Über den von Sprüngen durchzogenen Boden tasteten die Füße zum Klavier und die bebenden Finger öffneten den Deckel, dass ein feiner Staubfaden zu Boden rieselte. Noch stand der Klavierschemel da und wie vor undenklich langer Zeit setzte er sich und die Hände suchten auf den Tasten. Und wirklich kamen einige Töne zum Vorschein und zerflatterten im aufgewühlten Staub und zögernd fanden sie sich zu einer Melodie zusammen, noch stockend und tropfenhaft. Langsam ging es fließender und dazwischen klang wieder die taktzählende Stimme des Klavierlehrers so wie einst. Er hörte die verstimmten Saiten nicht mehr, nur die reinen klaren Töne klangen auf und dazwischen mischte sich der Bass des Vaters, der manchmal an den Winterabenden ein Liedchen zum Besten gab, und die winselnden Geigentöne des Bruders; sie klangen auf einmal ganz seltsam schön. Das Spiel wurde lauter und jubelnder, ein Abend in fröhlicher Geselligkeit mit Freunden fiel ihm ein und der Nachbar, der immer wieder ruhemahnend an die Wand klopfen musste.
Er hörte das leise Lachen Gertruds in die Akkorde hineinklingen und nun war der Abend wieder da, an dem er ganz allein für sie gespielt hatte und ihre schmale Gestalt war im viel zu großen Lehnstuhl versunken und hatte gelauscht. Die Finger glitten nun wie von selbst über die Tasten, bis sie mit einem weichen Dreiklang die Klänge schlossen. Er sah Gertrud zum Fenster treten und ihre zarte Silhouette sich gegen den rötlichgrauen Abendhimmel abheben. Damals war er still am Schemel sitzen geblieben, ganz versunken in diesen Anblick.
Er wollte aber aufstehen, ganz leise hinter sie treten und den Arm ganz leicht um die feine Schulter legen. Und er erhob sich, langsam schleppe er sich zum Fenster und wie damals fiel ein Sonnenstrahl herein. Die Rechte krallte sich in den Vorhang und der Blick fiel irgendwohin in den Himmel. Unter den Füßen verbreiterte sich der Sprung, der quer durch das Zimmer lief, und ein Ziegel fiel in die untere Wohnung und dann noch einer, es löste sich ein Balken und rutschte ab, und eine Mauer neigte sich und stürzte mit dem ganzen Trakt zusammen. In das Rollen irrte noch ein weher Laut von reißenden Klaviersaiten – dann war anstelle des Gebäudes nur noch eine blasse Staubwolke, die sich langsam zerteilte und dann absank.
Vorn an der Ruine hoben zwei Kinder die Köpfe und wandten sich kurz darauf wieder ihrem Spiel zu.
Manuskript mit Datum vom 16.07.1949
Heute bin ich sechsundsiebzig Jahre alt, und ich fühle, dass mein Denken schwerfällig wird und meine Erinnerungen verblassen. Bevor sich aber die Schleier des Vergessens endgültig über mich senken, habe ich noch eine Pflicht zu erfüllen: Ich muss die Spieldose vernichten. Dies hätte schon damals geschehen sollen – mein Leben wäre anders verlaufen.
Damals – das sind die Tage vor Beginn des sechsten Semesters meines Studiums an der Wiener Musikakademie. Ich hatte die Ferien in meinem Heimatort, einem kleinen Dorf in den Voralpen, verbracht. Eines Tages erzählte mir jemand von einem alten Spielmann, der sich einem versteckten Tal niedergelassen hatte, er warnte mich aber zugleich, ihn aufzusuchen. Einigen, die dies versucht hätten, wäre es nicht gut bekommen.
Zu der Zeit besaß ich noch so viel gesunden Lebensmut, um mich über solche Bedenken hinwegsetzen zu können. Mich interessierten einige italienische Geigen, die sich in seinem Besitz befinden sollten und ich machte mich schon am nächsten Tag auf den Weg.
Meine Wanderung führte mich in eine verlassene Gegend. Langsam gingen die Hänge des Tals in zerklüftete Wände über, sie stiegen immer höher und höher und schoben sich allmählich so weit zusammen, dass kein Sonnenstrahl den Talgrund mehr erreichen konnte.
Eine eigenartige Beklemmung erfasste mich, als ich die Hütte des Musikanten betrat. Aus einer Ecke des dämmrigen Raumes hörte ich gemurmelte Worte. Auf einer niedrigen Bettstatt lag dort ein alter Mann – aus den zerschlissenen Decken sah nur der Kopf hervor, der Kopf eines Greises, an dem schlohweißes Haar und einzelne rabenschwarze Strähne einen eigenartigen Gegensatz bildeten.
