfen hätte, er sah wieder ihr gütiges Antlitz vor sich, ihre abgearbeiteten Hände, die ihm doch so sanft über das Haar gestrichen waren.
Aus seiner Versunkenheit riss ihn die heisere Stimme des Totengräbers: »Ah, da bist du, du Schlingel! Na, komm nur, dich liefere ich im Gefängnis ab!«
Widerstandslos ließ sich Toni mitnehmen. Er wurde nicht auf die Wachstube gebracht, sondern nur unter die Aufsicht des Schuldieners gestellt. Dieser war nicht unfreundlich zu ihm, schloss ihn jedoch in ein Klassenzimmer ein.
Schnell hatte sich herumgesprochen, dass Toni im Schulhaus eingesperrt war, auch Elfi hatte davon gehört. Toni tat ihr leid. Sie beschloss, ihm etwas zu essen zu bringen, denn sie dachte, er bekäme nur Wasser und trockenes Brot.
Vor der Schulhaustür, gleich unter einem Fenster des Klassenzimmers, in dem Toni festgehalten wurde, saß der Schulwart und sonnte sich. Durchs Fenster konnte man also dem Gefangenen nichts zustecken. Das Schulhaus aber hatte noch einen hinteren Eingang und so war es nicht schwer, hineinzugelangen. Doch die Tür des Klassenzimmers war versperrt, der Schlüssel abgezogen.
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