Er entnahm den Samen der Kapsel und hielt ihn über das Loch. Das Samenkorn schien sich zwischen seinen Fingern zu winden. Angewidert ließ er es fallen. Kolvar zog hastig das Fläschchen mit Ikondrars Blut aus seinem Umhang, entfernte den Pfropfen und träufelte es über den unscheinbaren Keimling. Seine Lippen murmelten unterdessen die auswendig gelernten Beschwörungen. Nach Abschluss der Prozedur bedeckte er den Samen mit der ausgehobenen Erde. Mit einem kleinen Spaten drückte er schließlich den aufgelockerten Boden wieder fest. Kaum hatte er dies erledigt, durchströmte ihn ein Gefühl intensiver Erleichterung. Schnell kehrte er in sein Anwesen zurück.
Die magischen Energien, die in dem Samen gebunden waren, spürte er selbst dann noch, als er im Schaukelstuhl seiner Bibliothek seinen Nachmittagstee zu sich nahm.
Kolvar saß in seinem kleinen Arbeitszimmer im Nordturm und untersuchte ein archäologisches Artefakt, das ihm ein reisender Händler vor ein paar Wochen auf dem Markt angeboten hatte. Den Angaben des Händlers zufolge stammte das seltene Stück aus den Blutwüsten weit im Süden des Landes. Ein rundes bronzenes Objekt, ähnlich einem Amulett. Es war an einer langen dünnen Kette befestigt, die man sich um den Hals hängen konnte. Auf seiner Oberfläche befand sich eine Vielzahl unterschiedlich großer Erhebungen, die – sobald man sie mit dem Finger berührte – schwach zu leuchten begannen. Dabei gab das Artefakt ein tiefes Brummen von sich. Kolvar schätzte den Wert des Objektes recht hoch, kam bei seinen Untersuchungen jedoch kaum einen Schritt weiter.
Völlig außer Atem, stürzte plötzlich Kolvars Gärtner ins Arbeitszimmer. Mit ernstem und starrem Gesicht hatte er Kolvar in den letzten Tagen detailliert darüber Bericht erstattet, dass sämtliche Vegetation in der Nähe des neu gepflanzten Samens verkümmert war. Sogar das widerstandsfähige Trompetengras verdorrte zu unansehnlichen schwarzen Strünken. Dafür gedieh die Frucht des Samens prächtig und blähte sich wie ein riesiges Kürbisgewächs auf.
»Entschuldigt mein Eindringen, Herr, aber in der Frucht regt sich etwas ganz und gar Unheimliches. Als mich dieses Etwas aus dem Inneren der Pflanze heraus anknurrte, packte mich die Angst. Verzeiht mir, Herr … ich konnte nur noch davonlaufen …«
Kolvars Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Es geschieht alles so, wie es vorgesehen ist. Keine Furcht, du bist geschützt und in Sicherheit.«
Er erhob sich langsam von seinem Stuhl: »Vielleicht ist es ja schon so weit. Ich sollte selbst einmal nachsehen.«
Vielfarbige Schmetterlinge tanzten in der Luft, als Kolvar aus der schmalen Tür trat, die eigentlich für die Dienstboten vorgesehen war. Diese besonderen Schmetterlinge gehörten nicht zur Gattung der Insekten, sondern waren Teil einer Pflanze, die sich auf diese Art fortpflanzte. Die falschen Schmetterlinge konnten deshalb auch nur in unmittelbarer Nähe der Pflanze überleben. Kolvar lief dicht begrünte Wege entlang. Prächtige Blüten hatten sich der Sonne geöffnet und wiegten sich im sanften Wind.
Je näher Kolvar dem gepflanzten Samen kam, umso weniger Blüten gab es zu bewundern. Viele Blätter waren verdorrt oder begannen gelb und braun zu werden. Manche Pflanzen dagegen waren dicht mit weißem Schimmel überzogen. Ein stärker werdender Geruch nach Verwesung drang ihm in die Nase. Schließlich erreichte er die Stelle, an der er den Samen gepflanzt hatte.
Die Größe der Frucht übertraf Kolvars Erwartungen. Ihre Hülle erinnerte ihn an dunkle ledrige Haut, unter deren grünlich schimmernder Oberfläche sich ein dicht verästeltes Adergeflecht ausbreitete. Die monströse Frucht schien wie im Rhythmus eines Herzschlages zu pulsieren.
Eine Stimme krächzte. Es klang, als versuchte ein Tier, sich in menschlicher Sprache zu artikulieren. Kolvar trat näher an den bizarren Fruchtkörper heran. Vorsichtig berührte er mit seinen Fingerspitzen dessen feucht glänzende Oberfläche. Diese fühlte sich wie sprödes Pergament an.