Nur schwer konnte ich die Aufmerksamkeit des Alten auf mich lenken und ein Gespräch beginnen. Als ich die Rede auf seine Geigen brachte, glitt ein schwaches trauriges Lächeln über seine Züge. Ihr jungen Leute, sagte er, schlagt alle den falschen Weg ein. Das Instrument ist doch nur ein Mittel zum Zweck. Was ihr finden wollt, ist aber die Melodie. Die Melodie!
Seine Hände tasteten nach einem Schemel am Kopfende des Bettes. Dort stand eine Schatulle aus schwarzem, kupferbeschlagenem Holz. Als er den Deckel hob, sah ich, dass es eine Spieldose war. Über eine Walze liefen Metallhämmerchen zu einem Gewirr von feinen gespannten Saiten.
Meine Neugier war geweckt – ich brachte das Spielwerk sogleich mit der Melodie in Zusammenhang, die der greise Spielmann erwähnt hatte. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich aber, dass sich die mageren Finger zwischen die haardünnen Drähte krallten und daran zerrten. Ein weher ächzender Ton kam aus dem Kistchen. Der Alte schien den ganzen Rest seiner schwindenden Kräfte zu sammeln, um das wertvolle Werk zu zerstören.
Ich hielt sein Tun für die Folge einer aufsteigenden Geistesverwirrung und rückte die Spieldose aus dem Bereich seiner zitternden Hände. Immer wieder fasste er vergeblich danach und dabei flüsterte er: Niemand darf sie mehr hören, niemand! Endlich sank er zurück und rührte sich nicht mehr.
Ich bin dann wie gehetzt ins Dorf zurückgelaufen – die Spieldose unterm Mantel versteckt. Im Schutze der Nacht zog ich das Werk auf und vernahm zum ersten Mal die Melodie. –
Von dieser Nacht an kenne ich keine andere Melodie mehr als sie. Sie ist die Musik schlechthin. Alles, was bisher gesungen und gespielt wurde, ist nur ihr schäbiger Abklatsch. Ich hörte sie in jedem Lied, es drängte mich, sie zu spielen, sooft ich ein Instrument in die Hand nahm, ich schrieb sie tausendmal auf Notenpapier. Niemand anderer aber durfte von ihrer Existenz erfahren – ich wollte sie bearbeiten und in einer großen Tondichtung verwenden.
Es gelang mir nicht.
Sie existiert für sich selbst – neben ihr kann nichts bestehen. Sie ist vollkommen. Zu vollkommen für mich. Andere Musik bedeutet mir nichts mehr. Ich habe mein Studium aufgegeben und führe seither meinen kleinen Notenladen. Die Melodie hat meine Hoffnung, meine Pläne und mein Leben zerbrochen. –
Die Spieldose soll niemand anderen mehr unglücklich machen. Ich werde die Drähte zerreißen, die Hämmer verbiegen und die Walze zerschneiden. Hoffentlich habe ich noch die Kraft dazu.
Vorher aber will ich sie noch einmal hören.
Entstehungsdatum ca. 1946–1950
Obwohl weite, dunkelgrüne Nadelwälder ein Übriges dazu taten, das Dorf vor der Umwelt verborgen zu halten, vergaß die freundliche Nachmittagssonne nicht, es in ihren strahlenden Schein zu tauchen. Nur ein schmaler Gürtel von Wiesen und Feldern trennte die Ortschaft vom Waldrand. In malerischer Unordnung reihten sich die wenigen Häuser um ein altertümliches Kirchlein, sie drängten sich wie die Herde um den Hirten, und nur widerwillig schienen sie der Straße Platz zu machen. Der Bach, der kaltes, klares Gebirgswasser direkt aus den Bergen hertrug, war bescheidener; in vielen Windungen schlängelte sich sein silbernes Band um die Häuser herum, als wollte es ihnen nah werden; weiter unten war das Rauschen eines Mühlrades zu hören.
Die Dorfstraße herab kam ein Junge gelaufen, fröhlich schlenkerte er eine mit Brombeeren gefüllte Kanne. Vor dem Hause des Dorfschusters hielt er an, strich noch schnell das Haar aus der Stirne und klopfte dann an die Scheibe des offenen Fensters. Eine Katze, die sich am Fensterbrett behaglich gesonnt hatte, fuhr erschrocken auf und eine Frau erschien mit Mistschaufel und Besen bewaffnet.
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