Wir brauchen dieses abstrakte Thema nicht weiter zu verfolgen, weil dieses Buch in zentralen Punkten von anderen Voraussetzungen ausgeht als die üblichen »Elternratgeber«. Wir betrachten jede Art von Praxis als Tatsache, die wir nicht kritisieren, sondern verstehen wollen. Praxis im Sinne von Verhalten ist eine Kombination aus körperlichen, seelischen und geistigen Anteilen, und auf der Suche nach friedenserhaltenden und friedensstiftenden Alternativen prüfen und bewerten wir lediglich die letzteren, also die gedanklichen, »theoretischen« Anteile jedweder Handlung (und auch Meinung, Motivation, Zielvorstellung und dergleichen). Das von uns benutzte »Seele/Verstand-Modell« wird sich auch beim Thema Frieden und Gleichberechtigung – nach den Themen »Vernunft« und »Harmonische Familienbeziehungen« in früheren Büchern – als fruchtbar erweisen und viele angeblich so schwierige Probleme der Praxis als schlichte Folgen falscher Theorien entlarven. Theorien thronen nicht über der Praxis, sondern stecken mitten in ihr drin. In gewissem Sinne könnten wir demnach den Begriff »Gleichberechtigung« auch auf das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis, zwischen Denken und Tun anwenden …
Doch zurück ins Kinderzimmer, zum Verhältnis zwischen den Generationen. Dabei meinen wir mit »Kinderzimmer« nicht nur den realen Raum, in dem sich die Kinder gelegentlich aufhalten, sondern auch den »Raum« im übertragenen Sinne, der in den Köpfen Erwachsener mit Gefühlen, Gedanken und Vorstellungen gefüllt ist, die sich auf Kinder beziehen. In diesem »Kinderzimmer« herrscht heutzutage ein heilloses Durcheinander, eine nicht selten geradezu chaotische Unordnung – mit der zwangsläufigen Folge, daß ein friedliches und harmonisches Zusammenleben der Generationen nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist, trotz größter Mühen und bester Absichten. Wenn es gelingt, dieses »Kinderzimmer« einigermaßen aufzuräumen, stellt sich schnell heraus, wie leicht es im Grunde ist, den Überblick zu behalten und in jeder Situation das jeweils Bestmögliche zu tun.
Wir kommen zu dieser optimistischen Aussage aus verschiedenen Gründen. Ein Hauptgrund sind die vielen uns bekannten Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, deren Eltern – teilweise schon vor mehreren Jahrzehnten – dafür gesorgt haben, daß ihre Kinder in eben der »aufgeräumten« Atmosphäre aufwachsen konnten, deren Voraussetzung wir jetzt beschreiben und diskutieren. Ein Kernproblem zwischenmenschlicher Kommunikation besteht ja darin, daß Botschaften (Gefühle, Handlungen, Informationen) der einen Seite keineswegs automatisch bei der anderen Seite die Wirkungen auslösen, die beabsichtigt waren. Es gibt also oft einen Unterschied zwischen Absicht und Ergebnis. Dieser Unterschied wird dann von der »Sender«-Seite leicht der »Empfänger«-Seite zur Last gelegt, und schon können aus bestgemeinten und friedlichsten Aktivitäten die heftigsten Streitereien werden. Besonders auf dem Gebiet der sogenannten »Erziehung« werden bei den üblichen Diskussionen über all den hehren Wünschen gern die tatsächlichen Wirkungen ignoriert und mit wahnhaftem Eifer Illusionen gepflegt. Wenn Erwachsene (»Erzieher«) Kinder (»Zöglinge«) als Erziehungs-Objekte wahrnehmen, erleben sie deren Subjekthaftigkeit (deren »eigenen Kopf«) nicht als selbstverständliche Tatsache, sondern als möglichst zu überwindende Störung. Sie denken, planen und handeln buchstäblich über die Köpfe der Kinder hinweg. Und wundern sich, daß die Kinder ihnen immer fremder werden, daß sie sich verschließen und nicht selten feindselig auf Maßnahmen reagieren, die doch nur von Liebe und Sorge motiviert waren. Die Unordnung im »Kinderzimmer« entsteht hauptsächlich dadurch, daß sich dort ein Gehirn die Gedanken von zwei Gehirnen macht. Dabei wird das zweite Gehirn als berechenbare Größe vorausgesetzt, nicht als Organ der Subjektivität, das selbstbestimmte (oft sogar willkürliche) Entscheidungen trifft. Dieser grundsätzliche Denkfehler ist fester Bestandteil der »Erziehungsideologie«, ein Symptom extremen Wunschdenkens und Machbarkeitswahns, das in der Regel durch die Wirklichkeit/Praxis nicht korrigiert werden kann, solange es nicht als falsche Idee/Theorie durchschaut ist. Immer lauter werden die Stimmen, immer härter die Schläge, immer drakonischer die Strafen – und immer verstockter die »Objekte«, die ja in Wirklichkeit keine Objekte sind, sondern Subjekte, nämlich lebendige Menschen.