Kolvar zuckte zurück, als eine rötlich schimmernde Hand die Fruchthülle durchstieß. Stinkende, gelbliche Flüssigkeit quoll aus der Öffnung und ein grausiges Gebrüll, wie nur Irrsinnige es hervorzubringen vermochten, drückte sämtliche anderen Geräusche nieder. Eine zweite Hand drängte sich durch die entstandene Öffnung und beide Hände drückten die Bruchstelle auseinander. Ein Riss öffnete sich. Mehr und mehr Flüssigkeit sprudelte hervor und benetzte den Boden. Ein unangenehm reißendes Geräusch ertönte plötzlich. Die Öffnung vergrößerte sich schlagartig. Mit einem gewaltigen Schwall wurde die eingeschlossene Kreatur hinaus auf die Erde gespült. Die Frucht fiel mit feuchtem Schmatzen in sich zusammen.
Das schleimüberzogene Wesen lag einige Augenblicke völlig regungslos inmitten der dampfenden Brühe. Dann kam Leben in den bleichen Leib. Langsam erhob sich die unheimliche Gestalt. Kolvar wich zurück, als er in das Gesicht der Kreatur blickte. Schleimfäden hingen ihm von Nase, Lippen und Stirn. Es bestand kein Zweifel, es war sein eigenes Gesicht, in das er da blickte.
»Das kann nicht sein«, stammelte Kolvar.
Hinter ihm ertönte das Lachen des Gärtners: »Es geschieht alles so, wie es vorgesehen ist.«
Kolvar drehte sich um und sah gerade noch die Gestalt des Gärtners verschwimmen und sich seltsam verzerren. Das Gesicht gerann kurzzeitig zu einer grotesken Fratze und einen Augenblick später stand der spöttisch lächelnde und makellos gekleidete Ikondrar vor ihm. Ein simpler Verwandlungszauber …
»Baldrug hat mir alles gestanden«, sagte Ikondrar, dessen unbeschwerter Blick Kolvar schmerzhafte Stiche versetzte. »Ich habe daraufhin einen Überfall arrangiert, um Euch mit der bezaubernden Leena bekannt zu machen. Sie besorgte mir etwas von Eurem wertvollen Blut. Ihr habt nicht einmal bemerkt, dass sie Euch ein Schlafmittel in den Wein mischte. Ihr könnt Euch sicherlich denken, wofür ich das Blut benötigte …«
Kolvar traf ein harter Schlag auf den Hinterkopf, sodass er nach vorn taumelte und beinahe zu Boden stürzte.
»Verzeiht mir, dass ich nicht zusehen kann, wie Euch Euer Ebenbild von Eurer jämmerlichen Existenz befreit«, rief Ikondrar. »Ich muss noch Baldrugs Tochter aus Eurem simplen magischen Gefängnis befreien. Dafür habt Ihr doch sicher Verständnis.«
Kolvar traf ein weiterer heftiger Schlag auf den Rücken. Es gelang ihm, sich umzuwenden, bevor die nächste Attacke auf ihn niederprasselte.
In dem so vertrauten Gesicht seines Doppelgängers zeichnete sich nicht die geringste menschliche Regung ab.
Paul nannte den Mars auch gern den Planeten der gescheiterten Beziehungen. Kein normaler Mensch würde freiwillig seine Zeit hier verbringen. Früher gingen die Menschen ins Kloster, um sich eine Auszeit von der Welt zu nehmen. Heute flogen sie zum Mars.
Der Blick aus dem zerkratzten Cockpitfenster des kleinen Rovers wirkte trostlos und unspektakulär. Er hätte sich ebenso gut zwischen den endlosen Dünenflächen einer irdischen Wüste befinden können. Der Sand besaß vielleicht eine etwas rötlichere Tönung, doch dies konnte auch auf Einbildung zurückzuführen sein. Zumindest die Sonne brannte hier kleiner und stechender vom Himmel herab, als auf der Erde.
Die Werbefilme der EMP vermarkteten den Mars als großes Abenteuer für wagemutige Frauen und Männer. In Wirklichkeit bestand der größte Teil der hier verbrachten Zeit aus monotonen Reparatureinsätzen und dem Warten auf die nächste Havarie. Hinzu kam ein täglich zu absolvierendes Muskelaufbautraining von mehreren Stunden. Ohne dieses Training würde der Muskelapparat – der geringeren Schwerkraft wegen – innerhalb weniger Wochen spürbar an Masse verlieren. Spannend war dies allenfalls für Fitnessfanatiker.
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