Kinder, die – möglichst von Anfang an – als richtige Menschen wahrgenommen, also erkannt und anerkannt werden, machen natürlich andere Erfahrungen mit ihrer Umwelt und mit sich selbst als Kinder, denen der Status von minderwertigen, untergeordneten Wesen, die Rolle von Objekten zugeschrieben, zugedacht und letztlich aufgezwungen wird. Wie sehen junge Menschen, die (wenigstens in ihren Familien) friedlich und gleichberechtigt aufwachsen konnten, sich selbst und die Welt? Sind die vielen Prophezeiungen eingetroffen, die sich ihre Eltern anfangs anhören mußten über das schreckliche »Ende«, das ihr »Experiment« zwangsläufig nehmen würde? Machen sie ihren Eltern heute – 15 bis 28 Jahre später – ähnliche Vorwürfe, wie sie von den »antiautoritär Erzogenen« gelegentlich erhoben werden? Oder sind sie mit der »Beziehungsform Gleichberechtigung« zufrieden, und zwar ausnahmslos und hundertprozentig?
Wir haben vierzehn junge Menschen unserer nahen Umgebung mit dieser und einigen weiteren Fragen konfrontiert (die Meinung ihrer Eltern versteht sich ja von selbst) und bedanken uns herzlich für ihre Mitwirkung bei: Anna (25), Dora (17), Florian (18), Guido (19), Indrani (18), Lena (16), Lisa (28), Mathias (23), Nina (16), Oliver (19), Paul (18), Tim (18), Thimo (20), Ulli (15).
Wir hatten ursprünglich vor, aus den teilweise sehr ausführlichen und immer äußerst interessanten Gesprächen mit diesen Betroffenen für unser Buch längere Passagen zu verwenden, stellten dann aber fest, daß das für unsere Leserschaft, schlicht gesagt, langweilig wäre. Denn da es in dem Buch um das allgemeine Prinzip geht, nicht um die individuellen Besonderheiten, würden sich die zentralen Aussagen ständig wiederholen, und obwohl wir beim Zuhören (und beim Abhören der Tonbänder) sehr beeindruckt waren, mußten wir erkennen, daß sich die Wirkung des gesprochenen Wortes in der schriftlichen Wiedergabe nicht »rüberbringen« läßt.
Wir werden im letzten Abschnitt des folgenden Kapitels auf diese Gespräche zurückkommen, fassen aber jetzt schon zusammen: Die jungen Leute erklärten übereinstimmend, daß sie mit der »Beziehungsform Gleichberechtigung«, die wir im Kapitel »Die siebente Beziehungsform« beschreiben werden, hundertprozentig zufrieden waren und sind. Sie alle sind vollkommen davon überzeugt, daß dies nicht nur eine gute und zufriedenstellende, sondern die einzig richtige Basis für das Verhältnis zwischen den Generationen ist. Daß Erwachsene Kinder »von oben nach unten« behandeln, wie es noch weithin und offiziell üblich ist, lehnen sie als überholt und unwürdig ab, auch schlicht als unpraktisch und unproduktiv (das »bringt nichts« oder »bringt’s nicht«). Sie fänden es gut, wenn es gelänge, die Gleichberechtigung der Generationen in allen Familien und überhaupt überall (etwa auch in der Schule) einzuführen. Sie sind gemeinsam davon überzeugt, daß das auch geschehen wird, unterscheiden sich aber stark in der Reaktion auf die Frage, wie lange das noch dauern wird. Sie erklären ausnahmslos und ohne Einschränkung, daß sie selbst, falls sie Eltern werden, mit ihren Kindern von Anfang an ebenfalls gleichberechtigt leben wollen. Für die Behauptung, daß Kinder nicht in der Lage seien, in Freiheit und Selbstverantwortung aufzuwachsen, und daß sie das auch gar nicht wollten, hatten viele nur ein »müdes Lächeln« übrig; die meisten zeigten (außerdem) unterschiedlich starke Ansätze zu Empörung, letztendlich aber Verständnis für das dieser Behauptung zugrundeliegende Mißverständnis. Die Befürchtung, aus gleichberechtigten Familien würden unglückliche oder irgendwie unerfreuliche und sozial »mangelhafte« Individuen hervorgehen, sehen sie alle als theoretisch unbegründet und praktisch durch ihre eigene Person widerlegt an. Die Frage, ob sie, verglichen mit anderen, die »besseren Menschen« seien, mochten die meisten nicht beantworten, aber sie erklärten einhellig, wohl eine schönere Kindheit gehabt zu haben als viele andere und mit ihren Eltern noch immer und grundsätzlich in besseren Beziehungen zu leben als andere. Soweit für’s erste diese Aussagen.
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